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Die Box




31. Oktober 2010
Peter Becker
und Hilmar Schmundt
für satt.org



Kriminalmuseum, Graz

 

Der Katholizismus hat den Vatikan, das Judentum hat die Klagemauer, der Islam hat Mekka. Doch es gibt auch Orte, an denen sich Aufklärung und Moderne ihrer Ursprünge versichern? Und wenn ja: wie fühlt es sich an, ein Mekka der Biologie oder der Teilchenphysik zu betreten? Gibt es Menschen, die an säkuläre Pilgerstätten reisen? Die statt nach Santiago der Lourdes andächtig den Louvre besuchen, den Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg oder Cape Canaveral in Florida?

Derlei Mekkas der Moderne haben eine ganz eigene Aura. Oft betreten die Besucher sie mit Ehrfurcht: so etwa das Teilchenforschungszentrum CERN in Genf oder das British Museum in London, das jährlich fast fünf Millionen Besucher aus aller Welt anzieht weit mehr als der Vatikan oder selbst Mekka.

Eine Arbeitsgruppe der Jungen Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg, Herausgeberin unter anderem des "Campus-Knigge", hat diesmal Biologen und Physiker, Romanautoren, Journalisten und Essayisten um ihre Meinung gefragt: Gibt es so etwas wie Mekkas der Moderne? Und wenn ja, welche?

Michael Rutschky zum Beispiel reist nach Wittenberg auf den Spuren des Protestantismus - und findet einen Themepark vor. David Wagner recherchiert vor Ort in der Charité, einer der traditionsreichsten Kliniken Europas - ein Ortsbesuch im Liegen, denn er tut es, dem Gegenstand angemessen, als Patient. Peter Glaser erkennt eine Art modernes Orakel im Suchschlitz von Google. Harald Lesch begibt sich in Weimar auf eine Spurensuche nach dem anderen, dem naturwissenschaftlichen Goethe. "Der Geheimrat würde sich im Grabe umdrehen", so sein Fazit über den Goethetourismus in Weimar, "aber nur, um besser sehen zu können."

Die Buchpublikation von "Mekkas der Moderne" ist nicht der Endpunkt dieser virtuellen Bildungsreise, sondern ein Aufakt. Auf dem Blog mekkasdermoderne.de geht die Diskussion weiter. Dort befindet sich auch ein Teil des Buches als pdf zum Herunterladen. Was wäre Ihr Mekka der Moderne? Oder ist diese Frage an sich schon falsch gestellt? Schicken Sie uns Kritik, Anregungen oder Beiträge für das Blog unter info@mekkasdermoderne.
[Hilmar Schmundt]





Der Tatortkoffer des Kriminalisten Hans Gross ist nicht nur ein beliebtes Exponat, vor dem die Besucher im Grazer Kriminalmuseum lange stehen bleiben. Obwohl er geheimnisvolle Straffragen klären soll, steckt er selbst voller Fragen an den Betrachter: Was haben die Chemikalien, Schreibfedern und Reservestrümpfe gemeinsam?

Für den Betrachter ist der Koffer als Artefakt mitsamt seinen ordentlich verstauten Utensilien nicht gänzlich fremd, bezieht er sich doch auf medial vermittelte Bilder kriminalistischer Tätigkeit im Stile des Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Die Aufklärungsinstrumente als »Little Tools of Knowledge« sind auch in anderen medialen Thematisierungen polizeilicher Ermittlungsarbeit präsent, etwa bei den amerikanischen Hitech-Ermittlern von »Crime Scene Investigation«, kurz: CSI. Sherlock Holmes und CSI sind daher zwei Elemente jenes Referenzraums, in dem sich die Besucher des Grazer Kriminalmuseums bewegen, wenn sie den Tatortkoffer bestaunen.

Das 1896 gegründete Museum war für Hans Gross kein Ort der Unterhaltung oder gar der Indoktrination, sondern ein Ort der Schulung. Dort sollte der »praktische Blick« von Kriminalisten auf Tatorte, Verdächtige und Objekte ausgebildet werden. Entsprechend komplex musste die Ordnung der kriminalistischen Dinge in diesem Raum beschaffen sein. Ein Blick auf die 32 Kategorien, mit denen Hans Gross seine Sammlung organisiert hatte, zeigt jedoch die Probleme bei der Visualisierung eines Wissens, das sich im Wandel befand. Die ersten zehn Kategorien bezogen sich auf Exponate, die im weitesten Sinne Spuren von Tat und Täter anzeigten: zertrümmerte Knochen, Blutspuren, Projektile, Fingerabdrücke und zertrümmerte Glasscheiben. Viel Raum wird dem unterschiedlichen Aussehen von Blutspuren eingeräumt, weil bis zu Paul Uhlenhuths Entdeckung des experimentellen Nachweises von Menschenblut im Jahr 1901 der praktische Blick am Tatort gefragt war, um Blutspuren entdecken zu können. Später büßte diese differenzierte Vorstellung von Blutspuren ihre Bedeutung ein.

Auch die restlichen Kategorien, die den Verbrecher in seiner kulturellen, biografischen und »rassischen« Verfasstheit präsentieren, verdeutlichen, wie sich Gross zwischen Tradition und Neubeginn bewegte. Das Interesse für die kulturellen Praktiken und Biografien von Gaunern ist der Tradition geschuldet, die Präsentation von Tätowierungen und die gezielte Ausstellung von kriminellen Praktiken der »Zigeuner« zeigt seine Offenheit für Neuansätze im kriminologischen Diskurs, in dem »Degeneration« und »Rasse« eine zunehmende Bedeutung erhielten.

Die Ausbildung der Untersuchungsrichter war für ihn nicht auf die Sammlung beschränkt: »... alles, was er tut, treibt, studiert und hört, muß der einzigen Idee untergeordnet werden, wie er das, was er erfahren hat, in seinem Amte verwerten könne ... eben weil er alles brauchen kann, soll er sich um alles kümmern.« Das Kriminalmuseum war dennoch das Herzstück dieses Ausbildungsprojekts. In Graz lässt es sich bis ins Jahr 1896 zurückverfolgen, als Gross eine Lehrsammlung am Landesgericht für Strafsachen einrichtete. Die Übersiedlung an die Universität Graz erfolgte 1912, wo die Sammlung bis in die siebziger Jahre betreut wurde. Die Wiedereröffnung im Jahre 2003 steht im Zeichen der Neubewertung von wissenschaftlichen Sammlungen. Die ehemaligen Mekkas der Moderne werden heute zu Attraktionen für eine breite Öffentlichkeit und zu wichtigen Bestandteilen des wissenschaftlich-kulturellen Erbes.

Kriminalmuseen wurden im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an zahlreichen Orten errichtet. Sie waren Haltepunkte in der nationalen wie internationalen Zirkulation von kriminalistisch interessanten Objekten wie Tatwaffen, Tatortspuren und den körperlichen Zeichen von Gewalteinwirkung. Gleichzeitig waren die Museen Konvergenzpunkte kriminologischer Theorien, praktischer Erfahrung und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Sichtbarmachung und Auswertung von Tatortspuren. In diesen Museen strebten die Gründer und späteren Kuratoren zur Visualisierung der vielfältigen Wahrheiten über das Verbrechen und seine zahlreichen Erscheinungsformen. Graz war zu dieser Zeit infolge der Gross’schen Aktivitäten eines, wenn nicht das europäische Zentrum der aufstrebenden Disziplinen der Kriminalistik und der Kriminologie.

Als Lehrfach an den Universitäten kaum verankert, kämpfte es um einen Platz an der Peripherie der akademischen Welt, suchte vor allem aber in Auseinandersetzung mit sozialen Herausforderungen und unter Verwendung neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften seinen praktischen Nutzen zu untermauern.

Kriminalmuseen stellten anschauliche Evidenz bereit, um angehenden Juristen und Kriminalbeamten das Verbrechen und den Verbrecher in ganz konkreter Weise vor Augen zu führen. Sie sollten dadurch lernen, richtig zu beobachten. Denn »beobachten, das bedeutet nicht ein Ansehen auf gut Glück, bedeutet nicht nur Kenntnis nehmen, was den Blick auf sich zieht, worauf der Blick ruht; es ist ein planmäßiges Nachspüren nach vorher festgelegtem Plan«, wie der französische Kriminalist Edmond Locard betonte. Das Kriminalmuseum war der Ort, an dem man die zukünftigen Praktiker auf die zu suchenden »Sehdinge« hinweisen konnte. Gross, Gründer des Grazer Kriminalmuseums und Autor eines kriminalistischen Standardwerks, verglich den Nutzen des Museums sogar mit der klinischen Ausbildung der Mediziner am Krankenbett.

Die Kriminalmuseen der Vergangenheit üben bis in die Gegenwart hinein eine erhebliche Faszination aus. Die heutigen Kuratoren profitieren von einer durch amerikanische Serien wie CSI und ein rasch wachsendes Angebot an Kriminal- und Detektivliteratur geschürten Faszination des »Spurenlesens«. Gezeigt wird auf eine subtile und dadurch umso nachdrücklichere Weise die Lektüre der sogenannten Realien, also der materiellen Spuren eines Verbrechens. Sie erfolgt immer mit klar vorgegebener Finalität: der unausweichlichen Übermächtigung von allzu menschlichen Akteuren mit ihren sinistren Machenschaften und emotionalen Verirrungen durch den Intellekt der Kriminalisten und die von ihnen genutzten Technologien.

Die Vorstellung von einem Ort, an dem diese Realien gesammelt vorhanden waren, regte bereits in der Nachkriegszeit die Phantasie von breiten Schichten der Bevölkerung an. Anders lässt sich die lang dauernde Nutzung des Kriminalmuseums als dramaturgisches Instrument zur Rahmung von Kriminalgeschichten in Hörfunk und Fernsehen kaum erklären.

Im Jahr 1952 wurden 39 Folgen der erfolgreichen Radiosendung »Black Museum« mit Orson Welles in den USA ausgestrahlt. Das Programm wurde von Radio Luxemburg übernommen und bis in die achtziger Jahre im amerikanischen National Public Radio wiederholt. In Deutschland ging das ZDF mit seiner ersten Krimiserie unter dem Titel »Das Kriminalmuseum« zwischen 1963 und 1970 auf Sendung. Das Museum spielte in der Fernseh- wie Hörfunkreihe dieselbe Rolle. In einem virtuellen Rundgang wurde das Publikum mal visuell, mal akustisch mit einem Panoptikum von Straftaten und ihrer Realien konfrontiert – »they are all touched by murder«, so der Vorspann zum »Black Museum«. Jede Folge griff eine andere Realie heraus und erzählte die Geschichte einer Straftat und ihrer Ermittlung.

Die Art der Faszination, die das Kriminalmuseum auf seine Besucher ausübt, hängt von der dramaturgischen Inszenierung ab. Das zeigen die unterschiedlichen Formate dieser Museen. Den Sammlungen, in denen mit mehr oder weniger historischer Präzision ein vormodernes Rechtssystem in Szene gesetzt wird, stehen die Lehrmittelsammlungen des späten 19. Jahrhunderts gegenüber, die als Orte der Lehre und Forschung in polizeilichen Zentralbehörden, kriminologischen Instituten und – wie im Fall von Graz – selbst in einem Oberlandesgericht geschaffen wurden.

Diese beiden Sammlungsformate stehen stellvertretend für die jeweils spezifische Faszination, die von diesen Sammlungen ausgeht. Im Bild gezeigte Folterszenen, wie jene aus der 1768 veröffentlichten Anleitung aus dem österreichischen Strafgesetzbuch von Kaiserin Maria Theresia vermitteln einen Einblick in eine heute fremde Gewalttätigkeit bei der Aufklärung von Straftaten. Es fasziniert hier das Fremde, das die medialen Berichte von Folter und Grausamkeit an Orten wie Abu Ghuraib mit der Geschichte unserer Rechtskultur in Beziehung setzt und dabei gleichzeitig die Differenzen verdeutlicht. Ein gutes Beispiel für diese Inszenierung findet sich im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber, das geschickt dramaturgische Effekte zur Präsentation einer auch fachlich gut gestalteten historischen Ausstellung nutzt.

Hans Gross’ Koffer in Graz dagegen steht für den modernen Zugang zur Aufklärung von Verbrechen. Der heutige Kriminalist kommt – so man offiziellen Darstellungen glaubt – ohne Anwendung körperlicher Gewalt aus. Er ist seit dem späten 19. Jahrhundert skeptisch gegenüber den Möglichkeiten einer diskursiven Herstellung von Wissen über Straftaten eingestellt. Die Wahrnehmungspsychologie der Jahrhundertwende lehrte Kriminalisten wie Gross, dass keine Aussage eines Zeugen als ungebrochene Wiedergabe von Eindrücken gelten könne. Deshalb setzten Hans Gross und seine Zeitgenossen auf die wissenschaftlich-technische Analyse der »Realien des Strafrechts«, worunter man alle Spuren verstand, die der Täter am Tatort, an seinem Körper und Verhalten, sowie am Opfer hinterlassen hatte.

Das Geheimnis, welches Chemikalien, Schreibfedern und Reservestrümpfe gemeinsam haben, wird in dem 1893 erschienenen »Handbuch für Untersuchungsrichter« gelüftet. Sie alle seien der technologische Teil eines Netzwerkes, das kompetenten Kriminalisten die Aufklärung von Straftaten ermögliche, erläutert das vielfach übersetzte und nachgedruckte Standardwerk von Hans Gross: Die Chemikalien erlaubten die Bestimmung von Giften oder Explosivstoffen, sie konnten Schriftfälschungen und andere Manipulationen nachweisen; die patentierten Schreibfedern der Firma Turnor mit ihrer dynamisch gerundeten Spitze ermöglichten ein besonders schnelles Notieren von Beobachtungen am Tatort. Und die Ersatzstrümpfe schließlich sollten garantieren, dass sich die Ermittler auch beim Einsatz in feuchtkaltem Klima auf ihre Arbeit konzentrieren konnten: Trockene Füße halten den Kopf des Kriminalisten von körperlichem Unbehagen frei. Vom Tatortkoffer geht nicht zuletzt deshalb eine Faszination aus, weil er aus vertrauten und unvertrauten Gegenständen ein neues Ensemble schafft – aus kleinen Realitätssplittern wird so eine große Erzählung von Schuld und Sühne zusammengefügt. [Peter Becker]

Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft

Aus »Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft«. Herausgegeben von Hilmar Schmundt, Miloš Vec, Hildegard Westphal. Böhlau 2010, 424 Seiten, 24,90 Euro.
» boehlau.at