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Die Box




Dezember 2007
Aus Hamburg: Andreas Vogel
für umblaetterer.de und satt.org



Achtung:
Diverse Spoiler!

Curb Your Enthusiasm:
6. Staffel, 10. Folge

Die schwierige letzte Folge also. Normalerweise ein Grund zur Betrübsamkeit, aber wir wissen ja: Larry macht weiter. Und nach dieser letzten Episode verbleibt der geneigte Zuschauer mit einem Hochgefühl, wie man es noch aus den besten Zeiten der 3. oder 4. Staffel kannte. Larry leaves on a high note, wie weiland sein alter ego George Costanza (Seinfeld 9.16).

»The Bat Mitzvah« ist eine Episode von herber Frische; sie strotzt vor wahnwitzigen Ideen, schwelgt in den dramatischsten Zuspitzungen und lässt so manches Tabu ramponiert links liegen. Ihren Inhalt kann man folglich nur gegenüber abgehärteten CYE-Adepten andeuten; unbedarfte Leute mögen auf die Abstrusitäten, die da passieren, mit Befremden reagieren.

Als wüssten wir nicht schon genug über Larrys Intimsphäre, dringt die Geschichte diesmal in die Gefilde der Gastroenterologie ein – eine Thematik, die in Sitcoms ein eher scheues Dasein führt. Obwohl, wir erinnern uns, dass »The Fusilli Jerry« (Seinfeld 6.21) gewisse proktologische Tendenzen aufwies, wenn auch deutlich appetitlicher, denn es ging um kunstvoll arrangierte Pasta.

An dieser Stelle würde es vermutlich den Rahmen sprengen, en detail nachzuvollziehen, wie es dazu kommt, dass zum Ende der Episode ganz Hollywood davon überzeugt ist, Larry David würde ein Nagetier aus der Familie der Rennmäuse bei sich tragen, und zwar dort, wo die Sonne nicht scheint. Es muss ein gutes Drehbuch sein, das den Weg dorthin auf plausible Weise konstruiert; die besten Geschichten sind ohnehin immer jene, die beim Nacherzählen entweder schrecklich kompliziert oder aber schrecklich banal wirken.

Jedenfalls treffen wir Larry beim Gastroenterologen, und nach alter Manier ereifert er sich zunächst leidenschaftlich über die Wartezimmermodalitäten. Er tat ähnliches bereits in der allerersten Staffel (Folge 1.05, »Interior Decorator«), wo er sich außerdem mit einer obstinaten Leidensgenossin überwarf. Das ist diesmal nicht der Fall: Larry – unbeweibt – umflirtet heftig seine Sitznachbarin, die auch anbeißt und ihm im Laufe der Episode Gesellschaft leistet – bis zum unvermeidlichen Zerwürfnis.

Besagtes Gerücht aber entsteht, als sich die Ärgernisse im Behandlungszimmer fortsetzen. Larry – und das ist wieder ein Fall bestürzender Ironie im LD-Martyrium – setzt es höchstselbst in die Welt, weil er eine inquisitorische Arzthelferin zu foppen sich nicht bremsen kann. Sofort nimmt das Schicksal seinen Lauf, die Kunde verbreitet sich mit schmerzlicher Unausweichlichkeit, denn Larry verscherzt es sich natürlich ausgerechnet mit potentiellen Multiplikatoren.

Fortan sammelt Larry kalte Schultern bei Bekannten, erntet scheele Blicke auf der Straße. Als ihn ein Fremder im Vorbeigehen voller Abscheu mustert, erklärt Richard Lewis dem fassungslosen Larry in seiner bekannt trocken-schnodderigen Art: »He's read Gerbil Magazine, and you're fucking on the cover.« An dieser Stelle darf man ruhig mal laut lachen.

Wie bitter dann aber die Enttäuschung für Larry, als Richard, den er vertrauensvoll über seine rückwärtige Anamnese in Kenntnis setzt, davon nichts wissen will, die Nähe zu Larry scheinbar rein körperlich nicht mehr ertragen kann und ihn einfach stehen lässt.

Diese tragische Note, diese ungerechte Härte des nonkonformen Lebens ist das prägende Element der ganzen Serie. Larry hat nicht einfach nur Pech. Er sträubt sich gegen allgemeine Übereinkünfte und eckt dabei an, bringt verhängnisvolle Kausalketten in Gang, weil er nicht bereit ist – mal aus Bedenkenlosigkeit, mal aus Charakterstärke – gewissen Normen Genüge zu tun. Und deswegen ist Larry unser Held. Ein tragischer zwar, und nicht ohne Mitschuld, aber ein Held.

So sind wir auch voller Verständnis, wenn Larry sich in seiner Verzweiflung an die versammelte Gesellschaft auf Sammie Greenes Bat Mitzvah wendet, um jenes unliebsame Gerücht aus der Welt zu schaffen. Die Gelegenheit ist natürlich nicht besonders glücklich gewählt, und warum er es auch noch für richtig hält, coram publico über seine tatsächlichen rektalen Beschwerden zu referieren – Mensch, Larry!

Pikierte Blicke allerorten. Derlei Sachen sagt man nicht, so die gesellschaftliche Abmachung. Das sozialkritische, entlarvende Element bei CYE sei nicht zu unterschätzen. Der Protagonist Larry David nimmt ja nicht zum Spaß jedes Fettnäpfchen mit, er geht ihnen für uns auf den Grund. Denn vielfach sind damit verkrustete Tabus verbunden, hohle Konventionen, Fälle von kollektiver Heuchelei, falsch verstandener political correctness.

Der Macher Larry David zieht die Fäden, und er geht mit einer Chuzpe zu Werke, die bisweilen atemberaubend ist. In dieser Folge bringt er einen zerebralparetisch beeinträchtigten Mann ins Spiel, was allein schon ein Wagnis darstellen mag, gerade im US-TV. Das Unerhörte nun aber ist, dass jener Mann seine Behinderung nur vortäuscht, um zügig an Kinokarten zu kommen. Überraschend: Protagonist Larry macht kein Fass auf, sondern zieht den Hut.

Es ist entweder diese unbekümmerte Bewunderung oder die totale Verzweiflung, die Larry dazu bringt, entgegen etwaiger moralischer Bedenken dem Beispiel des Mannes zu folgen: Um einen potentiellen Büronachbarn zu vergraulen, mimt er den sprachgestörten Spastiker. (Ziemlich überzeugend sogar, muss man sagen.)

Jaw-dropping und mind-boggling ist diese Szene, weil sie auf so vielen Ebenen Resonanzen provoziert. Zunächst befällt einen unwillkürlich jene Befangenheit, die man beim Umgang mit körperlich/geistig Eingeschränkten oft entwickelt. Die abgegriffene Metapher Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten nutzt man nur ungern, aber sie trifft nun mal den Kern: Der Zuschauer ist beschämt, dass er wahrscheinlich ganz genauso reagieren würde wie Larrys Opfer.

Freilich fährt »Curb« niemals eine eingleisige Betroffenheitsschiene. Diese betretene Empathie wird nämlich postwendend ausgehebelt von der Entrüstung über die Skrupellosigkeit dieser schändlichen Maskerade. Selten hat sich unser Held dermaßen unverschämt Vorteile verschafft. Andererseits überrumpelt einen die Szene auch mit einem unübersehbar komischen Element – jedoch fragt man sich: Darf ich lachen?

Auf einer Meta-Ebene entzückt ferner die Unverfrorenheit, mit der der Macher Larry David gleich mehrere Tabus torpediert. All das ergibt eine haarsträubende Karambolage von empörender Anstößigkeit, possenhafter Komik, eigenem Schuldbewusstsein und entwaffnender Impertinenz. Wo sonst im Fernsehen bekommt man solch einen anregenden Mix?

Die Strafe für Larrys unbotmäßiges Verhalten folgt natürlich auf dem Fuße. Ein indirekt Betroffener erwischt ihn und schwört fürchterliche Rache: Er werde Larrys peinliches Nagetierproblem, von dem er über Umwege erfahren hat, in großem Stile publik machen. Womit wieder einmal zwei Handlungsstränge, einer absonderlicher als der andere, nahtlos ineinanderklicken.

Die Abstrusität der Geschehnisse, die einem eigentlich erst bewusst wird, wenn man genau darüber nachdenkt, erinnert stark an die überkanditelten Episoden der 8. und 9. Staffel von »Seinfeld« (man denke nur an »The Muffin Tops« oder »The Butter Shave«). Nun sind das bezeichnenderweise eben jene Staffeln, bei denen Larry David nicht mehr mitgemischt hat. Aber vielleicht ist dieses Überborden eine natürliche Entwicklung in Sitcoms, die sich Nothing auf die Fahnen schreiben oder, etwas genauer, die Tücken des Alltags und die Stolpersteine des Miteinanders.

Nach einer gewissen Anzahl von Staffeln und mit einem gewissen Grad an Erfolg beginnen Autoren gern, mit etablierten Charakteren herumzuspielen, sie in immer extremeren Situationen auszutesten. Die »Seinfeld«-Schreiber bekamen zuletzt jeden noch so fantastischen Wunsch erfüllt (und bezahlt), sie erweiterten Jerrys Universum um eine ganze Reihe bizarrer, aber wunderschöner Blüten.

Larry David verwirklicht diese Tendenz in seiner One-Man-Show bis zum Exzess. Er zelebriert die unangepasste Lebensweise seines Protagonisten regelrecht, feiert dessen Marotten und ihre Konsequenzen. Beim Erfinden der Geschichten genehmigt er sich immer mehr Extravaganzen, strapaziert mitunter bewährte Drehbuchformeln aufs Ärgste.

Dieser Manierismus mag in sich die Gefahr der schleichenden Entfremdung zwischen Macher und Protagonist bergen – wir hatten zwischendurch manchmal das Gefühl. Aber Larry David, der Macher, ist tatsächlich noch weit von selbstzweckhafter Künstelei entfernt, so dass Larry David, der Protagonist, so bleiben darf, wie er ist – obwohl das Schicksal ihm diesmal einiges abverlangt.

Die 6. Staffel transportiert den im Grunde menschenscheuen Larry in die unmittelbare Nähe einer fremden Familie (den Blacks) und entzieht ihm als Freund häuslicher Geborgenheit in einem zweiten Schritt auch noch den Lebenspartner (Episode 7).

Das Ergebnis sind folgenreiche Zäsuren, die die narrativen Nährböden für eine Vielzahl fabelhafter Verwicklungen bilden, unnachahmlich verschachtelte Handlungsebenen, die sich auf wundersame Weise immer wieder selbst befruchten und bedingen. Dass wir uns in diesem Chaos immer noch selbst wieder finden, verdanken wir Larry Davids untrüglichem Gespür für alles, was uns aufregt, entzückt, eingrenzt, belustigt, bewegt, verwirrt und erbittert auf dem Schlachtfeld des täglichen Lebens.