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Die Box




November 2007
Aus London: Frank Fischer
für umblaetterer.de und satt.org



Achtung:
Diverse Spoiler!

Curb Your Enthusiasm:
6. Staffel, 8. Folge

Die 8. und damit vorvorletzten »Curb«-Folge der 6. Staffel trägt den Titel: »The N Word«. Mit dem missverständlichen Aussprechen des N-Wortes stößt sie wieder äußerst waghalsig in die Außenbezirke der politischen Korrektheit vor und erinnert sofort an einen ähnlichen Plot in der 1. Staffel, als Larry einen Scherz über »Affirmative Action« macht und dann eine Folge lang versucht, sich bei der Black Community dafür zu entschuldigen.

Besonders herauszustellen an dieser Folge ist der Gastauftritt von Brenda Strong, die wir als bezirzende Off-Stimmen-Selbstmörderin Mary Alice von den »Desperate Housewives« kennen. Sie und Larry David werden sich aber schon aus »Seinfeld«-Tagen bekannt sein: Ab der 7. Staffel spielte sie immer mal wieder die Sue Ellen Mischke, eine High-School-Freundin von Elaine, die vor allem als BH-Verweigerin bekannt ist und dadurch unter anderem dafür sorgt, dass Kramer einen Verkehrsunfall hat. In »Curb« nun spielt sie die Ärztin Sheila Flomm, die ihr Privatleben genauso zackig durchorganisiert wie ihre Arzttermine.

Nach der großen Zäsur in Folge 7 (Cheryl hat Larry verlassen) und einem ersten Date-Disaster geht es jetzt weiter mit dem Kapitel »Larry & the girls«. Zunächst erwischt es Auntie Rae, die er einen Moment zu lange umarmt. Seine Hose bewegt sich (»my penis is an animal«), und Auntie Rae macht schnell die Biege. Larry erzählt Jeff vom Auntie-Rae-Zwischenfall, in der Kantine des Krankenhauses, wo sich Letzterer seinen Schnarcheffekt wegoperieren lassen will.

Soweit das Setup. Nun wird diese Folge vor allem durch zwei Pointen bestimmt, einer irgendwie unglaubwürdig schlechten und einer sehr guten. Kommen wir traditionellerweise zuerst zur schlechten: Larry sitzt mit Sheila in der Kantine und begibt sich irgendwann kurz auf das Männerklo. Dort hört er einen Patienten das N-Wort sagen, kehrt zu Sheila zurück und berichtet ihr geschockt davon. Gerade als er das N-Wort zitiert, läuft der dunkelhäutige Arzt Dr. Page an ihm vorbei.

Dieser nimmt das Zitat irrigerweise als Schimpfwort entgegen und reagiert so erbost, wie man nur in »Curb« erbost sein kann (Szenenfoto). Sein hochfrequentes Geplärre schließt er mit einer Gegen-Beleidigung ab, indem er Larry als »bald son of a bitch« bezeichnet.

Und dann kommt es zu einer komischen Übersprungshandlung, die wie gesagt nicht sehr glaubwürdig ist: Der vermeintlich beleidigte Arzt schreitet in den Operationssaal, in dem der vollnarkotisierte Jeff liegt. In der Hitze der Verwirrung und offenbar auch im Hochgefühl der Revanche greift er statt zum Skalpell zum Rasierer und macht Jeff auch zu einem diskriminierungswürdigen »bald son of a bitch«.

Und in der Tat wird Jeff nun ebenso Opfer der Diskriminierung von männlichem Haarverlust: Die vorher überaus nette Kellnerin schneidet ihn auf einmal, und zu allem Übel sagt ihm Ben Stiller dann noch den sicher scheinenden Klientendeal ab, weil er im Gespräch offenbar von Jeffs Shrek-Schädel abgeturnt wird. Nun gut, wenn man den Erzählfaden zuende erzählt, ist er gar nicht so schlecht. Vor allem läuft Jeff auch die restlichen zwei Folgen der Staffel mit Glatze herum, und allmählich sieht er wirklich wie Shrek aus, was sein Image als eigentlich friedlicher Brummbär verstärkt.

Nun die zweite Pointe, die sorgfältig vorbereitet wird. Larry bekommt von Sheila eine vertrauliche Notiz, die er aber (Arzt-Gekrakel!) nicht entziffern kann. Er trägt sie einige Zeit mit sich herum, bis er auf die rettende Idee gebracht wird, die ein schönes Klischee wiederbelebt: Wer muss Arzthandschriften lesen können? Apotheker natürlich!

Nun folgt eine Verkettung von Wortwitzen, die schon mit der Benamsung der schwarzen Hurrican-Familie als the Blacks seit Folge 1 der Staffel vorbereitet wurde. Larry bringt Sheilas Notiz zu einem Apotheker, der zufälligerweise auch schwarz ist.

Durch dessen Entzifferungskünste erfährt Larry, dass Sheila ihm ein Make-out-Treffen im Hotel vorschlägt, weil bei ihr zu Hause ihre Geschwister stören und Larry ihr ja von den bei ihm einquartierten Blacks erzählt hat. Nur ist Sheilas Brief sehr missverständlich formuliert, wenn man den Kontext nicht kennt, und der Apotheker rümpft verständlicherweise die Nase als er vorliest:

»so tired of all these brothers and sisters around, i know you feel the same way, tell me your life wouldn't be better without the Blacks«

Larrys Anstalten, die zitierte Stelle zu plausibilisieren, werden sofort abgewehrt. Der Apotheker reagiert erbost und liefert ihm daraufhin statt seinem Medikament eine Ladung weiblicher Hormone, die dieser auch unwissentlich schluckt. Daran scheitert dann natürlich das Treffen mit Sheila – Larrys gute Aussichten werden wie fast immer komplett desavouiert.

Die Lage verschlimmert sich in der Schlusssequenz. Vor einem Untersuchungsausschuss des Krankenhauses wird Jeffs unfreiwilliger Haarschnitt verhandelt. Larry muss die Vorgeschichte der Tat nacherzählen, doch in dem Moment, als er das N-Wort sagen müsste, tritt ein schwarzer Kollege ein und setzt sich neben den Untersuchungsrichter.

Wenn Larry jetzt weitersprechen würde, wäre das der nächste Eklat. Deswegen schweigt er und schüttelt bei den Nachfragen immer heftiger mit dem Kopf. Es wird eine große Schlussszene, denn der ganze Saal stimmt nach und nach in die Forderung ein und traktiert Larry mit »say it! say it!« Ein großes Brüllkonzert, das an die grandiose Schimpfwort-Oper in Folge 3.10 (»The Grand Opening«) erinnert.

Alles in allem also wie immer eine gute Folge. Und was ich vorhin als schlechte Pointe bezeichnet habe, die schwer zu verstehende Übersprungshandlung des unfreiwillig beleidigten Doktors, ist natürlich nichts weiter als einer der mittlerweile typischen manieristischen Kausalnexus in »Curb«.