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Die Box



Juni 2007
Nora Mansmann
für satt.org




Sir John Tavener:
The Veil of the Temple

(Deutsche Erstaufführung)

Dirigent: Simon Halsey
Regie: Rogier Hardemann
Bühne und Kostüme: Anna Stolze
Licht- und Videodesign:
Rico Heidler

Rundfunkchor Berlin
Berliner Mädchenchor
Ensemberlino Vocale
Cantus Domus
Kammerchor des Collegium Musicum der Berliner Universitäten FU und TU sowie Solisten

Sir John Tavener:
The Veil of the Temple

Die Haupthalle des Hamburger Bahnhofs, Museum für Gegenwart, bietet am Pfingstsamstag kurz nach 22 Uhr ein äußerst ungewöhnliches Bild. Überall sitzen Menschen, auf dem Boden, auf den niedrigen Stufen die zu den Seitenflügeln führen, an die Dachpfeiler gelehnt - in gespannter Erwartung. Hier beginnt in Kürze die deutsche Erstaufführung von „The Veil of the Temple“. Das Mammutwerk des 1977 zum russisch-orthodoxen Glauben konvertierten englischen Komponisten Sir John Tavener dauert sieben Stunden und erfordert etwa 250 Mitwirkende.

Das 2003 im Auftrag der Londoner Temple Church entstandene und seither erst dreimal vollständig aufgeführte Werk ist eine Art multireligiöses Oratorium, welches Texte der orthodoxen Kirche, des Hinduismus, des islamischen Sufismus sowie aus der Bibel versammelt. „The Veil of the Temple“ besteht aus acht Zyklen, wobei die ersten sieben Zyklen immer gleich gebaut sind, während der achte und letzte Zyklus als Höhepunkt des Werkes diese Struktur durchbricht. Die ersten sieben Zyklen setzen sich aus zwei Arten von Textbausteinen - insgesamt jeweils 25 an der Zahl - zusammen: solchen, die sich wiederholen und mit jedem Zyklus länger werden, und solchen, die von Zyklus zu Zyklus wechseln, dabei aber immer in denselben inhaltlichen Zusammenhang gehören. Für jede neue Passage wechselt die vokale und instrumentale Besetzung, sodass sich die einzelnen Bausteine deutlich voneinander abheben.

Dieses einfache formale Prinzip erweist sich als hilfreicher Kunstgriff, ohne den sieben Stunden Musik den Zuhörer sicher schnell ermüden würden. Doch mit Hilfe der Erläuterungen des Programmhefts (mit vollständig abgedrucktem Libretto) und auch intuitiv erfasst man die Struktur des Werkes schnell, erkennt Elemente wieder, wie etwa die jeden neuen Zyklus einleitende Sopran-Arie, die von Gongschlägen beendet wird, oder das immer und immer wieder auftauchende kurze „Jesus-Gebet“, das sich als Zäsur zwischen die einzelnen Abschnitte schiebt. Diese wiederkehrenden und wieder erkennbaren Anhaltspunkte wirken als roter Faden, der die Rezeption strukturiert. Zusätzlich wird zur besseren Orientierung stets die aktuelle Ordnungszahl von Zyklus und Textbaustein auf eine Leinwand am Eingang zur Haupthalle projiziert.

Die Kleinteiligkeit des Werkes wird auch im Raumkonzept der Aufführung aufgenommen. Während sich das unter anderem mit Duduk, Tibethorn und Orgel ungewöhnlich besetzte Orchester fest installiert an der hinteren Wand der Haupthalle befindet, ändern die Solisten und die fünf beteiligten Chöre immer wieder ihre Standorte. Analog zum Wechsel der Besetzung bei jedem neuen Baustein rückt so jeweils ein anderer Teil des Raumes in den Focus des Zuschauers. Dabei wird nicht nur die Haupthalle „bespielt“, sondern auch die kleineren Räume des Hamburger Bahnhofs. Hinter diesem weiteren Strukturelement, das durch die Abwechslung ebenfalls zur Kurzweiligkeit der Aufführung beiträgt, steht eine komplexe Koordinationsleistung, die großartig und höchst effizient bewältigt wird. Es gibt kein erkennbares Stocken im Ablauf, die Sänger scheinen immer wieder wie aus heiterem Himmel irgendwo aufzutauchen, bemerkbar und damit existent erst mit dem Beginn ihres Singens. Sie bewegen sich geräuschlos von Ort zu Ort, durch schmale Gassen zwischen den Zuschauern, die ihnen zuvor ebenso geräuschlos von den zahlreichen herumhuschenden Mitarbeitern gebahnt wurden.

Auch die Zuschauer können sich während der Aufführung frei in beinah allen Teilen des Museums bewegen. So haben sie etwa die Möglichkeit, die derzeit laufende Ausstellung „Schmerz“ anzuschauen, deren häufig religiös aufgeladene Exponate sich sinnfällig mit Inhalt und Intention von „The Veil of the Temple“ verbinden. Schade nur, dass die Musik in den Ausstellungsräumen, die in der oberen Etage des Museums liegen, kaum zu hören ist.

Im achten Zyklus vereinigen sich in der Morgendämmerung alle Sänger und Instrumentalisten, „um den Durchbruch des Lichts zu feiern“, wie das Programmheft verkündet. Hier fallen „die Unterschiede zwischen den Religionen in sich zusammen, Atma, das wahre Selbst, ist nicht mehr getrennt von Maya, der materiellen Realität.“ Die religiösen oder esoterischen Implikationen der Veranstaltung, die sich nicht nur in der Musik finden, mögen den Musik liebenden Atheisten gelegentlich befremden. Doch die Verbindung von Substanz verschiedener Religionen weist auf den religionsübergreifenden, vereinigenden Gedanken des Werks, abseits von Dogmatismus und Ideologie. Hier geht es nicht um institutionalisierte Formen von Religion, sondern um den spirituellen Gehalt, den die verwendeten mythischen Texte und vor allem die Musik unabhängig davon - und für jeden Menschen - besitzen. In der besonderen Situation der zwar ohne Zweifel ritualisierten und religiös-spirituell aufgeladenen musikalischen Nachtwache kann der Besucher dennoch seine persönlichen Erfahrungen machen, den eröffneten Raum auf sein Art nutzen, zum Nachdenken, zur Betrachtung der Ausstellung, zum Versenken in die Musik, zu einer „Reise ins Selbst“. Ein anregender und durchdachter Abend, der eine kontemplative Atmosphäre schafft, auf die sich auch der nicht-religiöse oder religionskritische Zuhörer einlassen kann.