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Die Box



September 2006
Nora Mansmann
für satt.org




John Bocks
Medusa

Tam Tam Club
im Magazin der Staatsoper Berlin

Premiere:
14. September 2006

Darsteller:
John Bock, Anne Tismer, Thomas Loibl, Uta Priew

Musik:
Blackmail, Mitglieder der Staatskapelle Berlin und der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin

Musikalische Einrichtung:
Henning Stoll

Video und Kamera:
David Schultz, Jan Speckenbach, Benjamin Quabeck, Andreas Deinert

Ton:
Thilo Klag, Albrecht Krieger

Licht:
Sven Hogrefe

Dramaturgie:
András Siebold

John Bocks Medusa
Tam Tam Club, Berlin


Abseits der großen Bühnen, ohne viel Werbung und deshalb leider oft zu wenig wahrgenommen, zeigen selbst vermeintliche Horte bürgerlicher Hochkultur wie die Berliner Opernhäuser immer wieder künstlerisch avancierte und spannende Klein-Projekte, die sich auf neuen Wegen jenseits festgefahrener Gattungsbegrenzungen bewegen. So lässt die Komische Oper Ende September in ihrer KO Akut-Reihe bereits zum fünften Mal Studenten unterschiedlicher Berliner Hochschulstudiengänge für Darstellende Kunst bzw. Musiktheater Kurz-Opern inszenieren, während die Staatsoper bereits Mitte des Monats eine Folge der Performance-Reihe „Relation in Movement“ servierte: „John Bocks Medusa im Tam Tam Club“ hatte am 14. September im Magazin Premiere.

John Bock, der international zu den bekanntesten deutschen Aktionskünstlern zählt, beschäftigt sich in dieser Arbeit mit dem Untergang der Fregatte „Medusa“ vor der Küste Afrikas 1816. 150 Überlebende des Schiffbruchs retteten sich auf ein Floß, das in der Not gezimmert werden konnte. Als die Schiffbrüchigen nach zwölf Tagen mit Meutereien und Kannibalismus aufgefunden wurden, waren nur noch 15 von ihnen am Leben.

Das Magazin der Staatsoper ist ein großartiger, extrem atmosphärischer Spielort. In der weitläufigen schmalen Halle blicken die Zuschauer von drei Galerien aus auf eine imposante Rauminstallation: Im Zentrum hängt ein Bus, die Schnauze nach unten, an Stahlseilen von der Decke herab, einige Meter darunter ist in Kopfhöhe ein Sicherheitsnetz gespannt. Die vordere schmale Seite des Magazins wird fast vollständig von einer riesigen Leinwand eingenommen. Am anderen Ende der Halle ist die Band Blackmail platziert, gemeinsam mit einem Streichquintett, bestehend aus Musikern der Staatskapelle und der Orchesterakademie.

Es fällt schwer, die Handlung des Abends, die Geschichte, nachzuerzählen. Das liegt zunächst an der ungewohnten und schwierigen Raumsituation. Denn so spannend die vieldimensionale, riesenhafte bespielte Installation ist, so unmöglich ist es für den nicht eingeweihten Zuschauer, auf Anhieb den günstigsten Platz zu finden. In der Nähe der Musiker ist von den über Mikroports übertragenen Sprechtexten der Darsteller so gut wie nichts zu verstehen. Ebenso sind die Vorgänge innerhalb des Busses nur durch die Seitenfenster, das heißt nur von wenigen Standpunkten aus gut zu verfolgen, und auch die Leinwand ist längst nicht für alle Zuschauer vollständig sichtbar. So geht leider viel verloren, was man gerne mitbekommen hätte, und die Bruchstücke des Gesamtkunstwerks, die kruden Satzfetzen in Bocks eigentümlicher Kunstsprache, die absurden Handlungselemente, die seltsamen Figuren und Orte – gespielt oder im Text behauptet -, rauschen weit gehend zusammenhanglos vorbei, was einen Eindruck von Beliebigkeit erweckt. Doch auch für den Zuschauer, der durch unkluge Platzwahl den Anschluss verpasst hat, muss der Abend nicht langweilig werden. Man muss Theatergewohnheiten ablegen und sich der Möglichkeiten bewusst werden. Ein Platzwechsel lässt sich bewerkstelligen, mitten hinein ins Geschehen.

Die Musik ist ziemlich laut, aber toll; im Vordergrund steht allerdings nicht, wie man in der Staatsoper vielleicht erwarten würde, „klassische“ Musik, sondern die Rockmusik von Blackmail, die nur gelegentlich durch das Streicherquintett ergänzt wird, das dabei aber immer eine ganz eigene neue Ebene einbringt. Die vielen absurden Einfälle im Text von John Bock (der zum besseren Verständnis auch in den sehr umfangreichen, schön gestalteten Programmheften nachzulesen ist) machen einfach Spaß. Visuell ist der Abend ohnehin ein Ereignis: Die riesige Halle des Magazins, kleine, mit Scheinwerferfolie verkleidete Sichtfenster in den sonst betongrauen Treppentürme zu den Galerien mit ihren nachträglich angebrachten Sicherheitsgittern; von gegenüber blicken andere Zuschauer herüber, in der Mitte der Bus, in dem in gruseliger Höhe und Enge die Darsteller und mehrere Kameramänner herumklettern – dahinter die ins Riesenhafte vergrößerten Gesichter der Spieler auf der Leinwand. Groteske Strukturen und Figuren, überall im und am Bus, die plötzlich auf der Leinwand erscheinen und ebenso schnell wieder verschwunden sind. Kameraleute, die durch den Schatten huschen, Lichttechniker, die auf der obersten Galerie Verfolger-Scheinwerfer bedienen, die auf den Boden der Halle, die plötzlich wirklich zu einem riesigen Tanker geworden ist, wunderschöne grün-weiße Schattenspiele erzeugen …

Der Abend beginnt mit mehreren Szenen im Bus, mit mehreren Stationen des immer weiter in die Katastrophe abklitschenden Schiffes, auf dem der Käptn (Thomas Loibel), Muddi (Anne Tismer) und der Minnesangsmutje (John Bock, immer wieder außen um den Bus herumkletternd wie ein Astronaut auf Reparaturmission) gegen die Modderfluten und Isoschizohalluzinationen kämpfen. Und dann beginnen Kameraden Kameraden zu verspeisen.

Auf der Leinwand sehen wir den Käptn und Muddi eingezwängt zwischen den den Innenraum des Busses beherrschenden Bock’schen Skulpturen aus leeren Plastikflaschen, Teilen von Haushaltsgeräten, Sprühdosen, Zahnpastatuben und eingeschweißten Lebensmitteln, zusammengehalten von Draht- und Seilgeflechten, an denen die Darsteller immer wieder manisch herumbasteln, die netzartigen Strukturen immer mehr, immer enger verknüpfend. Dank der großartigen Kameraarbeit von Frank Castorfs Hausfilmer Jan Speckenbach und seinem Team ist die Perspektive des Videos auf der großen Leinwand von gänzlich anderer Wirkung als das gleichzeitig zu betrachtende Live-Ereignis im Bus.

Im Laufe des Abends verlassen die Darsteller einer dem anderen ihr Schiff und hangeln sich nach unten in das Sicherheitsnetz. Während John Bock auf dem Geländer der untersten Galerie herumklettert und schließlich bei der Band landet, wo er eine kurze musikalische Einlage mit einer bebeinten Gitarre gibt, verschlägt es den Käptn und Muddi in die Katakomben. Hier hat Bock sich die Tatsache zu nutze gemacht, dass jedes Theater im Inneren eigentlich ein Tanker ist. So irren Tismer und Loibel durch lange verzweigte Gänge, durch Maschinenräume, vorbei an merkwürdigen Apparaturen, stoßen hinter jeder Biegung von Neuem auf schreckliche oder zumindest unheimliche Erscheinungen, verfolgt von und im Dialog mit Speckenbachs Kamera. Zu den eindrucksvollsten Begegnungen im Schiffsbauch Staatsoper gehört ein mit Lachen von Theaterblut dekorierter kannibalischer Tisch, der mit verschiedenen Gefäßen bestückt ist, in denen sich lebendige menschliche Gliedmaßen, etwa ein Kopf, befinden, oder aus denen menschliche Arme und Beine einladend mit Fleischstücken winken. Ein wirrer, verstörender, beeindruckender, spannender, großartiger Musikkunstperformanceobjekttheaterabend.