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Die Box



September 2006
Nora Mansmann
für satt.org




Kommander Kobayashi
Opernsaga
Staffel 2

Sergej Newski
Die Zerstörung von Moskau ist keine Lösung

Aleksandra Gryka
SCREAM YOU

Uraufführung am 08. September 2006 in den Sophiensælen
Premiere Warschauer Herbst am 27. September 2006 im Teatr Wielki
Premiere Luxembourg am 5. Oktober 2006 im Théâtre National du Luxembourg

Regie:
Sven Holm

Musikalische Leitung:
Vicente Larranaga

Bühne, Kostüme:
Constanze Fischbeck

Darsteller:
Sibylle Fischer, Daniel Henriks, Judith Kamphues, Soichi Kobayashi, Kaspar Kröner, Eiko Morikawa, Hanna Dora Sturludottir u.a.

» Novoflot

KOMMANDER KOBAYASHI
Opernsaga Staffel 2

Kommander Kobayashi und seine tollkühnen Hermenauten sind zurück! Noch immer durchreisen sie in ihrem Raumschiff La Fenice das All, und noch immer stürzen sie dabei von einer Extremerfahrung in die nächste. Nachdem die freie Opernkompanie Novoflot um Regisseur Sven Holm im Januar 2005 die erste aus drei Folgen bestehende Staffel ihrer Opernsaga „Kommander Kobayashi“ mit großem Erfolg in den Sophiensaelen in Berlin vorgestellt hatte, gibt es anderthalb Jahre später am selben Ort nun endlich die versprochene Fortsetzung zu sehen.

Wie schon für die erste „Kobayashi-Staffel“ wurden auch für das neue Projekt Aufträge an junge Komponisten vergeben. Nach den Libretti von Tobias Dusche komponierte der Russe Sergej Newski Folge 3 der Saga mit dem Titel „Die Zerstörung von Moskau ist keine Lösung“. Aleksandra Gryka aus Polen, bereits an der Pilotfolge beteiligt, schrieb die Musik zu Folge 4 („SCREAM YOU“). Beide Folgen erzählen zusammen von einer intergalaktischen Europareise, in deren Verlauf Kobayashi und die Hermenauten hintereinander unter den Einfluss zweier unbekannter, bedrohlicher Systeme geraten: Moskau und Warschau. Es handelt sich um fiktive Orte, die jedoch mit den realen Heimatstädten der beiden Komponisten Newski und Gryka viel gemeinsam haben. In „Die Zerstörung von Moskau ist keine Lösung“ wird der Steuermann der La Fenice, der Hermenaut Ma’, in Begleitung Kobayashis nach Moskau geschickt, um die von dort ausgehenden Veränderungswellen zu erforschen und abzuschalten. Während Kobayashi sich mit dem nach der Weltherrschaft strebenden Countertenor und Discofreak Sergej Pawlowitsch einlässt, verliebt Ma’ sich in Laika, eine Hündin, Frau und Motorzentaurin – und natürlich vergisst er darüber völlig seine Mission. In der zweiten Folge gerät das Raumschiff La Fenice in das Kraftfeld Warschau. Plötzlich kursiert an Bord eine akustische Droge namens SCREAM, die von den rätselhaften Twins nach und nach an alle Hermenauten verteilt wird. Die Droge aktiviert die geheimen Wünsche und Begierden der Raumfahrer, die diese sofort ausleben. Nur Kobayashi scheint gegen die Droge immun zu sein, denn er ist damit beschäftigt, über seine Kopfhörer ein polnisches Volkslied zu lernen.

Bei der Auswahl ihrer Komponisten hat das Team von Novoflot wieder ein gutes Händchen gehabt. Die Musik sowohl von Newski als auch von Gryka ist spannend zeitgenössisch und gleichzeitig angenehm anzuhören. Sie ist witzig und geistreich, und obwohl sie teilweise mit Wiederholungen und kleinen Variationen arbeitet, wird sie nie langweilig. Gemäßigte Atonalität und die Benutzung von Vierteltönen stehen neben Zitaten traditioneller Formen bzw. deren Verarbeitung etwa in Kobayashis polnischem Volkslied, dessen Fragmente mit der neukomponierten Musik verwoben sind. Die Besetzung des kleinen aber feinen ensemble mosaik unter der bewährten Leitung Vicente Larranagas besteht nicht nur aus „klassischen“ Instrumenten: Boris Baltschun ist mit dem Laptop für Samples zuständig: Einmal tritt er solistisch hervor und lässt Sergej Pawlowitsch allein zu Clubmusik tanzen, sonst bleiben die elektronisch erzeugten Geräusche im Hintergrund, eingebettet in die Klänge der Streicher und Bläser. Dennoch bestimmen sie stark die Atmosphäre des Abends.

Die Opernsage lebt von den absurd-liebenswerten Charakteren, dem undurchsichtigen Kommander Kobayashi und seinen Hermenauten Ma’, Tii!, Go und Scrabble. Die um diese Figuren herum konstruierten Geschichten werden nicht um ihrer selbst Willen erzählt, ihre Funktion besteht hauptsächlich darin, die aus der ersten Staffel bekannten Eigenschaften und Schrulligkeiten der Hermenauten liebevoll weiterzuentwickeln und neue seltsame Charaktere einzuführen. Das lässt die Handlung an einigen Stellen beliebig erscheinen, doch das stört nicht weiter, denn die vielen schönen und absurden Einfälle machen trotzdem Spaß, und auch die musikalische Umsetzung des Abends funktioniert in dieser vierten Vorstellung hervorragend. Die Darsteller - allen voran als Hermenauten Hanna Dora Sturludottir (Go), Daniel Henriks (Ma’), Sibylle Fischer (Scrabble) und Eiko Morikawa (Tii!) - begeistern durch Spielfreude, Humor und großartige sängerische Leistungen. In den Episodenrollen sind Judith Kamphues (Laika) und Kaspar Kröner (Sergej Pawlowitsch) zu sehen, und last but not least Soichi Kobayashi in der Rolle des gleichnamigen Kommanders. Eine würdige Fortsetzung der Opernsaga.