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Die Box



März 2005
Frank Fischer
für satt.org




Daniel P. Schenk:
A Gamer's Day

D 2005

Daniel P. Schenk: A Gamer's Day

  » Daniel P. Schenk

Amoklauf mit dem Nudelholz

Daniel P. Schenks Film "A Gamer's Day" ist ein satirischer Kommentar gegen den Generalverdacht, dem die Counterstrike-Szene ausgesetzt ist

Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day
Daniel P. Schenk: A Gamer's Day

Ein Frühlingstag drängt ins Zimmer, der Baum vor dem Fenster raschelt, begleitet von Griegs »Morgenstimmung«. Den Teenager, der noch in den Sachen des Vortags steckt und irgendwann in der Nacht ins Bett gefallen sein muss, lernen wir sofort als Zocker kennen. Kaum hat er sich die Augen gerieben, wird die hereinbrechende Natur abgeblockt, die Jalousien fallen, in der Zockerhölle herrscht Verdunkelungsgebot. In einem Berg von Nachtsession-Müll (Chipstüten, leere Colaflaschen und McDonald's-Abfall, Pizza- und Eisteekartons) positioniert sich der Abiturient, der eigentlich lernen und Hausaufgaben machen muss, vor dem Monitor und lässt den PC booten.

So beginnt "A Gamer's Day", ein knapp 40-minütiger Film von Daniel P. Schenk über den Tagesablauf eines Counterstrike-Spielers. Nach eineinhalbjähriger Produktionszeit hat ihn der 20-jährige Selfmade-Regisseur aus Kastellaun im Hunsrück am 11. Januar mit Hilfe von Webspace- und Traffic-Sponsoren online gestellt. Nach eigenen Angaben wurde das DivX-komprimierte Werk bisher 300.000 mal heruntergeladen.

"A Gamer's Day" kommt ohne hörbare Dialoge aus und mutet daher bisweilen wie ein (mit Popmusik unterlegter) Stummfilm an. ICQ-Chats sind hier die vorherrschende Kulturtechnik. Als prototypischen Zocker hat Schenk seinen Freund Alexander Roth vor den Bildschirm gesetzt, wo er sich denn auch hyperonymisch als "the| Gamer" einloggen wird. Nach dem Systemstart erscheint der Windows-XP-Desktop, der mit Icons zugebombt ist. Gamer-Websites werden abgegrast und ICQ-Dialoge initiiert - über diesen Kanal kommt auch die Frage, ob schon für die Klassenarbeit gelernt worden sei: "ne morgen oder so", oder eben auch nicht: Nachdem die Nescafé-Dose das Mauspad überschwemmt hat, muss das Schulheft ("Englisch 13/2") erst mal als Unterlage dienen und versifft zunehmend in den Resten des verschütteten Eiskaffees.

Ein konstitutiver Teil des Films sind die nachbearbeiteten Mitschnitte von Counterstrike-Streifzügen. Vorbild dafür waren die in der Counterstrike-Szene kursierenden "frag movies", die exemplarische Killersessions dokumentieren. Die von "the| Gamer" gesteuerte Pixelfigur, die mal als "Terrorist", mal als "Counter Terrorist" agiert, ist der eigentliche Protagonist des Films, zumal die Mimik des Schauspielers aus Fleisch und Blut auf ein zufriedenes Nicken und ansteigendes Wutschnauben begrenzt zu sein scheint.

Computerspiele sind totalitäre Systeme. Die Kommunikation mit den Mitspielern ist essenziell, der Kontakt mit der Außenwelt dagegen nichts als hinderlich beim Spielen. Nur misst die Außenwelt mit anderen Maßstäben als mit "kills" und "frags": Die Mutter des Gamers möchte die Mülltüten herausgebracht wissen, wird aber aus dem Zimmer gebrüllt. Die Freundin wird trotz gemeinsamem Jahrestag mit einem Wutausbruch abgewimmelt. Die halbstarken Freunde, die als Besuch hereinschneien, werden mit einem Klick ausgeknipst. Hier kommt es schon zu Interferenzen zwischen Virtualität und Realität, die im Verlauf des Films zu einem kompletten Realitätsverlust führen. Im Stroboskoplicht mischt sich das Gesicht des Gamers mit dem des von ihm gesteuerten Sturmhaubenkämpfers. Dann wird die Tür des Kinderzimmers geöffnet, die Zeichen stehen auf Amok.

Der Film funktioniert vor allem als satirischer Kommentar gegen den Generalverdacht, der sich seit dem Erfurter Schulmassaker im April 2002 gegen die Spieler von vernetzten Egoshootern richtet. Anders als damals gegründete beschwichtigende Initiativen wie "Gamer gegen Gewalt" oder "Gamer gegen Terror" tritt "A Gamer's Day" die Flucht nach vorn an. Er stellt einen Zusammenhang zwischen dem Spielverlauf und den Wutausbrüchen seines Protagonisten her, um genau diesen Zusammenhang anschließend genüsslich zu parodieren.

Der Gamer verlässt im schwarzen Counterstrike-Kostüm sein Zimmer - um schwer bewaffnet den Müll rauszubringen. Seine kopfschüttelnden Freunde schießt er kurz darauf mit dem Nudelholz ab. Die Fernbedienung im Wohnzimmer transformiert zur tickenden Bombe, die kleine Schwester des Nudelholzkämpfers wird zur Terroristen-Geisel und aus Sicherheitsgründen aus dem Fenster geworfen. Und damit all diese Bilder auch nicht missverstanden werden, beginnt der Abspann mit einem kleinen Merkzettel: "never forget: it's just fun :-)".