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Die Box


 
November 2004
Nora Mansmann
für satt.org




Poor Theater
Wooster Group
HAU 2

Premiere:
5.10.2004

Regie:
Elizabeth LeCompte

Bühne:
Ruud van den Akker

Darsteller:
Ari Fliakos, Sheena See, Scott Shepherd und Kate Valk

Poor Theater
Wooster Group, HAU 2


Masken

Die Wooster Group aus New York gastiert mit ihrer Produktion "Poor Theater" im HAU 2 in Berlin. Wie der Titel andeutet, beschäftigt sich die Kult-Truppe in ihrem neuen Stück mit dem polnischen Regisseur und Theatertheoretiker Jerzy Grotowski, der in seiner Arbeit und in seinen programmatischen Schriften ein "Armes Theater" forderte. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist doch die Bühne - wie von der Wooster Group gewohnt - mit viel Technik bestückt, und hatte doch Grotowski für sein "Armes Theater" den Verzicht auf Licht, Schminke, Bühnebild und Kostüme gefordert.

Schnell wird klar, dass es der Wooster Group nicht um einen Neuanfang oder eine Rückbesinnung geht, nicht um die Anwendung von Grotowskis Programm, um damit eine "Neue Einfachheit" oder dergleichen zu erreichen. Um was aber geht es dann? Neben Grotowski wird eine weitere Theaterlegende thematisiert, der Choreograf William Forsythe, der zwanzig Jahre mit seinen Tänzern in Frankfurt/Main wirkte, bevor die hoch renommierte Compagnie in einem skandalösen Vorgang aufgelöst wurde. Doch zu Forsythe kommt man erst im zweiten Teil des Abends, zunächst geht es um Grotowskis Inszenierung der "Akropolis" von Wyspianski. Wir sehen einen Film, der Mitglieder der Wooster Group zeigt, die wiederum ein Video über Grotowskis Arbeit anschauen und die dort ausgeführten Übungen nachahmen. Später kommen die Schauspieler "live" auf die Bühne des HAU 2 und stellen ihren Besuch in Grotowskis Laboratorium und ihre Probenarbeit mit einem polnischen Übersetzer dar. Zum Schluss dann das Ergebnis dieser Arbeit: Anhand von Originalfilmen, die zeitgleich auf den Monitoren laufen, spielen die New Yorker Schauspieler die letzten zwanzig Minuten der "Akropolis"-Inszenierung nach - und zwar komplett auf Polnisch.

Da sich auf den Bildschirmen nicht durchgängig verfolgen lässt, was jeder einzelne Schauspieler zu tun hat - denn es gibt z.B. Close up-Einstellungen, die nur eine Person fokussieren und ähnliches mehr - ist bei dieser Inszenierungs-Kopie keine Handlung zu erkennen. Was effektiv auf der Bühne zu sehen ist, sind drei Schauspieler, die immer wieder aus einer Wartehaltung in abstruse Verrenkungen verfallen, polnische Texte singen/sprechen und dazu groteske Grimassen schneiden. Das Ganze muss wie eine Parodie wirken, auch wenn alles, was gespielt wird, dem Original, das auf einem von drei Flachbildschirmen verfolgt werden kann, extrem nahe kommt. Für den Zuschauer sichtbar ist nur das Äußerliche, die obskuren Bewegungen und die fremde Sprache, eine tiefere Auseinandersetzung etwa mit den Gründen für dieses Art der Darstellung bei Grotowski ist anhand des Spiels nicht nachvollziehbar.

Warum und zu welchem Zweck all das passiert, so behaupten die Wooster-Leute samt Regisseurin sowohl auf der Bühne als auch im anschließenden Publikumsgespräch, das wissen sie selbst nicht so genau. Insgesamt bleibt auch in der Darstellung unklar, ob es sich hier wirklich um Satire und also Kritik, etwa an Theaterdogmen, handeln soll, oder um eine respektvolle Auseinandersetzung mit zwei Theaterlegenden, oder um eine Kritik an falsch verstandener Traditionspflege. Für all das gibt es Anhaltspunkte, all das wäre hineinzudeuteln oder auch Nichts, eine klare Position wird nicht bezogen, und so widersprechen sich die unterschiedlichen Aspekte ständig gegenseitig: Wie kann man etwa einen falschen Umgang mit Theatertraditionen persiflieren, wenn ihn dafür erst erfinden und selbst einen ganzen Abend über ausführen muss? Ganz abgesehen davon: Die Gefahr ist groß, dass für den ahnungslosen Betrachter mit durchschnittlichem Theater-Wissensstand von dem, was den Abend über auf der Bühne zu sehen ist, nur der Eindruck eines großen Selbsterfahrungstrips von Theaterleuten bleibt.

Nach der Pause spielt Scott Shepherd dann William Forsythe, zunächst im Video, dann live auf der Bühne. Wir sehen einen eingebildeten Theaterstar, der einer Journalistin (Sheena See) seine Arbeitsmethoden "erklärt", während sich im Hintergrund zwei Tänzer (Ari Fliakos, Kate Valk) abstrampeln. Hier impliziert das parodistische Element, das wiederum vorherrscht, eine Kritik an Theaterheroen, die es sich ob ihres Legendenstatus' erlauben können, unhinterfragt abstrakte Konzepte zu produzieren, ohne an das Publikum zu denken. Wie aber könnte eine solche Kritik die Intention der Wooster Group sein, wenn sie, selbst Theaterlegende, genau das gerade tut? Oder soll das gar eine besonders raffinierte Form von Selbstkritik sein - die leider ihre Wirkung verfehlt?

Mutig ist es von Regisseurin Elizabeth LeCompte, dass sie immerhin selbst den Finger in die Wunde des Abends legt: Am Ende des ersten Teils stellt auf der Bühne eine Journalistin die Frage nach dem Warum? - und erhält ein lapidares "I don't know" zur Antwort. Gleiches wiederholt sich übrigens in der Realität, im Publikumsgespräch, sodass eine Diskussion gar nicht aufkommen kann, und sich die Veranstaltung größtenteils in Lobhudelei von Profi zu Profi erschöpft. Wenn Matthias Lilienthal, Intendant des jüngst zum Theater des Jahres gewählten HAU-Kombinats, zu Beginn der Spielzeit programmatisch verkündet hat, offene Konstruktionen und das Zuschauen beim Scheitern interessanter zu finden als gut abgehangene Theaterware, so entspricht dieser Abend dem nur in Teilen. Man sieht hier das Scheitern einer Regisseurin, eines Theaterabends, der die Bühne als Forschungsanstalt zu benutzen sucht - jedoch nicht zur Erforschung allgemein menschlicher bzw. allgemein relevanter Fragen, sondern zur Erforschung des Theaters und vor allem der Theatermacher selbst. Das mag für Professionelle spannend sein, die an theatertheoretischen Fragen interessiert sind - und tatsächlich hat sich hauptsächlich Theatervolk eingefunden, um die Kult-Truppe zu bestaunen - für den Laien ist es sterbenslangweilig.

Als ein einziger Zuschauer es tatsächlich wagt, im Gespräch auf ausgesprochen freundliche Weise zu äußern, er habe sich gelangweilt, da er weder Grotowskis und Forsythes Arbeit gut kenne noch Polnisch verstehe, geht das Podium nicht weiter darauf ein, und unter einigen Theaterleuten im Publikum beginnt Getuschel, Gelächter und Gestöhne. Dieses arrogante Verhalten ist eine Unverschämtheit dem "Normal"-Zuschauer gegenüber, für den Theater ja immerhin auch noch gemacht wird - oder? Auf keinem Fall soll einer absoluten Devotheit dem Geschmack des "breiten Publikums" gegenüber das Wort geredet werden, ein unbequemes, nachdenkliches, intellektuelles Theater ist notwendig, und es ist und bleibt eine Nischen-Veranstaltung und damit elitär, da kann es keine Illusionen geben. Es gäbe aber weiß Gott relevantere Fragen, mit denen sich avanciertes Theater beschäftigen könnte als mit sich selbst. So wichtig ist das Theater nun mal nicht, im Gegenteil, es ist in unserer Gesellschaft, so traurig das ist, leider ausgesprochen irrelevant. Gerade durch solch selbstreferentielle Inszenierungen und durch das egozentrische und selbstgefällige Gehabe Einzelner vergibt das Theater die Chance, über seinen eigenen kleinen Kreis hinaus relevant und interessant zu sein.