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Die Box


 
August 2004
Mathias Kirschke
für satt.org




Christof Meueler, Frank Willmann (Herausgeber):
Eins, zwei, drei, wieder mal vorbei – Das endgültige Buch zur Fußball-EM
Eulenspiegel Verlag, Berlin 2004

Christof Meueler, Frank Willmann (Herausgeber): Eins, zwei, drei, wieder mal vorbei – Das endgültige Buch zur Fußball-EM

Autoren: Karsten Krampitz, Andreas Gläser, Annett Gröschner, Anne Kathrin Hahn, Matthias Biskupek, Ahne Seidel, Jörn Luther, Enno Stahl, Andreas Geil, Tom Schulz, Marek Lantz, Jan Off, Torsten Schulz, Gabriele Damtew, Jochen Schmidt, Frank Willmann; Fotograf: Steffen Rössel

167 S., 7,90 EUR
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Die Schlacht um Böhmen
und die Sage von Rehakles

"Das Leben ist kein Unentschieden" (Jochen Schmidt)

Der Markt für EM-Literatur ist mit Sicherheit auch kein Raum gerechter Punkteteilung. Mit "Eins, zwei, drei, wieder mal vorbei – Das endgültige Buch zur Fußball-EM" läuft ein neues Konzept gegen das übliche Statistik-Einerlei der gedruckten Mitstreiter auf.

In den drei Wochen der diesjährigen Euro zerbrach die gemeinschaftliche Idee "Europa=Eins" temporal begrenzt in sechzehn klar differenzierte Bestandteile auseinander, Kriegsbemalung und Fahnenkult hielten Einzug. Medial serviert bekam der deutsche Zuschauer beinahe durchweg die Sicht durch die schwarz-rot-goldene Brille. An diesem Perspektivmangel setzt das Buch an. Jede Mannschaft bekam ihren Autoren/-Trainer offiziell und juristisch einwandfrei auf einem Billardtisch zugelost. Voraussetzung: Totale Identifikation mit dem am Fernseher zu betreuenden Team.

Zunächst stellen sich die Beteiligten im Interview vor. Dazu gehören unter anderem: Ahne (Lettland): Reformbühne Heim & Welt - Berlins führende Lesebühne, Matthias "Der Ball ist wund" Biskupek (Rußland): legendärer oldschoold Eulenspiegelzeitungsautor, Annett "Hollandhammer" Gröschner (Niederlande): Grundlagenforscherin zum 1.FC Magdeburg, Jan "Hauptwachtmeister" Off (Deutschland): Slam Poetry Gigant aus Braunschweig und früherer Deutscher Slam Poetry Meister, Jochen Schmidt: Lesebühne Chaussee der Enthusiasten und DDR-Jugend-Eigenbiograph, Frank "Wir sind mächtig gewaltig" Willmann (Griechenland): Union-, BFC- und Fußballand DDR-Bestsellerautor, Karsten Krampitz (Tschechien): Obdachlosenzeitungsliterat. Von da an zeigt die Fußball-Lektüre neben den gängigen Statistiken, Aufstellungen etc. Spieltag um Spieltag jede Begegnung aus den Blickwinkeln der jeweils teilnehmenden Nationen im Duell.

Da kann es schon vorkommen, daß diese sinnvolle Collage sympathisch patriotischer Lobeshymnen und Abgesänge, kurz Spielkommentare, unleicht nachzuvollziehende Gedankenkonstrukte zum Vorschein bringt. Mal ist ein gewisser Henrik Larsson, allgemein als schwedischer Nationalspieler bekannt, bulgarischer Stürmer skandinavischer Abstammung. Um Portugals Sieg sicherzustellen, empfiehlt Gabriele Damtew: "EU-Gelder effektiv einsetzen!" An anderer Stelle wird der niederländischen Nation aus topographischen Gründen das Existenzrecht aberkannt, wohingegen das alemannische Lettland-Remis als EU-Beitritts-Begrüßungsgeschenk allerhöchster diplomatischer Klasse nur Anerkennung verdient hätte, "moralische Überlegenheit" (Jan Off). Jörn Luther schien es hingegen ein wichtiges Anliegen zu sein, im Spiel seiner Franzosen gegen die Schweiz, den Zitaten von Raymond Queneau, Avantgardist der Fünfziger, den Großteil der Arbeit verrichten zu lassen, "den jämmerlichen Schiß zu verbildlichen" (Luther zitiert Queneau).

Dabei wird an der Verwendung der gängigsten und auch ungängigsten Klischees nicht im Ansatz gespart. Die Portugiesen seien im Grunde frei der kollektiven Depression freigeben und die Holländer hätten eh nichts besseres zu tun, als Käse zu fressen, oder waren das die Franzosen? Auf jeden Fall müsse ein Spielername wie Simone Perrotta (Italien) aufgrund seines femininen Touchs für ausreichend Verwirrung beim Gegner sorgen können. Der griechische Weg bis hin zum sensationellen Sieg erfährt durch Coach Frank Willmann gar den Charakter einer oder vielmehr der hellenischen Göttersage.

Da Fußball nicht ausschließlich auf dem Rasen stattfindet, widmet sich "Eins, zwei, drei, wieder mal vorbei" an spielfreien Tagen bzw. zwischen den Gruppenspieltagen und den K.O.-Runden den etwas anderen Fragen rund ums in diesem Jahr silberne Leder. Man diskutiert Udo Lattecks Wunsch nach "lauterem Nicken" und Michael Ballack wird lyrisch ausgekontert. Noch dazu gehören Expertenmeinungen sowie die Vorher/Nachher-Rubrik. Nicht ganz so gelungen erscheinen auf diesen Seiten spielbegleitende Randgeschichten, die den EM-Rahmen zum Teil sprengen.

Wo Fußball beginnt und wo er endet, ist häufig schwer zu beantworten. Dieses Gefühl, das ein jeder verspürt, der diesen Sport nicht nur alle zwei Jahre zu einem Fußballgroßereignis neu entdeckt, wo man wieder Flagge zeigen darf, ist in diesem Fußball-Buch, es hat die Bezeichnung verdient, vorzufinden. Der Leser schaut zwar nur in schwarz-weiße Fan-Gesichter, liest aber in Farbe. Der von Teilen des Sechzehner-Kaders auf hohem Niveau gepflegte Sprachwitz und viel Ironie können so manchem Schmunzler ein kleines Lachen entlocken. Und es zeugt von weiser Voraussicht, daß Blau und Weiß, die griechischen Nationalfarben, für die Umschlagsgestaltung gewählt worden sind. Kein Unentschieden, dafür ein Auftaktsieg.