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Die Box


 
Juni 2004
Nora Mansmann
für satt.org




Die Entführung aus dem Serail

von Wolfgang Amadeus Mozart

(Komische Oper Berlin, Premiere: 20.6.2004)

Regie:
Calixto Bieito

Musikalische Leitung:
Kirill Petrenko

Bühne:
Alfons Flores

Kostüme:
Anna Eiermann

Darsteller:
Guntbert Warns, Maria Bengtsson, Natalie Karl, Finnur Bjarnason, Christoph Späth, Jens Larsen

» komische-oper-berlin.de

Die Entführung aus dem Serail



Schon im Vorfeld war das Getöse groß: Der "Skandal-Regisseur" Calixto Bieito, hieß es in der Presse, werde Mozarts "Entführung aus dem Serail" in seiner Inszenierung an der Komischen Oper unzweifelhaft genauso zerstückeln (oder wahlweise: verschandeln) wie zuvor den "Troubadour" in Hannover oder den "Macbeth" in Salzburg. Dem 40jährigen Katalanen eilt ein gewaltiger Ruf voraus. Und tatsächlich drängt sich am Premierenabend das Publikum im Foyer der Oper, die Luft durchweht ein Hauch von Abenteuer, und auch der Presse-Andrang ist gewaltig: am Anfang der langen internationalen Schlange am Pressetisch fordern wütende Journalisten, deren Namen nicht auf den Listen stehen, die Herausgabe ihrer bestellten Karten.
Calixto Bieito
Calixto Bieito

Im Zuschauerraum bleibt jedoch zunächst alles ruhig, gar Gelächter ist zu hören, obwohl Bieitos Inszenierung das Publikum von Anfang an nicht schont. Osmin bewegt sich in den ersten zehn Minuten splitternackt über die Bühne - doch hier hält sich das Provokationspotenzial, im Vergleich zu den Dingen die noch kommen sollen, sehr in Grenzen: Der harmlose Spaß wird vom Publikum eher belustigt und sehr wohlwollend aufgenommen.

Bieito lokalisiert seine "Entführung" in einem modernen Bordell (Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Anna Eiermann). Eine durchaus stimmige Aktualisierung, handelt es sich doch bei dem Titel gebenden "Serail" um einen Harem, und hat doch Bassa Selim Konstanze entführt, um sie zur Liebe zu zwingen, notfalls mit Gewalt. Ob in der ausgedachten Wiener'schen Osmanen-Zeit oder in einem der heutigen, euphemistisch "Freudenhaus" genannten Etablissements: Ein Bordell ist immer ein potenzieller Schauplatz von männlicher Machtausübung und Gewalt gegen Frauen. Jeden Tag gehen in Deutschland 800.000 Männer zu Prostituierten, so informiert das Programmheft; das uralte Gewerbe ist heute ein Bestandteil der modernen Dienstleistungsgesellschaft - und doch leben viele Prostituierte in schlimmen Umständen am Rande der Illegalität oder völlig außerhalb von Gesetz und Recht. Die bekannten Tatsachen kümmern die Freier, die durchaus auch aus den sogenannten "besseren Kreisen" kommen, wo man neben Bordellen auch gern Opernpremieren besucht, in aller Regel nicht. So etwas zu zeigen, gesellschaftliche Missstände zu benennen, auch mit drastischen Bildern, ist eine Aufgabe der Kunst. BIeito bietet uns mit seiner Umsetzung des sonst gern romantisch verklärten Mozart'schen Serails als Bordell ein schlüssiges Konzept, welches eine Inszenierung ermöglicht, die ein für uns heute relevantes Thema aufgreift und die Oper erfolgreich aus ihrem Museumsdasein reißt.

Über Bieitos Umsetzung der Idee lässt sich durchaus im Einzelnen streiten. Es sind wirklich sehr harte Bilder, die dem Publikum unentwegt vor den Latz geknallt werden: nackte Menschen auf der Bühne regen zwar offenbar nicht einmal mehr ein Opernpremierenpublikum auf, zumal in Berlin; auch Kopulationen in den verschiedensten Stellungen rufen noch keine Buhhhs hervor, und Schießereien mit spritzendem Blut auf der Bühne werden weit gehend toleriert. Doch Bieito geht noch darüber hinaus und zeigt unter anderem die Folterung einer der Frauen im Serail lang und breit und in aller Drastik bis zum Abschneiden der Brustwarzen. An dieser Stelle regt sich der erste Widerstand im Parkett und auf den Rängen, wenige Zuschauer verlassen den Saal, viele machen ihrem Unmut durch lautstarke Äußerungen Luft.

Man kann über die Grenzen der Kunst oder des guten Geschmacks unterschiedlicher Ansicht sein, wobei die Frage erlaubt sei, was Kunst mit dem sogenannten guten Geschmack zu tun haben soll und wer diesen definiert oder definieren sollte - doch wohl nicht das Abo-Publikum, sonst gnade uns Gott! Nein, der Maßstab für das, was auf der Bühne erlaubt ist, ist die Frage, ob das betreffende Element für den Inhalt und das Konzept der Inszenierung Sinn macht. Den Serail als modernen Puff darzustellen ist eine mutige und lobenswert gesellschaftskritische Konzeption, gerade für eine Oper. Diese Dinge passieren jeden Tag, es muss erlaubt sein sie zu thematisieren oder sie künstlerisch zu verarbeiten, ohne zu romantisieren. Bis auf drei oder vier kleine Ausnahmen sind die gewalttätigen, brutalen Szenen in Bieitos Inszenierung inhaltlich begründet, Provokation nur um der Provokation willen kommt erfreulich selten vor. Insgesamt aber wäre besser gewesen, die ganze Inszenierung weniger naturalistisch und stattdessen metaphorischer anzulegen, ohne, dass sie an Drastik hätte einbüßen müssen. Der erste künstlerische Schritt ist die Transformation von Mozarts Serail ins Heute - ein wunderbarer Ansatz - der zweite wäre gewesen, von der naturalistischen Abbildung zu abstrahieren und eigene metaphorisch-assoziative Bilder für die gemeinten Vorgänge zu finden. Bei der sich ständig wiederholenden Darstellung von Sex- und Gewalt-Orgien wird selbst die drastischste Szene langweilig und ermüdend, und büßt jede Wirkung ein, die über die reine Provokation hinausgeht.

Auch musikalisch ist der Abend ein zweischneidiges Schwert. Kirill Petrenko und sein Orchester beginnen fahrig und ungenau, steigern sich aber sehr im Laufe des Abends. Immerhin präsentieren sich der Dirigent und seine Musiker erfrischend schwung- und kraftvoll. Der Chor überzeugt im Ganzen ebenfalls. Die Solisten sind zum großen Teil hervorragend: Maria Bengtsson begeistert als wohlklingende Konstanze, auch Osmin (herrlich: Jens Larsen) und Pedrillo (Christoph Späth) sind gut besetzt. Natalie Karl als Blonde ist kraftvoll, aber ein wenig zu schrill, und Finnur Bjarnason als Belmonte zeigt sich etwas überfordert. Der Schauspieler Guntbert Warns ergänzt das Ensemble in der Sprechrolle des Bassa Selim. Die Musik wird leider wenig eingebunden in die Gesamtinszenierung, hier hätte genauer gearbeitet, hätte etwa die Kontrastbildung zwischen fröhlicher Musik und brutaler Handlung besser inszenatorisch genutzt werden können. In wenigen kurzen Augenblicken zeigt Bieito Selbstironie, indem er eine blutige Szene so sehr übertreiben lässt, dass sie nicht mehr ernstgenommen werden kann. Mehr von diesen erfrischenden Brüchen würden für's erste schon gut tun. Brauchen wir modernes Musiktheater? - unbedingt, bitte auch mit gesellschaftskritischen Tönen, aber auch mit mehr Fantasie - sonst können wir zu Hause bleiben und Nachrichten, Reportagen oder auch Pornos schauen.