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Die Box


 
Mai 2004
Frank Willmann
für satt.org




fußball

1000 neue Fußballbücher



Noch vor 10 Jahren hätte ein seriöser Verlag um Fußballbücher einen großen Bogen gemacht. Inzwischen ist diese Art Literatur marktfähig und somit bei jedem Verleger und Buchhändler ungemein beliebt. Der intellektuelle Fußballfan steht zu seinem Laster und stellt es stolz in seinem Bücherregal zur Schau. Bücher zum Thema Fußball sind angesagt. Und die Fußball-Europameisterschaft im Juni 2004 wird eine weitere Lawine an Büchern lostreten. Rund um das 1954´er Wunder von Bern gibt’s mittlerweile einen kaum zu erklimmenden Bücherberg, selbst Romane zu Helmut Rahns Toren wurden verfasst. Genügend Antrieb also, sich einigen aktuellen Büchern zur Fußball-Thematik hinzuwenden.


Tim Parks:
Eine Saison mit Verona

Goldmann 2003

Tim Parks: Eine Saison mit Verona

520 S., 9,90 Euro
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Der absolute Renner der Saison ist das Buch "Eine Saison mit Verona" von Tim Parks. Der Schriftsteller Parks lebt mit seiner Familie seit zwanzig Jahren in Verona. Der bekannteste Fußballverein dort ist Hellas Verona. Parks hat sich in einen Fanbus gesetzt, und Mannschaft samt Fans eine Saison lang begleitet. Dabei schrieb er ein wunderbares Buch voll Seele, Leidenschaft und Rock and Roll. Über ein Spiel bei Juventus Turin:

"Aber das Irritierendste überhaupt ist die Lautsprecheranlage. Bis unmittelbar vor dem Anpfiff hat eine Batterie unglaublich leistungsstarker Boxen das Stadion mit Rockmusik überschwemmt. Dies ist also das erste Spiel in der Saison, bei dem ich keine der üblichen Aufwärmgesänge und –beleidigungen zu hören bekomme. Nichts könnte seelenloser sein. Die Fans kommen, um sich selbst zu hören. Sie wollen sich stimmlich mit ihren Gegnern messen. Die Spieler mögen unsere Stellvertreter auf dem Platz sein, aber die wahre Schlacht wird zwischen den beiden Städten ausgetragen. Hat Fußball nicht genau so angefangen: Zwei Dörfer, zwei Mannschaften und ein Ball, hin und her gekickt in einer Art unblutigen Kriegsparodie? Welche Erniedrigung also, nicht nur in einem Käfig aus Zäunen und Plexiglas eingepfercht zu sein, sondern auch noch feststellen zu müssen, dass jeder Versuch, sich seine Gefühle von der Seele zu schreien, von ohrenbetäubendem Europop übertönt wird."

Das ist grandiose Fußballprosa! Hut ab, setzen und durchatmen. Parks beweist abermals, daß Engländer die besten Bücher zum Thema Fußball schreiben.


Frank Goosen (Hg.):
Fritz Walter, Kaiser Franz und wir

Eichborn 2004
EUR 16,95
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Im Eichborn Verlag brachte dieser Tage Frank Goosen das Buch "Fritz Walter, Kaiser Franz und wir" heraus. Es ist eine lose Sammlung kabarettistischer und literarischer Schmankerl, mitunter leider sehr bieder und überhaupt nicht frech. Da wispern in Frank Schulzens Beitrag Overaths Vater und Schnellingers Mutter um die Wette und dem Leser ist nur nach Mittagsschlaf zu Mute. "Piss, sagt Stan Libuda und setzt seine Stollen auf Overaths Rist. Arschgesicht, sagt Overath, zieht das Knie ruckartig an, stoppt jedoch rechtzeitig ab und bietet sein Kabinettstückchen dar: Er schließt die Augen – aber so, wie ein Kaiser beleidigte Leberwurst mimte …" Und so weiter. Das ist dann wohl deutscher Humor, schwer wie eine Bleigans.
Doch es gibt auch sehr schöne Beiträge in dem Buch, so Jule Vollmers Katastrophenbericht über ihre Geburt am 4. Juli 1954 gegen 18 Uhr 30. Auch von Matti Lieske und Klaus Modick gibt es prima Lesestoff, insgesamt ist es kein schlechtes Buch: 2 minus, also kaufen!


Andreas Baingo, Michael Horn:
Die Geschichte der DDR-Oberliga

Die Werkstatt, 2003

Die Geschichte der DDR-Oberliga

352 S., 29,90 Euro
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Michael Horn, Gottfried Weise:
Das große Lexikon des DDR-Fußballs

Schwarzkopf & Schwarzkopf 2004

Das große Lexikon des DDR-Fußballs

19,90 Euro
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Die beiden Sportjournalisten Andreas Baingo und Michael Horn haben mit "Die Geschichte der DDR-Oberliga" einen längst überfälligen Klassiker abgeliefert. Fakten- und kenntnisreich wird die Historie der DDR-Oberliga beleuchtet. Das Buch wurde aus dem Fundus der Berliner Tageszeitung "Junge Welt" mit sehr vielen Fotos versehen, die dem Werk Atmosphäre verleihen. Der Göttinger Verlag Die Werkstatt hat Gespür bewiesen, das Buch ist ein Renner und bereits nach kurzer Zeit in der dritten Auflage. Wer die gesammelten Ausgaben der DDR-Fußball-Woche nicht sein eigen nennt, wird an dem Buch viel Freude haben. Gleich auf dem Titelbild schaut uns Genosse Ulbricht (natürlich garniert mit Spitzbart) unwirsch an: Ja, Ernst ist der Fußball und das Leben kurz!

Michael Horn hat nachgelegt und mit "Das große Lexikon des DDR-Fußball" von Gottfried Weise quasi den Ergänzungsband zur Geschichte der Oberliga abgeliefert. Eine große Fleißarbeit, dafür gibt’s das Bienchen und eine lobende Erwähnung auf der ewigen Wandzeitung der Statistiker!

Auf 431 Seiten steht alles, was wir noch zum Zonenfußball wissen müssen. DDR-Erfolgstrainer Georg Buschner hat dazu ein Vorwort verfasst, wo er unter anderem feststellt "Unter dem Strich hatte ich weniger Spiele verloren als alle anderen DDR-Trainer zusammen." Na, denn Schorsch! Doch, das Buch ist Klasse: "42 Jahre DDR-Fußball pur, die schwarzen Stunden bleiben nicht ausgespart: Unter P wird der BFC-Fan Mike Polley erwähnt, der 1990 in Leipzig durch eine Polizeikugel starb, was als Notwehr durchging", wie Kollege Andreas Gläser zurecht feststellt. Schöne Fotos illustrieren auch prächtig, das Buch gehört in jeden Einbauschrank zwischen Saßnitz und Suhl.


Rüdiger Barth, Guiseppe DiGrazia:
Die 10 - Magier des Fußballs

Malik 2004
208 S., 16,90 Euro
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In den Papierkorb hingegen flogen zwei Bücher, die ich im Rahmen meiner Feldforschungen untersuchte.
Da ist zum einen das unsägliche, na ja, sagen wir mal Buch, mit dem Titel "Die 10 Magier des Fußballs", verfasst von einem Doppelwhopper aus dem Hause Stern in HH. Vermutlich ist jedoch jemand wie Reinhold Beckmann der wahre Verfasser. Das "Blattwerk" zwischen zwei Buchdeckeln ist ein Phrasendrescherei und Kultsabberei vor dem Herrn. Jede Floskel, Redeblume, jedes vergessenswerte Nichtwort, das irgendwann mal ein Typ à la Werner Hansch aus der Glotze jodelte, wurde offensichtlich von den Autoren fleißig mitgeschrieben und an die 333mal verbraten … Nein, das ist nichts, bähhh!


Hans Leske:
Erich Mielke und das runde Leder

Die Werkstatt 2004
640 S., 38 Euro
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Leider, leider hat sich auch mein Lieblingsfußballbuchverlag Die Werkstatt aus Göttingen einen ähnliche Fehlgriff erlaubt. "Erich Mielke und das runde Leder" wurde von den Göttingern grundlos auf den Buchmarkt geworfen. Auf 640 langen Seiten holpert sich der Autor in einer unsäglichen Sprache durch die DDR-Fußballgeschichte. Das Buch ist langatmig, witzfrei, oberlehrerhaft. Eine verschnarchte, besserwisserische Magisterarbeit aus der Magisterbutze für kommende bleiche Magister. Wer soll dieses Buch für achtunddreißig Euro kaufen?


Matthias Kropp:
Fußball-EM-Almanach

Agon 2003
15,30 Euro
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Zu guter letzt noch eine Leseempfehlung für kommende EM-Tage: Der "Fußball-EM-Almanach" aus dem Agon-Sportverlag. Etwas größer als ein Taschenbuch, bietet die 410 Seiten in knapper Form alles, was man zur Geschichte der Fußball-EM wissen muss. In Zahlen, Analysen und Bildern bietet dieser Almanach in kompakter und umfassender Form einen Überblick über alle bisherigen Europameisterschaften. Das Warm-up für die tollen Tage in Portugal!