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Die Box


 
Januar 2004
Frank Willmann
für satt.org






Forschungsstand Höllenengel

von Frank Willmann

Bücher zum Thema
Note 1, unbedingt kaufen:

Jönke: Big Run. Mein Leben als Hell's Angel
320 Seiten, Europa, Hamburg 2003, 19,90 Euro
Willi Wottreng: Tino, König des Untergrunds Die wilden Jahre der Halbstarken und Rocker.
240 Seiten, Orell Füssli Zürich 2002, 29,50 Euro

Note 2 minus, kann man kaufen:

Ralph Sonny Barger: Hell's Angel. Mein Leben
300 Seiten, Europa Verlag Hamburg 2001, 19,90 Euro
Maxim X: Alles über Motorräder Geschichten, Legenden und Fakten.
288 Seiten, Europa, Hamburg 2003, 29,90 Euro

Note 3 minus, nur für Frisösen und 1%-Biker:

Ralph Sonny Barger: Dead In Five Heartbeats
Roman, 318 Seiten, Europa, Hamburg 2003, 19,90 Euro
Ralph Sonny Barger: Ridin' High Livin' Free
Die härtesten Motorrad-Geschichten
314 Seiten, Europa, Hamburg 2002, 19,90 Euro

Forschungsstand Höllenengel



Höllenengel
„Tod im Bordell“, „Panzerabwehrraketen im Rockerkrieg“, „Harte Männer auf heißen Öfen“ … Das sind drei wahllos ausgesuchte Schlagzeilen, die man im Internet präsentiert bekommt, wenn man „Hell`s Angels“ in die Suchmaschine tippt. Und doch sagen diese drei Schlagzeilen einiges über die legendäre amerikanische Motorradrockergang aus, deren Ableger sich nach Gründung der Angels in Kalifornien Anfang der 60er Jahre wie ein Virus über die ganze westliche Welt ausgebreitet haben.


Die Worte Hell`s Angels bewirken beim interessierten Biker Visionen von Freiheit, Unabhängigkeit, einem starken Männerbund und Treue bis in den Tod. Dem stinknormalen Zeitgenossen zieht dagegen ein Schauer durch die Nackengegend - ihm wird ängstlich zumute. Zumal gerade in letzter Zeit die Medien wieder von einer großangelegten Polizeiaktion aus den USA zu berichten wissen, wo die Angels nach zweijährigen Ermittlungen bei ihren vermeintlichen Lieblingsbeschäftigungen (wie Waffenhandel, Drogenhandel und Förderung der Prostitution) von FBI und lokaler Polizei gestört wurden. Es gab mehrere Dutzend Verhaftungen und die Angels-Chapters (Bezeichnung für die einzelnen Ableger weltweit) um den Globus werden sich wieder über verstärkte Polizeiaktivitäten freuen dürfen.

Die Hell`s Angels sind jedenfalls kein normaler MC (Motorradclub), der sich der Pflege seiner Harleys und Haare verschrieben hat, ab und zu mal die Nachbarn mit seiner röhrenden Maschine erschreckt, jungen ahnungslosen Mädels nachstellt und ansonsten friedlich im Vereinsheim am Pils nuckelt. Wer einmal Mitglied der Angels ist, bleibt es auf Lebenszeit. Austreten kann man nicht, nur unehrenhaft ausgeschlossen werden. Die Gruppe ist die heilige Familie, sie kommt immer zuerst, wer sich einen Angel zum Gemahl nimmt, spielt die zweite Geige. Jedes Chapter ist streng hierarchisch organisiert, es gibt quasi militärische Ränge (Officer) im Club, erst nach einem langjährigen Aufnahmeritual wird man Member, vorher ist man als Prospect auf der untersten Stufe zu Gange und macht die Drecksarbeit. Den Patch, das Hell`s Angels Emblem, erhält man erst, wenn man als Vollmitglied aufgenommen ist. Es gibt ein internes Regelwerk, eine putzige Mischung aus den 10 Geboten und militärisch-sektiererischen Anordnungen. Bike with babes

Da sich in den letzten beiden Jahren einige Angels berufen fühlten, zur Feder zu greifen bzw. einige Bücher zum Thema erschienen, möchte ich einen kleinen Überblick über die aktuelle Literatur geben. Eindeutiger Star der Szene ist Ralph Sonny Barger, Mitbegründer der Angels und beinahe kultisch verehrter Biker-Halbgott. In seiner Autobiografie, die er unter dem Titel „Hell´s Angel“ mit Unterstützung der Brüder Zimmerman veröffentlicht hat, lässt er ordentlich vom Leder. Der San Francisco Chronicle hält sie für so „subtil wie ein Tritt in den Hintern“. So weit möchte ich nicht gehen, doch hat sie deutliche Qualitäten in der Alltagsbeschreibung eines amerikanischen Outlaw in den 60er, 70er und 80er Jahren. Anschaulich gibt er die Geschichte der Angels aus seiner immer parteiischen Sicht wieder. Die ist bedauerlicher Weise sehr loyal, als Mitglied der Angels bleibt ihm wohl nichts anderes übrig. Somit fehlt dem Buch einiges, zuallererst die kritische Distanz. Keine der als kriminell einzustufenden Aktionen wird wirklich beleuchtet, die interne Hierarchie bleibt außen vor, Kritik am Handeln ist ausgeblendet. Barger bemüht sich in Legendenbildung. Sex, Drogen, Gewalt, Körperverletzung und ein bisschen Humor. Doch er schafft es selten, wirkliche Dramatik zu erzeugen, früher oder später wird es meist sozialromantisch. Selbst im Kapitel: „Mein größter Kampf“ geht es nicht um Bandenkriege, sondern um Krebs. Der Angel ist auch nur ein Mensch, und ein ziemlich konservativer dazu. Barger ist stolz, ein Amerikaner zu sein, und reibt uns das häufig unter die Nase. Seine Flagge ist ihm heilig, Kriegsdienstverweigerer mag er nicht, auch wenn er sich seinen Aufnäher „Einprozenter“ an die Weste nähen lässt: Nur ein Prozent der Motorradfahrer seien gewalttätig, ließ in den 60ern die amerikanische Motorradfahrer-Vereinigung hören, seither sind diese ein Prozent - nicht ohne Ironie - stolz darauf! Nichts desto Trotz bietet das Buch viele großartige Histörchen und Stories und ist somit bedingt empfehlenswert.

Ob des enormen Erfolges seiner Autobiografie hat Sonny noch mal nachgelegt. Unterstützt wieder von den Zimmerman-Brüdern erschien in 2002 eine Sammlung von „harten“ Motorradgeschichten unter dem Titel „Ridin´High, Livin´Free“. Nach dem Motto „Freiheit gibt es nicht umsonst, und es geht nichts über die offene Strasse, eine aufgetunte Harley und ein Mädchen, das dich liebt“ – wird uns Bikerromantik serviert, das sich die Zotteln kräuseln. All die „harten“ Jungs mit ihren „harten“ Geschichten gingen mir beizeiten auf die Eier und ich verschenkte das Buch an meine Lieblingsfrisöse. Kurzum, ein Buch für Haarschneiderinnen, für „harte“ Biker und solche, die es werden wollen.

2003 ließ es sich Sonny nicht nehmen, wiederum unterstützt endlich den ersten „Hell`s Angels“-Krimi „Dead in Five Heartbeats“ folgen zu lassen. Dieser ist solide geschrieben, es geht um das übliche: Bikerrivalitäten, Saufgelage, einsame, unverstandene Wölfe, heisse Bräute usw … Seltsamerweise erfährt der einsame Wolf und alter ego Sonnys im Buch entscheidende Unterstützung von einer Horde reisschüsselmotorradfahrender Freizeitrocker, die von 9-19 Uhr im Büro oder im Atelier hängen und ordentlich abbimsen. Na, sie werden immerhin von einem Angels-Sprössling ins Feld geführt, wird der Fachmann schwatzen, doch mir als Laien kams recht spanisch vor. Bleibt zum Abschluss zu hoffen, Sonny Barger bringt nicht demnächst noch eine Kollektion „Hell´s Angels“-Häkeldecken und -Pantoffeln heraus.

Der dänische Hell`s Angel Jönke hat desgleichen 2003 etwas wie seine Lebensgeschichte dem deutschen Publikum offeriert. Das Buch mit dem Titel „Big Run“ gefiel dem Rezensenten ausgezeichnet. Bar jedem Schnörkels oder dem Versuch einer Rechtfertigung, berichtet Jönke von seiner Kariere als Outlaw, als Rocker, als Killer. Er hat frühzeitig keinen Bock auf’s Spießertum und Angepasstsein, oder das, was er dafür hält, und findet sein Heim in der Rockerbude der Hell´s Angels Kopenhagens. Mit seinen Rockerkumpels geht er selbstbestimmt seinen Weg, der ihn in den Abgrund und für 16 Jahre ins Gefängnis führt. Jönke erledigt für seinen Club einen Auftrag, er ermordet hinterrücks den Anführer einer rivalisierenden Rockergang. Ein reinweg spannendes Werk, das ironisch und bisweilen schön schnurrig den Werdegang Jönkes vom Anwärter zum „vollwertigen“ Hell´s Angel erzählt. Bikerromantik bleibt außen vor, Schlägereien, Frauengeschichten und seltsame Mutproben der Gang werden nicht ausgespart, aber dosiert und ohne Pathos beschrieben. Ein Muss für voyeuristische Hobbysoziologen!

Ein weiteres Buch zur Angel´s-Problematik erschien 2002, verfasst von Willi Wottreng. Es heißt Tino – König des Untergrunds und umreißt die Biografie des Züricher Gründers der ersten „Hell´s Angels“-Gang auf dem europäischen Festland. Tino, der Jugendbandenchef in der Zürcher Halbwelt und spätere Boss der Schweizer „Hell's Angels“, hieß eigentlich Martin Schippert und wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen am Zürichberg auf.
Der typische Bürgerschreck war ein kränkliches Kind und hatte es in Schule und Lehrzeit nicht leicht. Er war ein unsteter Typ. Nicht gewillt sich anzupassen, immer mit dem starken Drang, alles selbst zu bestimmen. 1981 starb er in Bolivien unter ungeklärten Umständen. Ein würdiger Angels-Tod, der ihn in ein geheimnisvolles Licht taucht und endgültig zur Legende werden lässt. Noch Ende der achtziger Jahre wird Tino im brasilianischen Tiefland und in Basel gesehen …
Wottreng orientiert sich in seiner dokumentarischen Biografie an erhaltenen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen zu Tinos Leben, sowie an Gesprächen mit ehemaligen Weggefährten und Zeitzeugen. Man merkt es dem Autor an, dass er vom „Hell's Angels“-Boss fasziniert ist. Wottreng hatte mit Friedrich Dürrenmatt dabei einen Vorgänger. Des Schriftstellers Sehnsucht nach Wildem, Unzügelbaren fand in Tino – „ein Typ von einem anderen Stern“ – ihre Verkörperung. Der Kontakt zwischen den beiden war, den erhaltenen Zeugnissen nach zu schließen, ungezwungen: „Liebes Mueti. Bin mit dem Motorrad schnell bei Dürrenmatt Mittagessen gewesen“, schrieb Tino 1969 auf einer Postkarte.

Die Schweizer Justizbehörden hingegen hatten eine andere Beziehung zu Tinos Wirken. 1971 wird wegen Freiheitsberaubung und Notzucht gegen die Hell's Angels ermittelt. Sechs ihrer Mitglieder, darunter auch Tino, wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Tino gelang 1973 die Flucht aus der Strafanstalt. Seither vagabundierte er in der Welt herum, bis er 1980 in Bolivien von der Polizei wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Nach anderthalb Jahren wird er in ein Krankenhaus verlegt, aus dem er Ende 1981 entweicht. Dann verliert sich seine Spur …
Sprachlich kommt das Buch mitunter etwas bieder daher, doch der dokumentarische Schlüssellochblick macht es gleichwohl sehr lesenswert.

Wem das nicht reicht, sei noch das Buch „Alles über Motorräder. Geschichten, Legenden und Fakten“ von Maxim X, erschienen 2003, empfohlen.