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Die Box


 
November 2003
Martin Straub
für satt.org




Jörn Luther, Frank Willmann:
BFC Dynamo - Der Meisterclub

Verlag Das Neue Berlin 2003

Jörn Luther, Frank Willmann: BFC Dynamo - Der Meisterclub

304 S., EUR 18,90
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Meisterlich:
Der BFC Dynamo
als DDR-Alltagskultur



Fußball, Stoff oder Thema für "schöne Literatur"? Das Millionenspiel ist längst hoffähig geworden. Wer denkt nicht an Christoph Dieckmanns Feuilletons und Reportagen über den FC Carl Zeiss Jena oder an Annett Gröschners Buch über den 1. FC Magdeburg mit dem schönen Titel "Sieben Tränen muss ein Clubfan weinen". Willmann und Luther haben sich auf diesem Gebiet zu Profis entwickelt. Nach ihrem Buch "Und niemals vergessen - Eisern Union" legen sie nun das Buch über den Erzrivalen vor, den FC Dynamo Berlin. Dieses Buch über den Club Erich Mielkes ist weit mehr als nur eine Chronik über den Aufstieg und den Niedergang zum "Club der Verlierer" nach der Wende. Freilich sind sich beide Autoren ihrer Chronistenpflicht bewusst. Mit Akribie haben sie reiches Material gesammelt und aufbereitet. Die Geschichte des Dynamo-Konzerns gibt die Gliederung vor.

Das Genre wird also ernst genommen. Das verwundert nicht, war doch Frank Willmann selbst aktiver Fußballer, Mittelstürmer bei Motor Weimar. Wegen mangelnden Trainingsfleißes wurde er zu Empor Weimar delegiert. Die Dynamo-Spieler machten da andere Karrieren, aber das nur nebenbei. BFC-Wappen

Der Fußballclub als ein DDR typisches Biotop. Alle sind hier versammelt im Stadionoval und Trainingscamp: die Claqueure und Funktionäre auf der Ehrenloge, die Angepassten und die aufbegehrenden Fans, die Wächter, die Spieler zwischen Angst und Hoffnung und die Schiedsrichter, ein Kapitel für sich. Der BFC-Spieler Christian Backs sagt: "Wir waren damals doch auch nur bekloppte Fußballer." Da kommen kuriose Dinge zur Sprache, etwa dass die Spieler im Trainingscamp regelmäßig zu James-Bond-Filmen geladen wurden. Am interessantesten in diesem Band sind die Interviews mit Spielern, Trainern, Funktionären, vor allem mit den Fans. Diese Gespräche geben einen lebendigen Sound über Mentalitäten vor und nach der Wende. "Hauptsache Anti", sagt Andreas, "gegen die DDR-FDJ-DSF-Spießigkeit. Aber in erster Linie ging es um Fußball." Und Titus meint: "Das MfS hat doch alle infiltriert, das Bundeskanzleramt, das NATO-Hauptquartier und die Gegengerade des BFC. Aber unterm Strich - alles umsonst."

Die Spieler-Porträts bleiben oft zu blass. Man hätte schon gern mehr über die Thoms, Dolls oder Rohdes erfahren. Über ihre Verfassung, einst und jetzt, ihre Wechsel in die großen Fußballclubs der alten Bundesländer nach 1989. Was die Fans betrifft, so entsteht vor dem Leser das Bild einer ausgesprochen inhomogenen Gruppierung.

Herangezogen wird die Diplomarbeit eines Mitarbeiters der Staatssicherheit über die gewalttätigen Fans in der DDR-Hauptstadt. Über 2479 Vorkommnisse wurden ausgewertet. Davon gingen "nur 937 auf das Konto der BFC-Anhänger, den Rest erledigten die Unioner". Und die Verfasser zitieren weiter: Über 20 Prozent der Festgenommenen kamen beim BFC aus Familien der sozialistischen Intelligenz oder der bewaffneten Organe. Fast alle stammten aus "geordneten familiären Verhältnissen". Wie üblich wurde das auf die "westlichen Einflüsse" geschoben.