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Die Box


 
November 2003
Christian Bartel
für satt.org




Jon von Wetzlar (Hg.), Christoph Buckstegen (Fotos):
Urbane Anarchisten – Die Kultur der Imbißbude

Jonas Verlag, Marburg, 2003

Urbane Anarchisten. Die Kultur der Imbißbude

128 S., EUR 15,00
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Urbane Anarchisten
Die Kultur der Imbißbude



Es ist ja dies eine, was man als Bewohner der wahren und einzigen Hauptstadt im Westen von der östlichen Usurpatorenstadt zumindest immer gehört hatte: Ganz Berlin ist eine Wolke, und zwar ein schlieriger Schleier aus den fett-triefenden Küchendünsten der abertausend mehr oder minder mobilen Garküchen, die den Charme dieser Stadt so unmöglich machen. Kaum eine andere Stadt verdankt ihr Gesicht nämlich so sehr der Pommesbude wie Berlin, von gewissen nur sehr bedingt stadtähnlichen Konglomeraten im Ruhrgebiet einmal abgesehen. Auch dem Wesen des Berliners ist eine gewisse Pommes- wenn nicht sogar Wurstbudenhaftigkeit zu eigen, schmuddelig und deftig ist seine Sprache, ranzig ist sein Mutterwitz. Dem Rheinländer ist er dadurch unbedingt vorzuziehen, denn dieser benimmt sich stets wie zu heiß gebratene Blutwurst.

Der Berliner und sein Besucher scheint also von einem aberwitzigen Freßwahn gebeutelt von Asiapfanne zu Dönerbude zu Würstchenbräter zu stolpern, denn von diesen Etablissements ist die Stadt systematisch vollgestellt worden und mit immer neuen Tiefstpreisen buhlen sie um die Gunst der immer hungrigen Spreeanrainer. Neuerdings werden die Berliner auch noch von würstchengrillenden Bauchladenträgern notversorgt, die sich zwecks Demütigung Grillwalker nennen müssen. Aber der Berliner verdrückt auch das. Sind es die kalten Taigawinde, die diesen Hunger entfachen oder zerbricht des Berliners Sättigungsgefühl an der Last deutscher Geschichtsschuld? Eine Psychologie der sympathischen Schultheiss-Metropole soll hier aber gar nicht versucht werden, vielmehr soll auf einen feinen Bildband hingewiesen werden, der sich mit einem nur unwesentlich durchbrochenen Ernst dieses Themas annimmt. Das Buch trägt den Titel „Urbane Anarchisten“ und darunter die Zeile „Die Kultur der Imbißbude“ – es ist der Versuch, die Ästhetik der Berliner Imbißbude zu dokumentieren und zu analysieren. Eine archaische Welt, die laut Autorenmeinung ebenso vom vordringenden Latte-Macchiatismus wie von den Reinlichkeits- und Aufbruchsfantasien „städtischer Administratoren“ bedroht ist.

Jon von Wetzlar und Christoph Buckstegen haben für den Jonas-Verlag wenn auch kein coffee-table-book, so doch ein Buch geschaffen, dessen umfangreicher fotografischer Teil sich in der würdevollen Trostlosigkeit neonbeschienener Imbißbuden bestens goutieren ließe. Von eben jener Athmosphäre erzählt beredt das fotografische Werk Christoph Buckstegens. Der ebenfalls umfängliche Textteil enthält Essays und Aufsätze, ausgewählt mit einem Sinn für die Vielseitigkeit und unbestreitbare Tiefe des Themas. Ein bißchen weit gefaßt wirkt es dann aber doch, wenn da Stadtsoziologie neben finnischer Gastro-Anekdote neben historischem Abriß belgischer Frittenkultur steht.

Wundervoll unskurril und im Duktus der klassischen Baedekerei nicht unähnlich kommt der Aufsatz „Imbißbuden in Berlin“ daher, der dem lauffreudigen Besucher mehrstündige Spaziergänge durch die sonderbare Welt der „Brat-Oasen“ und „Boulettenschmieden“ empfiehlt. Insgesamt ein schönes Buch, präzise und doch rätselhaft die Bilder, informativ die Texte und ein Ansinnen, so wie schon Goethe seine Currywurst haben wollte: edel, hilfreich und gut.