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Die Box


 
Juli 2003
Frank Willmann
für satt.org




100 Jahre Fußball in Weimar

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Sportpark Lindenberg Weimar

100 Jahre Fußball in Weimar



"Mooodooohr Mooodooohr!", brüllte es in den 70er Jahren aus vielen Kehlen, wenn die Kicker der "BSG Motor Weimar" im heimischen "Sportpark am Lindenberg" das Tor des Gegners bestürmten. Motor spielte sich in der zweiten Liga der DDR einen guten Stiefel zusammen, die Arbeiter und Bauern Thüringens strömten in Scharen zu den Heimspielen.

Mein Vater dribbelte seinerzeit bei den "Alten Herren" Motors und meldete mich als siebenjährigen Steppke 1970 selbstverständlich bei der Knabenmannschaft von Motor Weimar an. Das Idol aller Fußballjungen und pubertierenden Mädchen war damals Gisbert Job. Er war Weimar´s Mannschaftskapitän, spielte im Mittelfeld und lenkte, ja "dachte" das Spiel. Zu meinem persönlichen Glücke war er außerdem noch mein Sportlehrer. Er bediente den wilden Weimarer Stürmer Wolfgang "Der Mann mit dem Bums" Dummer (Markenzeichen fetter Schnauzer) mit Traumpässen, die jener lauffreudige Blitz kraftvoll in des Gegners Maschen wamste. Häufig bediente er auch sowjetische Gastspieler, in Weimar der Einfachheit halber "Russen" genannt.. Weimar war Garnisonsstadt, der Trägerbetrieb der BSB Motor Weimar, das Landmaschinenbaukombinat Fortschritt, pflegte gute Kontakte zu den "Freunden", so gab es bis 1984 stetigen Nachschub an Spitzenspielern aus der Sowjetunion. Das Thüringervolk gab ihnen klangvolle Spitznamen, so wurde Dawidow zu "Maradonow" und Alijew zu "Ali". Alimässig wurde es manchmal schwierig, da der Stürmer Aschmann, genannt "Ascher", von manchem Hermunduhren wegen seines recht dunkeln Teints ebenfalls "Ali" gerufen wurde.

Die Spiele Motors hatten Volksfestcharakter. Bratwurstdüfte wehten durch die Lüfte, die Vereinskneipe unter der Holztribüne platzte aus allen Nähten, "Ehringsdorfer Hell" und Rote Brause flossen in Strömen. Der "Lindenberg" war Treffpunkt, Ausflugstätte, Meckerecke. Wir Jungs bolzten auf einem Nebenplatz und nahmen die ersten Mädchen in Augenschein.

Nach 1989 ging es mit Weimars Fußball bergab. Wie in allen Stadien der Ex-DDR blieben die Zuschauer zu Haus, der "Hauptsponsor", das Landmaschinenbaukombinat, ging unter. Einige unentwegte Fußballfreunde der Mannschaft der "Alten Herren" taten sich 1990 zusammen und überlegten, wie der Weimarer Fußball zu retten sei. Als erstes müsse der Name Motor verschwinden, Tradition ist im Fußball enorm wichtig. Man entsann sich des Namens SC 03.

"Junge, anständige Herren, welche sich an der Gründung eines Fußball-Clubs beteiligen wollen, werden zwecks einer Besprechung morgen, Freitag, 1/2 9 Uhr, in das 'Hotel Adler' gebeten", las man Anfang 1903 in Weimars Gazetten. Das Ergebnis war der "Fußballclub Weimar", in dessen Liste sich im Februar 1903 gleich 25 Mitglieder eintrugen. Ein Jahr später nahm der Fußballverein den Namen "Sport-Club Weimar e.V. 1903" an.

Bis 1945 wurde unter dem Dach des Clubs SC 1903 Weimar ersprießlicher Fußball gespielt. Da in der furchtbaren Zeit des Nationalsozialismus alle deutschen Sportvereine gleichzeitig nationalsozialistische Organisationen waren, wurden alle Gemeinschaften nach dem 8.Mai von den Alliierten verboten. Neue Sportvereine gründeten sich, die anfangs nach Städten, oder Stadtteilen benannt wurden. In Weimar wandelte sich der SC 1903 im Jahr 1947 zu "Weimar Ost". Im folgenden tobten sich die Funktionäre ordentlich aus und änderten ständig den Namen der Fußballmannschaft. Im Herbst 1948 zu Eintracht Weimar, 1950 zu KWU (Kommunales Wirtschaftsunternehmen) Weimar, 1951 zu Turbine Weimar, ab Oktober 1954 Lok Mitte Weimar, ab 1955 Lok Weimar. Erst im Jahr 1961 nannte man sich Motor Weimar, als das Mähdrescherwerk Weimar die Fußballsektion übernahm.

Die Saison 1950/51 nimmt in der Geschichte eine Sonderstellung ein. Turbine/KWU Weimar spielte in der damaligen höchsten DDR-Spielklasse, der DS-Oberliga (DS = Deutscher Sportausschuss). Höhepunkt der Saison war das Derby in Erfurt vor 25.000 Zuschauern, das 0:0 endete. Gegner KWU Erfurt wurde in dieser Saison DDR-Meister, mit dem Namensvetter aus Weimar spielten DDR-Sportfunktionäre ein böses Spiel.

Nach Saisonende belegte Weimar den 16. Platz im Achtzehnerfeld. Die damaligen Fußballfunktionäre der DDR hatten beschlossen, dass zu Saisonende die vier am Tabellenende platzierten Mannschaften in die zweite Liga absteigen sollten, um die Oberliga auf sechzehn Mannschaften zu reduzieren. Als aber im Mai 1951 unter den vier Absteigern neben Weimar alle drei Berliner Sportvereine waren, gab es nach internen Absprachen mit der SED-Führung, dem Deutschen Sportausschuss und der Sparte Fußball im DS eine "Regelung", die seinerzeit die Herzen der Weimarer und anderer Fußballfreunde erzürnte. Beschlossen wurde: 1. Der Tabellenletzte VFB Pankow bleibt in der Liga. 2. Union Oberschöneweide, der Vorläufer des 1. FC Union Berlin, braucht nicht absteigen, da Berlin als Zentrum der DDR eine zweite Oberligamannschaft neben Pankow vorweisen müsse. 3. Neben dem 17. Lichtenberg 47, muss Weimar als 16. absteigen, obwohl beide Mannschaften besser platziert waren als der Tabellenletzte VFB Pankow. Völlig ohne Qualifikation wurde Vorwärts Leipzig in die Oberliga eingereiht. Dazu stiegen Aue und Wismar aus der 2. Liga auf, so dass letztlich 19 Mannschaften nächstes Jahr in der Oberliga kickten. Weimar landete in der 2. Liga, der Sprung nach oben gelang nie wieder, man scheiterte mehrfach als Ligazweiter äußerst knapp.



Sportpark Lindenberg Weimar
Sportpark Lindenberg Weimar

Da ich 1984 ins kapitalistische Ausland überwechselte, verlor ich den Club etwas aus den Augen. In den 90ern zog es mich manches Mal auf dem Lindenberg, das waren vorwiegend schreckliche Besuche. Weimar spielte vor mageren hundert Zuschauern einen kampfstarken, aber wenig ansehnlichen Fußball. Anfang der 90er sockte der Verein noch einige Jahre in der vierten Liga, bis man schlussendlich 1997 in die fünfte Liga, die Thüringenliga abstieg. Dort ist mein seitdem wohlbekannt. Im Jahr 1999, als Weimar den schönen Titel der Kulturhauptstadt Europas trug, erlebte das Heimstadion des SC ein böses Malheur. Ein Wintersturm zerstörte das Dach der alten Holztribüne, seither sind die letzten Zuschauer dem Wetterunbilden im langsam vor sich hin verfallenden Stadion ungeschützt ausgesetzt. Erst im Jubiläumsjahr 2003 begann man mit dem Wiederaufbau der Tribüne. Es scheint, der zweite Frühling des "Sportpark am Lindenberg" wäre nah. "Ehringsdorfer" Bier wird auch wieder getrunken, selbst ein Bratwurstrost erfreut die Herzen. Die Bratwurst ist in Deutschlands grüner Mitte Dopingmittel und Identitätsstifter zugleich.

Zum hundertjährigem Jubiläum hat sich der SC einiges einfallen lassen. So öffnete dieser Tage im Weimarer Stadtmuseum eine Ausstellung, welche die Geschichte des SC 1903 in Exponaten und Dokumenten beleuchtet.

Außerdem tritt Bundesligist Schalke 04 am 11. Juli 18 Uhr gegen den SC Weimar an. Das Spiel findet im zweiten Stadion der Stadt, dem Wimariastadion statt. Der Einnahme-Überschuss der Spiele kommt komplett dem gastgebendem Verein SC 1903 Weimar zu Gute.

Harry Wunder, der aktuelle Präsident des SC ist in vorsichtiger Mann. Er ist seit 1996 im Amt und hat den Club entschuldet. "Wenn wir die nächsten zwei Jahre gut überstehen, kann man den Sprung nach oben ins Auge fassen", formuliert er sein Ziel. Ohne Geldgeber ist es auf lange Sicht allerdings unmöglich, in Weimar guten Fußball zu sehen.