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Die Box


 
Juli 2003
Enno Stahl
für satt.org



Königsetappen für Königstiger

Tour de France 2003 [1] [2]



bikesHundert Jahre Tour de France, inklusive einer Zielankunft in Alpe d’Huez: das ist wahrlich ein Anlass, um sich wenigstens einmal ein Bild davon zu machen, wie der Radsport im wirklichen Leben vor sich geht. Freitag abends wird der Wagen gepackt mit allem, was man als Camper in der Einöde benötigt. Dann los: Django ist Schädlingsbekämpfer und so fährt er auch. Wir brauchen keine siebeneinhalb Stunden für die 930 Kilometer von Bonn bis Alpe d’Huez, trotz einstündigen Tankaufenthalts. Morgens um 7 ein erster Café au lait in le Bourg d’Oisans. Am Fuße der berüchtigten einundzwanzig Kehren gelegen, ist der Ort selbst Ausgangspunkt der 9. Etappe und hat sich dementsprechend ausstaffiert, Banderolen und Werbe-tafeln, links und rechts grinst karger Fels, die Luft ist kalt um diese Uhrzeit, aber riecht nach Süden.

Die Anfahrt nach Alpe d‘Huez, in engen Kehren geht es steil bergan, wo soll man hier nur sein Zelt aufschlagen? Jedes Schlaufenende hält so in etwa 8,5 Quadratmeter unbebauten Bodens frei und da stehen bereits die Caravane, aufgebockt auf kleine Felsbrocken, bevölkern Camperhorden nahezu jedes Fleck-chen, selbst in den Asphalt haben einige ihre Heringe getrieben. Weiter und immer weiter hoch, endlich Wiesen, doch die sind sehr steil, bieten kaum Möglichkeiten, ein Auto zu parken. Schließlich Absperrgitter, die ineinander verkeilt sind. Wir überlegen an einer sehr günstigen Stelle, die metallischen Zapfen einfach wegzuflexen, haben aber das Glück, auch ohnedies einen Durchschlupf aufzutun. Hier platzieren wir uns in lässlicher Hanglage, ein grandioses Panorama steht uns direkt vor Augen, nämlich die schneebedeckten Höhen des Sal de l’Homme (2176 m.) und des Croix de Cassini (2370 m.). Wir befinden uns etwa drei Kilometer vor der Etappen-Ankunft und haben einen prima Blick, die vorherige Kurve ist gut einsehbar und die Matadore werden in unmittelbarer Griffweite an uns vorbei hecheln.

Schon jetzt herrscht reger Betrieb, Autos, aber vor allem Fußgänger und Amateur-Velo-Cyclisten klettern verbissen die grausen Serpentinen hinan. Beständig kreischen die Bremsen jener Radfahrer, die diese Mühe bereits hinter sich gebracht haben und nunmehr in rasanter Schussfahrt ins Tal hinab rasen. Im Ort selbst ist es noch relativ ruhig, die Luft in 1.860 Meter Höhe ist glasig, die Sonne brennt gnadenlos. In einem Radio- und Fernsehgeschäft wird die Tour-Etappe von Lyon nach Morzine übertragen, binnen einer halben Stunde versammeln sich rund 50 Menschen vor dem portablen TV-Gerät, verfolgen gebannt, wie Richard Virenque ausbricht und allein die Passstraße hinab jagt. Als er im Ziel ankommt, damit ins gelbe Trikot fährt, brandet frenetischer Jubel auf vor dem Fernseher in , es ist wie bei uns während der 1954er Fußball-WM, alte Zeiten kehren neu zurück.



Alpe d'Huez
Alpe d’Huez

Die Nacht bricht herein, noch immer sirren Rennräder den Berg hinab, Passanten aller europäischen Zungen marschieren in unserem Rücken die Straße entlang. Holländische Blechblaskapellen spielen Kalinka und die Marseillaise, ein Gruppe national gesinnter Grölhansel aus Frankfurt/Oder stimmt das Brandenburg-Lied an, um später mit „Griechischer Wein“ doch noch einen multi-kulturellen Akzent zu setzen. Johlen von überall, von unten, von oben, Virenque-Fans schreien sich heiser, und über Alpe d’Huez geht nun ein Feuerwerk los.

Die Nachtruhe ist kurz: ab halb acht plärren die ersten Lautsprecherwagen vorbei, näselnde Stimmen preisen gleichwelche Produkte an. Der Fuß- bzw. Zweiradverkehr auf der Serpentinenstraße ist erheblich gestiegen, für Autos ist die Durchfahrt inzwischen gesperrt. Menschenscharen in der Größenordnung einer mittleren deutschen Großstadt pilgern durchs Gebirge. Einige wenige haben ein Schattenidyll unter den paar Bäumen ergattert oder ihre Decke unmittelbar am Straßenrand ausgebreitet, wo sie von neun Uhr an bis zur Ankunft der Fahrer um halb sechs ausharren werden in der sengenden Sonne. In der Stadt hat sich der Betrieb beängstigend massiert, Polizeifahrzeuge preschen brutal durch die Menge, eine Bajuwaren-Kapelle bringt unter allgemeinem Beifall verstümmelte Fragmente süddeutscher Volksmusik zu Gehör. Die Stimmung ist lässig, keine Feindschaft zwischen verschiedenen Volks- oder Fangruppen, sondern Festtagslaune.

Das einzige Problem ist der Fernseher, unserer nämlich funktioniert nicht recht. Am ganzen Hang scheint es nur einen zu geben, der normalen Empfang hat. Während die Tour also längst auf der Straße ist, tröpfeln aktuelle Informationen bei uns nur spärlich ein.

Als erster Vorbote, dass es nun allmählich ernst wird, trifft gegen vier Uhr die Werbekarawane ein. Helle Aufregung seitens eines Rudels minderjähriger Sachsen, die mit dem Radel kam und sich recht unverschämt in unsere Einfriedung geschlichen hat. Nun haschen sie nach Schlüsselanhängern, Chipstütchen und undefinier-baren Plastikbeuteln, die von den Werbepartnern der Tour unters Volk geworfen werden. Die Karawane ist ziemlich auseinander gerissen, ab und an eine Wagengruppe, besetzt mit Animateuren, Go-Go-Girls, Maskottchen und anderen Albernheiten – selbst der Kölner Karneval ist dagegen noch amüsant. alpe-d'huez-ski-poster

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich nun die Nachricht, dass Ullrich es nicht geschafft hat, dass Lance Armstrong mit drei Helfern und Beloki ausgerückt ist. Die TV-Hubschrauber tauchen auf, sie schweben statisch in der Luft und man kann daran sehen, wo sich in etwa die Spitze befindet. Lange kann es nun nicht mehr dauern. Die Aufregung steigt, da: ein Fahrer im orangen Euskatel-Trikot ächzt den Berg hoch, wo aber ist Lance Armstrong? Iban Mayo schwenkt in unseren Straßenarm ein, der Beifall rauscht auf, er lächelt beglückt, das ist wohl schon eine Belohnung für die Quälerei, dieser Triumphzug auf den letzten fünf abgesperrten Klimometern unter der Begeisterung der Massen. Und weg ist er. Wieder aufgeregtes Warten, eine Minute vergeht, Vinokourov strampelt heran, wusch, vorbei auch er, dann die Gruppe um Armstrong, wusch, wusch, wusch, Tyler Hamilton mit gebrochenem Schlüsselbein, wie ist so was überhaupt möglich? Die Tour schreibt immer neue Legenden.

So geht es weiter, dann und wann rauschen sie vorbei, trotz des Anstiegs ziemlich schnell, ein kleines Grüppchen, ein größeres Fahrerfeld, nach einer halben Stunde ist die Sache fast gegessen. Aber es ist wahr: das Publikum applaudiert voller Hochachtung und Enthusiasmus unterschiedslos jedem der Fahrer, auch dem allerletzten, einem Euskatel-Fahrer, der von zwei Zuschauern angeschoben wird, auf dass ihn der Besen-wagen nicht einhole.

Sofort danach werden die Zelte allgemein abgebrochen, Tausende von Radfahrern pesen hinab, die Autos, mithin auch wir, stehen im Stau. Geschlagene drei Stunden dauert es, bis wir unten ankommen. Warum macht man das eigentlich, warum tun all diese Leute sich das hier an: die weite Anreise, die Tage des Wartens, der quälende Schrittverkehr im Anschluss? Nun, es ist wie bei vielem, wer fragt, hat schon verloren. Die Tour ist eben ein Gefühl, mir scheint, es geht weniger um Sport als um einen solidarischen Akt. Wenn zweihundert Männer drei Wochen lang die eigenen Grenzen transzendieren, was ist dann die Reise, was das Warten, was der Stau?