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Die Box


 
März 2003
Frank Willmann
für satt.org




15. März 2003
Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht - IBF-Weltmeister

Sven Ottke
vs.
Byron Mitchell

Swennniiieee
tanzte durch den Ring

Eine Profiboxgala am 15. März 2003 in Berlin

Sven Ottke gewinnt den Vereinigungskampf gegen Byron Mitchell im Super-Mittelgewicht und ist jetzt IBF- und WBA-Weltmeister



Sven Ottke: Vorbereitung durch lesen …
Foto: André Bergelt

Seinem Hobby nach zu gehen, kann manchmal der entscheidende Vorteil sein.
Denn nach eigenen Aussagen hat sich das Phantom Ottke in Kienbaum neben der Bewältigung des vomTrainer aufgestellten Plans vor allem mit lesen auf seinen Gegner vorbereitet.


Am Freitag fand in der Berliner Max-Schmeling-Halle der von vielen Boxfreunden seit langem ersehnte Kampf zwischen IBF-Weltmeister Sven Ottke aus Karlsruhe und WBA-Weltmeister Byron Mitchell aus den USA statt. Nach harten Verhandlungen mit Don King, dem großen Strippenzieher im internationalen Profiboxen, war es Ottkes Manager Sauerland gelungen, den Kampf auszurichten. Beide Boxer erhielten eine Kampfbörse in siebenstelliger Höhe, das Engagement der ARD machte letzten Endes den Kampf möglich.
"Es ist schön, dass der Kampf in meiner Geburtsstadt Berlin ausgetragen wird." meinte Ottke vor dem Kampf.
Ottke lernte beim Spandauer BC 26 Berlin boxen. Lange Jahre sträubte sich Ottke, der als Amateur Europameister wurde, dem jedoch ein Olympiasieg oder eine Amateur-Weltmeisterschaft verwehrt blieb, ins Profilager zu wechseln.
Das Profiboxen war ihm als überzeugtem Amateur suspekt, der Show-Charakter, das Stargehabe lagen ihm einfach nicht. Außerdem glaubte er damals, es würde beim Profiboxen häufig nicht mit rechten Dingen zugehen …
1997 erlag er dem Lockruf des großen Geldes und unterschrieb im Sauerland-Boxstall. Ottkes Sinneswandel hat sich für ihn als geldrichtig erwiesen. Nach kurzer Zeit war Ottke Weltmeister und verteidigte seitdem seinen Titel gegen alle Emporkömmlinge erfolgreich. Mit der erfolgreichen Trainerlegende Ulli Wegner an der Seite ist Ottke in all seinen 29 Profikämpfen als Sieger aus dem Ring geklettert. Sven Ottke, von seinen zahlreichen Fans liebevoll Sveni genant, bezeichnet sich selbst als bodenständigen Typ ohne Hang zu Eskapismus. Der Boxer Ottke hingegen ist ein Meister der Bewegung im Ring.

Ottkes Gegner Byron Mitchell reiste mit viel Respekt nach Berlin. Mitchell, der einige Jahre Sportmedizin studiert hat, ist in der Boxszene als höflicher und fairer Sportler bekannt.
"Ottke ist ein guter Mann. Es ist ganz schwer, ihn klar zu treffen, weil er so schnell und beweglich ist. Ottke ist konditionell topfit und deshalb auch noch in den letzten Runden äußerst stark. Seine Verteidigung ist hervorragend", meinte Mitchell vor dem Kampf. Trotzdem glaubte der 29jährige Vater von fünf Kindern fest an einen Sieg, da er mehr Power in seinen Schlägen hätte.

Bevor es in den Kampf um die WM-Doppelkrone ging, gab es noch einige interessante Vorkämpfe zu bewundern. So siegte im Schwergewicht der Manfred Wolke Schützling Timo Hoffmann überzeugend durch technischen K.o. in der zweiten Runde. Erfolgreich war auch Cruisergewichtler Rüdiger May. Im Kampf um die vakante EU-Meisterschaft siegte der 28-jährige mit einem technischen Punktsieg gegen den starken Franzosen Frédéric Serrat. May hatte bereits in der ersten Runde einen schweren Cut durch einen Kopfstoß seines Gegners hinnehmen müssen und lag nach dem Abbruch des Ringrichters in der achten Runde bei den Punktrichtern vorne. Die Zuschauer sahen das anders, buhten May kräftig aus und klatschten Serrat zum "König der Herzen".

Gegen 23 Uhr kam es zum Höhepunkt des Boxabends.
Mitchells Lieblingslied wurde eingespielt und der Tross um den Amerikaner marschierte US- fähnchenwedelnd in die Halle. Einige Zuschauer fühlten sich durch die aufdringliche Fahnenwedelei gestört und pfiffen, dass es eine Lust war.

Nun betrat die einheimische Popmaus Sarah Connor samt Meute ein Podest und stellte ihren unerfreulichen Song "unbelievable" vor. Als dieser endlich verklingt, schreitet Ottke inklusive Clan ohne Fahnenwedeln ein.
Es wurde abermals musiziert, irgendwer brüllte "anfangen" und dann ging es tatsächlich los. Vor ca. 10.000 Zuschauern war Ottke von Anbeginn der aktivere Boxer im Ring.
Nachdem sich beide Sportler erst einmal abtasteten, war es Ottke, der sich leichte Vorteile erboxte. Der Schützling von Trainer Ulli Wegner schien einen Tick aktiver und traf häufig mit seiner Führhand, wobei Mitchell meist gut parierte. Beide hatten Spaß an der Sache, das Hallenpublikum auch.


Sven Ottke gegen Byron MitchellSven Ottke gegen Byron Mitchell
Fotos: André Bergelt


"Swennniiieee" klang es kräftig durch die Halle. Das Publikum stand ab der ersten Runde stark hinter Ottke, ein nicht zu unterschätzendes Pfund.
In der vierten Runde kam Byron Mitchell auf, allerdings konterte Sven Ottke nur wenige Sekunden später geschickt. Ottke machte seinem Kampf-Namen "Phantom" alle Ehre. Er wich auf schnellen Beinen geschickt aus, punktete mit linken Geraden, sogar mit der rechten Schlaghand.
Beide Boxer gingen ein hohes Tempo, zur Halbzeit nach sechs Runden stand der Kampf unentschieden, mit minimalen Vorteilen für Ottke.
Aber er musste sehr auf der Hut sein. Immer wieder suchte auch Mitchell seine Chance, selten kam Ottke wirklich durch dessen Deckung. Ottke musste mehr einstecken, als in all seinen letzten Kämpfen zusammen.
Im fünften Durchgang drängte zunächst der Amerikaner, doch gegen Ende der Runde brachte sein Gegner ein paar gute Hände ins Ziel. In der Folge war es wieder der Super-Mittelgewichtler aus Deutschland, der sich leichte Vorteile verschaffte.
Doch auch Mitchell versuchte weiter, in die Offensive zu gehen. Ottke verhielt sich geschickt und war durch seine veränderlichen und schnellen Bewegungen nur schwer für Mitchell zu stellen. Auch ein Cut am linken Auge hinderte den 35-Jähren nicht. In der letzten Runde versuchte sein amerikanischer Widersacher noch einmal alles. Mitchell traf links und rechts. Ottke bekam Probleme, wirkte angeschlagen. Aber er klammerte, fing sich wieder. Mitchell kam abermals, marschierte im Ring nach vorn. Doch unterstützt von den Fans, die es nicht mehr auf den Sitzen hielt, überstand Ottke die Angriffe und hielt durch bis zum Schluss-Gong.

Sven Ottke ist nun IBF- und WBA-Weltmeister im Super-Mittelgewicht. Die Punktrichter werteten den Kampf mit 116:112 für Mitchell und 115:113 sowie 116:114 für den 35-jährigen Deutschen.
"Die zwölfte Runde war Scheiße, der Rest Klasse" sagte der jetzige IBF- und WBA-Weltmeister Ottke nach dem Kampf. "Es ist was Großes und Besonderes. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe", fuhr Ottke fort.
Das Lager des ehemaligen WBA-Champions zeigte sich nach dem verlorenen Kampf fair. "Ich denke, ich bin etwas zu spät aufgewacht. Sven war sehr schnell. Er verhielt sich sehr ausgebufft und weiß genau, was er wann tun muss. Er ist ein großer Champion und ein guter Typ", meinte der unterlegene Mitchell in der Pressekonferenz nach dem Fight.

Sven Ottke nach dem Kampf
Foto: André Bergelt