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Die Box


 
Februar 2003
Frank Willmann
für satt.org




Der Text bezieht sich auf das 2. Bundesliga-Spiel 1. FC St. Pauli vs. 1. FC Union Berlin am 23.02.2003. Es endete 2:2.

BoooooooooooooooM
dröhnten die Höllenglocken

Es ergab sich am 23. Februar im Jahre des Herrn 2003, dass eine große Ostberliner Pilgerschar gen Hamburger Heiliggeistfeld aufbrach, um den dort ansässigen Jüngern des heiligen Paulus die Leviten zu lesen.



"Hart sind die Zeiten" wählten sich die Rotweißen als Motto und wälzten sich als "Eisern Union" durchs Land gen Norden.
Die Berliner passierten einige Orte mit meist freundlich gesinnter Bevölkerung, der sie ihre Botschaft mit Nachdruck beibrachten.
Allerlei grünes Tappendorfig Volk tummelte sich am Wegesrand, den Rotweißen Spalier gebend und wenn nötig zur Geißel greifend.
Doch die grundgütigen Berliner gaben dem Volk der Grünen keinen Anlass zur Ungnade.
Die Grünen flehten inbrünstig ein niedrigscheswelliges Aggressionspotential herbei, indes fand sich kein höheres Wesen, welches den Grünen ein Ohr schenkte und so zog der Zug der Gerechten weiter.

Sich selbst zur Ehre und ihren 11 Göttern zum Gruße schwenkten die rotweißen allerhand Tuchwerk in ihren geliebten Farben, als sie des heiligen Paulus Ort im fernen Hamburg erreichten.
Nicht minder emsig wedelten die Hamburger Adepten des Paulus mit braunem Tuch oder dem Jolly Roger zur Begrüßung ihrer Glaubensbrüder, und ein herrlicher Sangeswettstreit fand seinen Anfang.
Die Abscheu vor den Großmoguln der Zunft und die internationale Solidarität der Unterdrückten ließ die beiden Lager zusammenfinden.

Es wurde reichlich Messwein schnabuliert, einige vergaßen die verschiedenen Konfessionen und kamen in geschützten Gebüschen einander nah.
Ein freundliches Spektakel nahm auf dem Heiliggeistfeld seinen Lauf.

Allein, als am Sonntage die 14. Stunde nahte, begannen die Parteien sich zu entflechten und nahmen an der Stätte des Heils die ihnen zugewiesenen Plätze ein. In einem gedrängtem Haufen von 20.000 Pilgern stand ein jeder an seinem Fleck und fieberte dem Beginn der heiligen Sakramente entgegen. Etwa 5000 rotweiße Gottessöhne duellierten sich im fanatischen Singsangduell mit ihren 15.000 braunweißen Kontrahenten. Pünktlich 15 Uhr ergoss sich dröhnender Glockenlärm über der Arena.

Die Höllenglocken kündigten den Göttereinzug an.

20.000 Götzendiener begrüßten die hereinströmenden Götter, die bereit waren, sich in den folgenden 90 Minuten ihre jeweiligen Farben zu verteidigen.
Nun nahm ein chaotisch anmutendes Getrete, Gerenne, Geschubse und Gejammer auf dem Platze seinen Anfang, welches den Berliner Pilgern und ihren Gastgebern noch lang in Erinnerung bleiben sollte.

Dank der uneigennützigen Gaben des Berliner Himmelspförtners Beuckert gingen die ST. Paulianer in Front.
Jedoch befleißigten sich die Gastgeber in wahrer Christenmenschenart, ihren Gästen in Nichts nachzustehen. Es durften die Berliner es in den letzten drei Minuten des Spieles zweimal im Chorgestühl klingeln lassen.
Nach Ende des Wettstreites trabte keine der Herden als Sieger nach Haus.

So konnten die beiden Schäfer, die Bundesbrüder Gerber und Votava, nach der Andacht in geistiger Eintracht zutiefst räsonieren: " …Ein freudvoller Abend … Wir haben uns gegenseitig beschenkt … Ein Spiel für die Moral … es ist alles eine Frage der Zeit …"