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Die Box



April 2002
Enno Stahl
für satt.org




Schwimmbäder
der
Welt


Schwimmbäder der Welt

Schwimmbad


Seit Jahren ist es eines meiner Reisehobbies, öffentliche Badeanstalten aufzusuchen. Das steuert etwaigen touristischen Ausschweifungen entgegen, stählt den Körper und gestattet einen einzigartigen Einblick in Mentalität und Alltagskultur der Völker. Sicher, auch Saunen, Thermal- und Erholungsbäder sind schön, aber ihnen haftet bereits etwas Luxuriöses an, oft sind sie geschlechter spezifisiert und immer eine Belastung für den Geldbeutel. Selten schlägt sich der soziale Querschnitt dagegen so unverblümt nieder wie im ordinären Schwimmbad, das Leistungswillige ebenso besuchen wie Kreislaufpatienten, spielverzückte Kinder genauso wie rüstige Rentner und weibliche Plauschgruppen an Beckenrändern. Auch die herrschende Gebrauchsästhetik prägt sich in Schwimmbad-Architektur und -Einrichtung ab. Doch in erster Linie geht es natürlich ganz simpel um Funktionalität, inwieweit die Organisation des Badebetriebs das Schwimmen zulässt oder eben nicht. In Deutschland etwa sind die Möglichkeiten begrenzt, vor allem aufgrund jener unseligen Tendenz zum »Event«: immer mehr öffentliche Bäder müssen, weil das angeblich geschäftsträchtiger sei, umrüsten zum Spaßbad und verlieren so weite Teile ihrer angestammten Kundschaft. Wunderschöne Kleinode des Jugendstils oder Klassizismus, etwa das Krefelder Stadtbad oder das Neptunbad in Köln, die Sport in außergewöhnlicher Atmosphäre erlaubten, werden geschlossen.

Dass hierzulande schlecht schwimmen ist, das ist nicht zuletzt auch eine Charakterfrage. In deutschen Frei- und Hallenbädern, ob in Karlsruhe-Durlach oder Bad Ems, ob in Moers-Rheinkamp oder Köln-Zollstock, überall waltet der nämliche Geist. Ein jeder schwimmt verbissen seines Weges und zwar so, wie es ihm oder ihr gefällt. Schließlich hat man ein Recht dazu und das eigene Recht geht vor. Diese borstige Rüpeligkeit erlebt man hierzulande in vielen Bereichen, vor allem im Straßenverkehr. Es ist eine Art Anarchismus des strikten Eigenwillens, der macht, was er will, sich nie mit anderen abstimmt, sondern es notfalls gegen sie durchboxt.

Anders die Franzosen, bei denen man allerdings ebenso wenig schwimmen kann. Kreuz und quer verlustieren sich etwa die hommes und dames de plaisir im Pariser Piscine Pontoise in der gleichnamigen Straße, einem reizenden Bau aus den 30er Jahren. Bei allem bebrieften Recht zum Selbstausdruck wird indes auf eine geradezu blasierte Weise jede Karambolage, ja, jede noch so kleine Berührung peinlichst vermieden. Das eigene Wohlbefinden, die individuelle Nasskreise dürfen von niemandem gestört werden: hier diagnostiziert der Bäderanalyst einen narzististischen Anarchismus. Dazu passend gibt es im Piscine Pontoise keine Spinde, sondern ausschließlich Einzelkabinen, umläufig auf zwei Etagen, die eigenhändig vom Bademeister auf- und zugeschlossen werden, was mithin eine natürliche Begrenzung der Badegäste bewirkt. Das Ganze ist fast so hübsch wie das Wiener Amalienbad, das aber älter sein dürfte - auch dort Holzumkleiden im zweiten Stock, ein näherer Blick ist uns nicht vergönnt, als wir es ausprobieren wollen. Es ist leider geschlossen, man produziert soeben eine Folge von »Kommissar Rex«. Als Ausweichtipp dient das Wiener Stadtbad, ästhetisch und ethnografisch nicht weiter auffällig. Das Becken ist mit Metall ausgekleidet und riesig in seinen Ausmaßen, 50 mal 50 Meter, zur sportlichen Betätigung daher ebenso effektiv wie das Olympiabad von Antwerpen, gleiche Größe, ähnliches Outfit. Dort gibt es ein ziemliches Tohuwabohu, als wir ein Foto des Interieurs machen, um die Hobbyreihe »Bäder der Welt« auch visuell zu dokumentieren. Nur mit Mühe gelingt es, einer Anzeige zu entgehen und den Film zu retten.

Besonders eindrücklich ist der Schwimmaufenthalt in Sendai/Nordjapan. Mit der sprichwörtlichen japanischen Fürsorglichkeit werde ich von meiner Gastgeberin bis ins Foyer gebracht und dort Herrn Ueno übergeben, der »mir alles zeigen soll«. Das bedeutet, dass er mich bis zum Beckenrand geleitet, beim Umkleiden hingegen blickt er diskret zur Seite. Das Bad des Schulzentrums von Sendai besitzt ein 25-Meter-Becken, die eine Hälfte ist mit Bahnen abgeteilt, in der anderen Hälfte trainieren herzkranke Greise Aquajogging. Je ein Bademeister hat sich an einer der vier Seiten des Beckens aufgebaut und bestarrt intensiv den Badebetrieb, damit ja nichts passiert. Dabei dürfte die Wassertiefe bei 85 Zentimetern liegen.

Mehrere Piktogramme zeigen zudem allgemein verständlich, was alles nicht gern gesehen wird, kein Springen vom Beckenrand, keine Jungen, die Mädchen anquatschen, kein Rumalbern, kein Lärm - all diese Betätigungen sind mit dicken, roten Balken ausge-ickst: unerwünscht! Herr Ueno übergibt mich Frau Kamma, der leitenden Bademeisterin, die ab jetzt die Verantwortung für mein Wohlergehen trägt.

Ans Werk. Die Zeitlupenspurtstrecke der älteren Menschen kommt eher nicht in Frage, also begebe ich mich in den Trimmbereich, stoße allerdings immer wieder mit den Köpfen anderer Schwimmer zusammen, was ich etwas merkwürdig finde, bis Frau Kamma mit hektischem Wedeln meine Aufmerksamkeit erregt, sie ruft: »Please, swim right!« und hat auch gleich eine kleine Zeichnung zur Illustration bei der Hand, aber ich habe bereits verstanden, wie im Straßenverkehr, immer nur rechts schwimmen! Und siehe da, es klappt vorzüglich. Kein Anecken mehr, die japanische Sozialdisziplin garantiert auch hier ein Höchstmaß an funktionaler Ordnung.

In Chiang Mai/Thailand tritt übermäßiger Badeverkehr gar nicht erst auf, denn hier gibt es Swimming Pools nur in Luxus-Hotels, die der normalen Bevölkerung unzugänglich bleiben. Schon deshalb, weil man als Nicht-Hotelgast umgerechnet dreißig D-Mark zu berappen hat, wovon ein Thai fast einen Monat leben könnte. Dafür werden uns hier frische Badetücher in die Hand gedrückt und der Weg zu den Umkleidekabinen ist mit dickem Teppich gepflastert. Der Pool befindet sich im 24. Stock und so treibt man gemächlich über Dächern und Verkehrsgewühl der nordthailändischen Stadt, geruhsam also ist es allemal, wenn auch nicht besonders öffentlich.

Szenenwechsel, Helsinki im Februar, gerade ist die Temperatur von plus zwei auf minus siebzehn Grad gefallen, trotzdem habe ich mich darauf versteift, die Ekstasen der letzten Tage mit etwas Leibesübungen zu konterkarieren. Eisregen fegt über die verlassene Straße, keine Spur von einem Schwimmbad. Dennoch bin ich richtig, zwei englisch radebrechende Einheimische zeigen auf ein unauffälliges Backsteingebäude auf der anderen Straßenseite. Ich trabe in den Eingangsbereich, der aussieht wie das Portal einer Versicherung, schüttele Schnee und Graupeln von meinen Kleidern. Kein Laut ist zu hören. Eine ältliche Frau sitzt stumm in einem Glaskasten und stiert mich trübe an. Vom Schwimmbad noch immer keine Spur. Als ich sie danach frage, nickt sie apathisch, ja, ja, das sei schon richtig, kassiert mit stoischer Miene einige Finnmark und schickt mich in den vierten Stock. Kein Wegweiser, kein Zeichen, ich öffne eine Tür, schaue hinab auf eine verlassene Turnhalle, kein Mensch, kein Laut, ich öffne eine weitere Tür und stehe endlich in einer Umkleide. Irgendwo hier wird sich wohl das Schwimmbecken verbergen, auch wenn nichts davon zu hören ist. Tatsächlich, als ich durch die nächste Pforte trete, gerate ich in eine Halle, aber es ist totenstill. Sieben Leute sind anwesend, stehen am Beckenrand, plätschern herum, jedenfalls spricht keiner ein Wort. Ausschnitt aus einem Kaurismäki-Film, ganz klar. Auch hier schwimmt man rechts, aber es ist ohnehin niemand da, der stören könnte. Die wenigen Gäste fallen nicht ins Gewicht.

Eine ähnliche Absonderheit bietet sich in der deutschen Hauptstadt, das ehemalige Bad der sowjetischen Vertretung in Berlin: der kalte Krieg mit seinen repräsentativen Szenerien lebt hier weiter. Neben dem Schwimmbad steht ein einzigartiger Saunabereich zur Verfügung, alle Leitungen, alle Rohre sind unverkleidet wie in einem Heizungskeller, man sieht gewissermaßen die »Innereien« des Schwitz- und Ruhezentrums. Vor dem Tauchbecken informiert ein Schild, dieses dürfe aus hygienerechtlichen Gründen nicht betrieben werden. Dessen ungeachtet blubbert es munter vor sich hin und die Besucher nutzen es ausgiebig. Das Ganze ist unleugbar eine Kabakov-Installation, ja, eine seiner besten Arbeiten, die ich bislang gesehen habe.

Die Hauptstadt verfügt auch sonst über ein beeindruckendes Angebot, allem voran etwa das wunderschöne Stadtbad Neukölln von 1912, zwei gespiegelte Bassins, eines größer, eines kleiner, überragt von einer umlaufenden Galerie. Das Hauptbecken mit wasserspeienden Delphinen und Treppenausgang an der Beckenstirnseite. Oder das gefällige Bad Gartenstr., in dem auch der sportliche Ehrgeiz nicht kurz kommt, als deutliches Zeichen preußischen Rationalismus prangt hier erstmalig in Deutschland groß ein Hinweis »Bitte immer rechts schwimmen« vor den abgeteilten Bahnen. Geht doch! Warum nicht immer so? Warum nicht überall? Hier geht Berlin ausnahmsweise mal als leuchtendes Vorbild voran, sollte das ein Zeichen sein?

Solche Disziplin ist natürlich nicht in allen Berliner Bädern zu Hause, im SEZ in Mitte springen die Türkenkinder einem gerne knievoran in die Nieren, aber das ist auch so ein Spaßbad. Erstaunlich nur, was der jüngeren Generation so Freude macht. Gehört man denn schon zum alten Eisen, wenn man einfach nur mal so ein bisschen - schwimmen will? Ganz normal, ohne Springen, ohne Flossen, ohne Außenbordantrieb?

Beinah höhnisch wirbt man in meiner Heimatstadt Köln, unterstützt von allerlei gesetzlichen Krankenkassen, seit Jahren mit Slogan »Schwimmen tut gut!«. Fragt sich nur wo, muss ich jetzt immer nach Helsinki oder Sendai? Sei ‘s drum, ich bin auf der Suche. Fortsetzung folgt.