Queens of the Dead
(Tina Romero)
Deutschland 2026, Buch: Tina Romero, Erin Judge, Kamera: Shannon Madden, Schnitt: Aden Hakimi, Musik: Blitz Berlin, mit Katy O'Brian (Andrea / Dre), Jaquel Spivey (Sam / Samoncé), Nina West (Ginsey), Tomas Matos (Nico), Margaret Cho (Pops), Jack Haven (Kelsey), Quincy Dunn-Baker (Barry), Cheyenne Jackson (Jimmy), Riki Lindhome (Lizzy), Dominique Jackson (Yasmine), Shaunette Ren√©e Wilson (Tiger), Becca Blackwell (Twiz), Eve Lindley (Jane), Tom Savini (Mayor), Julie J (ZombieQueen), 99 Min., Kinostart: 29. Oktober 2026
Tina Romero ist die Tochter von George A. Romero, der die Pionierarbeit von Pierre M. Culliford (1955) wiederaufgriff, weiterentwickelte und einem Weltpublikum nahebrachte. Bei dem Wort, das mit Z beginnt, denkt nach Night of the Living Dead (1968), Dawn of the Dead (1978), Day of the Dead (1985), Land of the Dead (2005), Diary of the Dead (2007) und Survival of the Dead (2009) (und unzähligen von Romero direkt oder indirekt beeinflussten Werken) kaum noch jemand an die im hawaiianischen Voodoo-Kult in einen Trancezustand versetzen Unglücksboten, die einst etwa in Werken von Jacques Tourneur (I walked with a Zombie, 1943) oder Carl Barks (Voodoo Hoodoo, 1943) auftauchten.
Der auch zu Halloween gern verwendete Look (preiswert und mit ein wenig darstellerischem Talent schnell zu eindrucksvollen Ergebnissen zu bringen) ist mittlerweile selbst einem durchschnittlichen Sechsjährigen vertraut, aber Queens of the Dead bringt dem Genre tatsächlich neue Impulse, denn dezidiert für die LGTBQ+ Crowd wurde meines Wissens noch kein Zombiefilm konzipiert.
Der Titel Queens of the Dead bezieht sich auf Drag Queens, aber abgesehen von einem (Alibi?)-CIS-Mann versammelte sich hier eine kunterbunte regenbogenfarbige Gruppe von Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Non-Binären, die innerhalb der lebensbedrohlichen Situation nicht sicher darauf zählen können, immer mit dem von ihnen präferierten Personalpronomen angesprochen zu werden. Drama Queens haben nicht automatisch eine höhere Lebenserwartung.
Gut die erste Stunde des Films hat einen tollen Unterhaltungswert, Frau Romero und ihre Co-Autorin Erin Judge haben an den manchmal gehässigen Dialogen erfolgreich gefeilt. Hier ein paar Beispiele, die gewisse Einblicke in den Handlungsverlauf erlauben (aber ich habe auch die Reihenfolge verändert, damit der flow geschmeidiger ist):
"I'm about to get man-laid by a layman."
"I'm kinda obsessed with you. I love you. What's your name again?"
"Your patient is a little impatient."
"Oh my God, somebody needs a band-aid or something."
"I've got jello-shots!"
"You threw an ax at my intern, you ass!"
"Straight people can be so cringy."
◊ ◊ ◊
Hierbei wird auch gern zitiert. Mal als obligatorische Ehrerweisung an den Vater...
"They're coming to get you, Barbara..."
Wenn ein Aushilfsklempner die tote Ratte entsorgt, die die Club-Toilette verstopft hatte, macht er's nicht unter Shakespeare...
"Good night, sweet prince..."
Kein direktes Zitat, aber ein klarer Verweis an einen Achtziger-Disneyfilm* ist die Look-Beschreibung" sea witch" für die von Superstar-Drag-Queen Nina West gespielte "Ginsey" (die sich anderswo im Film auch "slutty Margaret Thatcher" nennen lassen muss).
*(Tina Romero ist erklärter Disney-Fan.)
Man jongliert also mit diversen (pop-)kulturellen Referenzen, die den Lifestyle des Personals reflektieren, gerne auch mal etwas over the top...
"Your princess is in another castle."
◊ ◊ ◊
Hierbei trägt auch der starke Kontrast zwischen dem manchmal realitätsfernen LGTBQ-Lifestyle und der lebensbedrohlichen und die Zivilisation zersetzenden Zombie-Apokalypse dazu bei, das man fix in den Parodie-Bereich abzurutschen droht (auch weil Tina Romero bei aller Tradition auch klar andere Prioritäten verfolgt als ihr Vater). Ein grenzgeniales Beispiel dafür? Im Club, in dem ein Großteil der Geschichte spielt, wird, als sich die Bedrohung schon abzeichnet, ein Klappfenster nicht geschlossen, durch das ein hungriger Zombie sich schon mal durchzwängen könnte. Als das Malheur sich offenbart und das Fenster nicht mehr verschließbar ist, muss die Schwachstelle gesichert werden, und ein "bulletin board", also eine eher suboptimal geeignete Pinnwand, die vielleicht 2-3 cm größer ist als das zu verschließende Loch, wird von der bereits leicht panischen Klientel davorgehalten. Da weiß man als Betrachter nicht sicher, ob man lachen oder weinen soll.

Meine Lieblingszene, die die lange von den Protagonisten verleugnete (und vom Budget schwer abzubildende) kritische Lage der Situation zeigt, ist eine Fernsehansprache des Bürgermeisters von New York:
"This is not a George A. Romero movie. There is no such thing as a zombie."
Das wäre ohne weitere Erklärung schon toll, aber wenn man eine gewisse Horror-Affinität hat, und in der Lage ist, den Bürgermeister-Darsteller Tom Savini zu erkennen und einzuordnen, feiert man diesen Cameo-Auftritt hart ab.
In der letzten halben Stunde wird der Film auffallend dunkler (ich rede hier vor allem von der Ausleuchtung, aber natürlich trifft es auch auf die Tonalität zu). Während man positiv anmerken muss, wie viele unterschiedliche Innovationen hier ins Genre gebracht werden (neue Reminiszenzen an das frühere Leben der nun Untoten, technologische Neuigkeiten, Vermischung von Subgenres), fällt auch klar auf, dass Anstrengungen übernommen werden, die Dramaturgie der zuvor eher daherplätschernden Handlung voranzutreiben. Bestimmte Figurenentwicklungen werden unterstützt, im Grunde alles ganz normale Wege, wie man Filme strukturiert, aber das quirlige Chaos zuvor hat mich einfach deutlich stärker angesprochen
Und erstaunlicherweise merkt man das auch bei den Dialogen, die zum einen die Entwicklungen vorantreiben müssen (zuvor wurden eher die Lebensentwürfe diverser Selbstdarsteller nebeneinander gestellt), zum anderen aber auch ins absurd Einsilbige abdriften, so was wie:
"Rüdiger*! Hildegard*?"
"She's gone."
"You mean she's dead?"
(*Zur Spoilervermeidung wurden die Namen geändert.)
Natürlich kann man jetzt sagen, das spiegele die Umstände, dass die Figuren überfordert und traumatisiert sind, aber auf mich wirkte es eher, als wäre die kreative Batterie ausgelaugt...
Auch einige Szenen zu Ende des Films, wie die "Mutterszene" oder die "Bootszene", haben die zunächst so positiven Eindruck etwas verdorben. Mein persönlicher Eindruck war einfach, dass zu viel Wert darauf gelegt wurde, konventionellen Erwartungen daran, was man von einem Film erwartet, zu entsprechen. Und beim Versuch, die liebgewonnenen Figuren nicht alle zu generischen Opfern zu machen, gibt es dann halt Märtyrer, die sich für die Gemeinschaft opfern und / oder die eigenen charakterlichen Schwächen überwinden.
Das ist jetzt etwas bösartig formuliert, aber es war mir eine Prise zu viel Disney-Mentalität für einen Zombiefilm. Und das ist ähnlich schwer umzusetzen wie ein Punksong mit Schlagerelemente.
Apropos Musik. Die fand ich ziemlich gelungen. Harter Club-Techno, in dem man aber auch Reminiszenzen an die klassischen Romero-Soundtracks erkennen kann. Der Schlusstitel "Akswünd" (ich hoffe, ich hab's richtig geschrieben) bleibt lange im Ohr.
Ansonsten waren einige Darsteller dabei, die ich mag, wie Jaquel Spivey (das Remake von Mean Girl), Katy O'Brian (Love lies bleeding) oder Riki Lindhome (zu viel, um es auf eine Sache herunterzubrechen).
Eine hübsche Idee fand ich auch, dass Riki im Kern die Rolle von Sarah Polley in Zack Snyders Dawn of the Dead aufgreift. Auch hier wieder Emanzipation von den unausfüllbaren Fußstapfen des Vaters.