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7. Oktober 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Alte Liebe (Andreas Dresen)


Alte Liebe
(Andreas Dresen)

Deutschland 2026, Buch: Andreas Dresen, Laila Stieler, Lit. Vorlage: Elke Heidenreich, Bernd Schroeder, Kamera: Michael Hammon, Schnitt: Jörg Hauschild, Kostüme: Birgitt Kilian, Szenenbild: Susanne Hopf, mit Dagmar Manzel (Lore), Joachim Król (Harry), Anna von Seld (Laura), Liana Düsterhöft (Leni), Christoph Hein, Clemens Meyer, 82 Min., Kinostart: 8. Oktober 2026

Als Pressedödel lernt man Filme anders kennen als das normale Publikum. Wenn man sich nicht schon selbst früh auf Recherchereise begibt, wird man gezielt durch die jeweiligen Presseagenturen informiert, die sich unterschiedlich konzentriert gewisse Herangehensweisen an den Film erarbeiten. Bei Alte Liebe fand ich es sehr auffällig, wie sehr die Drehbuchautorin Laila Stieler, die hier zum neunten Mal mit Andreas Dresen zusammenarbeitet, sehr in den Fokus gerückt wird. Um klar zu machen, dass der Film eine männliche wie auch weibliche Perspektive hat? Wer weiß.

Vergleichsweise gering betont wurde dabei die Literaturvorlage von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder (man beachte den Fokuswechsel vom Originalmaterial zur Bearbeitung). Direkt nach der Pressevorführung besorgte ich mir die Buchvorlage, und ich fand es prägend, dass ich die Unterschiede und Veränderungen bei der Adaption selbst entdecken konnte (statt sie später im Presseheft vorgebetet zu bekommen). Natürlich bin ich im Werk von Dresen versiert genug, um nachvollziehen zu können, warum aus einem westdeutschen Paar ein ostdeutsches wurde. Witzig fand ich dabei, dass Harry und Lore (vor allem Harry) im Buch genauso Vorurteile gegenüber dem "anderen Deutschland" hat wie im Film. Wenn man das vergleicht, erkennt man sehr schön, dass beide eigentlich keine überzeugende Argumentation für ihre Ablehnung liefern, sondern es einfach wie eine Erbfeindschaft funktioniert. Wie zwischen Köln und Düsseldorf oder Schalke und dem BVB. Zuzugeben, dass die "anderen" im Kern auch einfach "Menschen" sind, ist einfach zu viel verlangt, man fühlt sich zufrieden mit dem "Sicherheitsabstand", der einem auch eine gewisse Komfortzone bietet.

Aber es geht halt auch nicht wirklich um innerdeutsche Vorurteile, die sind einfach mitgeliefert, genau wie die Kommunikationsprobleme zwischen unterschiedlichen Generationen.

Ein kurzer Handlungshinweis: Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) sind etwa vierzig Jahre verheiratet. Harry ist bereits Rentner, kümmert sich um den Rasen und ab und zu ein Bierchen, ist damit komplett zufrieden. Lore ist auch altersmäßig pensionsbereit, ist aber bei ihrem Job in einer Bibliothek sehr ambitioniert, organisiert z.B. Lesungen.

Sie pflegt die Kultur, Harry seine Pflanzen, eine eigentliche Schnittmenge erkennt man dabei nicht auf Anhieb. Sie würde gern auf Reisen gehen oder sich zumindest mal über ein aktuelles Buch unterhalten, Harry kann zu jedem Autor immerhin ein vor Jahrzehnten gelesenes Buch nennen, aber er bringt gern die Titel durcheinander. Ähnlich ist es auch bei dem reichen Kaspar, den Tochter Julia demnächst heiraten will. Die hatte bisher im Leben wenig Glück (zumindest stufen ihre Eltern das so ein), die bevorstehende Hochzeit bringt Konfliktpotential...

Ähnlich wie beim beschriebenen Wechsel des Herkunftsteils in Deutschland geht es auch bei Lore und Harry viel um die Perspektive. In der Romanvorlage gibt es alternierende Kapitel, die jeweils den Blick der beiden Partner vorführen, im Film gibt es auch die beiden Seiten (und durchaus mal alternierende Szenen), aber es ist nicht so auffällig. Wenn Harry partout keine Lust hat, zur Hochzeit zu gehen, ist das für Lore schier unmöglich. Aber sie hat auch manche Bedenken, und beide nutzen ihre Beziehungen zu alten KollegInnen, um sich über den Schweigersohn-in-spe zu informieren.

Vier Generationen spielen hier eine Rolle. Lores Mutter wird im Pflegeheim besucht (im Film auffallend alternierend, weil es den Figuren die Möglichkeit gibt, Standpunkte zu deklamieren), die Teenager-Enkelin kommt mal zu Besuch, hat aber kaum mehr Anknüpfungspunkte zu Oma und Opa.

Alte Liebe bietet natürlich umso mehr Anknüpfungspunkte für sein Publikum. Wer weniger Erfahrung mit Langzeitbeziehungen oder dem eigenen Alter gemacht aht, hat die Perspektive auf die älteren Generationen. Ich bin mit meinen 58 Lenzen eher in der Rückblick-Gruppe, aber habe zum Teil auch gerade erst die Phase erreicht, in der man die eigenen Fehler in den nachfolgenden Generationen wiedererkennt.

Vor fünfzehn Jahren hätte ich Alte Liebe ziemlich anders erlebt, aber mittlerweile sind Demenz und Pflegefragen über meine Eltern hochaktuell, und bei meiner Nichte, mit der ich in ihrer Teeniephase noch etwas mehr zu tun hatte, spüre ich mitunter eine große Generationen-Mauer. Wie sehr mich Themen dieses Films angesprochen haben, fand ich schon erstaunlich. Ich will das mal über Blicke auf meine Familie schildern, wie es im Film gespiegelt wird, ist etwas persönlich, da kann dann jeder die eigenen Motive wiedererkennen.

Meine Eltern interessieren sich beide für den Garten, aber ganz unterschiedlich. Meine Mutter verbringt sehr viel Zeit dort, auch wenn die Kraft langsam nachlässt. Mein Vater könnte so einiges stemmen, hat aber andere Prioritäten. Und meine Mutter (mein Eindruck, ich verbringe aber nur so vier bis fünf Wochen im Jahr bei ihnen) hat dauernd irgendwelche Aufträge für ihn, er sieht sich aber nicht als angestellter Gärtner, sondern als interessierte eigene Kreativkraft. Ihn interessieren ein makelloser Rasen oder Dinge, die man ernten kann (Erdbeeren!), meine Mutter erfreut sich auch mal an Wildblumen.

Ich sag mal so: sie befinden sich in einer Art Kampf, und das betrifft nicht nur den Garten. Mein Vater verdächtigt meine Mutter, dass sie absichtlich "Unkraut" fördert, meine Mutter zählt gerne auf, welche Aufgaben er immer noch nicht erfüllt hat. Und da sie beide bockig sind und unterschiedlich starke mentale Einschränkungen haben, fruchten meine diplomatischen Versuche, mehr Gemeinsamkeit zu stiften, nicht wirklich.

Das ist bei Lore und Harry vergleichsweise harmloser. Ihre Streitgespräche und Kabbeleien sind auf einem rhetorisch höheren Level, die beiden haben mehr Power als meine Eltern, eigentlich mehr als ich selbst.

Von vielen tollen Momenten gibt es zwei schönste Stellen im Film, die man so nicht im Buch findet. Zum einen ein Harry-Zitat, das laut Presseheft von Joachim Król stammen soll:

"Sag mal, wenn du nicht zuhause bist, und ich hab' 'ne Meinung - Hab' ich dann immer noch Unrecht?"

Und zum anderen ganz am Schluss des Films die Reaktion der Enkelin Laura (Anna von Seld) auf etwas, was ihre Großeltern machen.

Verfremdetes Bild

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