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12. August 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Sunny Dancer (George Jaques)


Sunny Dancer
(George Jaques)

United Kingdom 2026, Buch: George Jaques, Kamera: Oliver Loncraine, Schnitt: Caitlin Spiller, Kostüme: Liberty Bramall, Production Design: Pat Campbell, Supervising Art Director: Kevin Woodhouse, Musik: Zachary Dawes, Este Haim, mit Bella Ramsay (Ivy), Ruby Stokes (Ella), Daniel Quinn Toye (Jake), Neil Patrick Harris (Patrick), Earl Cave (Ralph), Conrad Khan (Archie), Jasmine Elcock (Maisie), James Norton (Bob / Ivy's Dad), Jessica Gunning (Karen / Ivy's Mum), Louis Gaunt (Tristan), Josie Walker (Brenda / Medication Supervisor), Shalom Brune-Franklin (Lucy / Psychologist), Barbara D'Alterio (Ralph's Mum), James Blunt (Himself), Liz Ewing (Ticketing Lady), 106 Min., Kinostart: 13. August 2026

Ich will kurz beschreiben, wie mich dieser Film schon früh auf die Seite seiner Befürworter gezogen hat. Die 17jährige Ivy (Bella Ramsay) hat ein Gespräch mit ihrem Vater. Worum es geht, ist einerlei, aber an einem Punkt beschwert er sich über den Zustand ihres Zimmers. Offenbar liegt da viel rum, u.a. hat er einen ihrer Slips gesehen.

"... and it was sunny side up!"

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, ob der Filmtitel eine offensichtliche "Erklärung" erhalten würde. Aber wie man das Wort "sunny" in dieser blumigen Umschreibung schon so früh eingebaut hat, empfand ich als sehr erfrischend.

Sunny Dancer ist nah dran an seinen Figuren. Bevor ich etwas zum Inhalt schreibe, gehe ich das mal andersrum an: Das größte Problem des Films ist die Vermarktung. Wie kann man das Publikum, das der Film sicher verdient hat, von gewissen Vorurteilen befreien? Produzent Ken Petrie bringt es gut auf den Punkt:

"Viele lesen eine Synopsis und meinen sofort zu wissen, was sie erwartet. Unser Film dreht sich um junge Menschen, die einfach nur junge Menschen sein wollen."

Und was man im Film um ein Sommercamp einer Gruppe besonderer Heranwachsender ganz gezielt nicht sieht, sind "Krankenhausszenen, Kopfrasuren und medizinische Fachsimpeleien".

Hauptfigur Ivy fühlt sich quasi verraten, als ihre Eltern sie ins "Children Run Free Camp" schicken wollen, wo Gleichaltrige gemeinsam vier tolle Wochen verbringen sollen. Denn Ivy hat so gar keinen Bock auf das, was sie "Chemo-Camp" nennt. Sie ahnt aber auch noch nicht, dass das, was die Kids in diesem Camp verbindet, sie auch zusammen schmiedet. Ich will hier keinen unangebrachten Vergleich bemühen, aber zwei Wochen später wird Ivy sich mit ihren neuen Freunden über Leute außerhalb des Camps echauffieren und sie "cancer muggles" nennen...

Sunny Dancer (George Jaques)

Foto: Colin J Smith © Sunny Dancer Distribution Limited

Zurück zum Beginn des Films: Ivy ist in den ersten Camp-Tagen ziemlich auf Krawall gebürstet, und eckt an in der neuen Umgebung. Darstellerin Bella Ramsey macht das ziemlich super, man kann ihren Launen immer gut folgen, man geht mit ihr durch die peinlichen Phasen, gönnt ihr aber auch mal positive Erlebnisse.

Bei guten Jugendfilmen machen die Macher nicht diese Fehler, die manche Filme um erwachsene Figuren plagen. Ich glaube, in Pride and Prejudice gibt es einen Satz in Richtung "Elizabeth Bennet ist von den fünf Töchtern der Familie die unscheinbarste" (wild geraten, aber im Original könnte die Formulierung "the most homely" gewesen sein. Und in so ziemlich jeder Verfilmung des Austen-Romans wird die weibliche Hauptrolle natürlich mit der bestaussehenden Schauspielerin besetzt, sogar beim Casting der Schwestern werden vielleicht unterschiedliche Typen abgedeckt, aber niemand soll mehr strahlen als der "Star".

Jugendfilme haben den Vorteil, dass es nicht so viele "Stars" gibt, die sich per seniorityum Hauptrollen streiten, und so dürfen die Kids auch mal ganz normal aussehen, nicht wie movie stars. Selbst zum Karrierehöhepunkt von John Hughes entsprachen die Hauptfiguren zwar im Aussehen den Mindestansprüchen Hollywoods, aber Emilio Estevez, Molly Ringwald und Anthony Michael Hall konnte man sich noch auf den Fluren einer High School vorstellen. Und die Kids in der britischen Produktion Sunny Dancer gehen ja fast als Außenseiter durch, sind aber so normal, wie Filmkinder nur sein können.

(Ich möchte die Kids, die ich täglich in U-Bahn oder Supermarkt erlebe, nicht unbedingt zwei Stunden auf einer Kinoleinwand erleben. Die Kids in Sunny Dancer leben glücklicherweise in einer Welt, in der man nicht drei Stunden am Tag aufs Handy starrt...)

Sunny Dancer (George Jaques)

Foto: Colin J Smith © Sunny Dancer Distribution Limited

Ivy und ihre neue Mitbewohnerin Ella (Ruby Stokes) könnten kaum unterschiedlicher vom Typ sein und haben auch diametrale Interessen. So ist Ella schon länger in einen der Betreuer verschossen, und will dieses Jahr auch den entscheidenden Schritt machen. Denn er hat offenbar ein Faible für sie. lvy hat Liebeserfahrungen nicht ganz oben auf der To-Do-Liste, aber natürlich muss man unvoreingenommen sein. Und da gibt es ja das bekannte Sprichwort "Only losers have their virginity at 18".

Irgendwie ist immer was los im Camp. Ella schmachtet ihrem Tristan hinterher, Ivy muss nach einem argen Ausraster zur Psychologin. Brenda, die ältere grantige Dame, die immer dafür sorgt, dass die Kids ihre Tabletten nehmen, hat genauso ein Geheimnis wie Camp-Leiter Patrick (Neil Patrick Harris) mit seiner Fotowand, die Ivy kurzerhand zur "pedo wall" erklärt.

Die Clique von drei Mädchen und drei Jungs (vortrefflich gecastet) macht unerlaubte Ausflüge oder gerät in eine Schlägerei mit den local kids (übrigens in Zeitlupe), und während Ella immer noch auf den richtigen Moment wartet, Tristan zu verführen (Lieblingszitat "Nobody wants a soggy bottom"), leugnet Ivy jedes Interesse an Jake und seinen "stupidly blue eyes". Naja, bestimmte Dinge gehören zu einem "coming of age"-Film halt dazu. Jier drängen sie sich nur nicht so in den Vordergrund wie seinerzeit bei Little Darlings (knapp nach den Vorstadtkrokodilen vermutlich mein frühester Vertreter des Genres).

Sunny Dancer (George Jaques)

Foto: Colin J Smith © Sunny Dancer Distribution Limited

Natürlich gehört zu solch einem Film auch eine Stelle, die alle zurück in die Realität reißt ("some days just punch you in the tits"), aber wie das hier gemacht wird, ist schon immens clever. Man merkt, dass sowohl Regisseur George Jaques als auch seine Lieblings-Cutterin Caitlin Spiller, mit der er das Material erarbeitet hat, Erfahrung mit dem Thema hat. Und sie haben sich offensichtlich lange überlegt, wie man an den üblichen Allgemeinplätzen vorbei kommt.

Eine gute Ablenkung ist zum Beispiel die lange angekündigte (obligatorische!) "talent show" am Ende des Camps, bei der ein unerwarteter Gaststar auftaucht. Aber die zweieinhalb twists in der letzten halben Stunde des Films sind schon genial aufeinander abgestimmt. All die Klugscheißer, die sonst immer sagen "das wusste ich", sollen einen Notizblock mit ins Kino nehmen und rechtzeitig aufschreiben, was sie angeblich genau gewusst haben. Sie können den Zettel ja später immer noch heimlich aufessen...

Sunny Dancer (George Jaques)

Foto: Colin J Smith © Sunny Dancer Distribution Limited

Sunny Dancer geht frontal an sein Thema heran, verliert aber nie aus den Augen, warum man ins Kino geht: man will unterhalten werden und was neues erleben. Davon gibt es hier genug.

Auch für 58jährige Filmkritiker, die schon einiges erlebt haben (sowohl auf der Leinwand als auch außerhalb des Kinos).