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29. Juli 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Invite. (Olivia Wilde)


The Invite.
(Olivia Wilde)

USA 2026, Buch: Will McCormack, Rashida Jones, Lit. Vorlage;: Cesc Gay, Kamera: Adam Newport-Berra, Schnitt: Yorgos Mavropsaridis, Musik: Devonté Hynes, Kostüme: Arianne Phillips, Production Design: Jade Healy, mit Seth Rogen (Joe), Olivia Wilde (Angela), Penelope Cruz (Pina), Edwart Norton (Hawk), 108 Min., Kinostart: 30. Juli 2026

Olivia Wilde ist eine Filmschaffende, die ich gerne mal zu ihren Erfahrungen mit der Filmbranche interviewen würde (wenn sie überhaupt offen darüber sprechen will). Nach ihrer Etablierung als wiederkehrender Nebendarstellerin bei House M.D. (dt. Titel: Dr. House) sah alles so aus, als würde sie mit Hauptrollen in prominenten Großproduktionen wie Tron: Legacy (2010) oder Cowboys vs. Aliens (2011) durchstarten. Sie war jung, gutaussehend und offenbar gefragt. Aber irgend etwas zwischen ihr und der großen Hollywood-Karriere hat nicht gefunkt, in Rush folgte 2013 eine letzte vermeintliche Hauptrolle in einer Großproduktion (die übrigens wieder ein deutlich männliches Zielpublikum hatte), eine kleine Rolle in Spike Jonze' Her schien schon eher auf sie zugeschnitten, und die Art, wie sie statt Schauspiel plötzlich die Regie ins Zentrum ihrer Bemühungen stellte... und dabei große Produktionen auch eher meidet (oder zumindest nicht aktiv zu suchen scheint), kann durchaus irgendwas mit dem Casting-Stress oder negativen Erfahrungen zu tun haben, wirkt auf mich aber vor allem so, als ginge es ihr um Kreativität und kleinere Filmprojekte, die sich weniger um Glanz und Glitter scheren als um individuelle Geschichten jenseits des Mainstreams. Um einen Vergleich zu erzwingen: sie modelt nicht im Scheinwerferlicht für teures Goldgeschmeide, sondern verkauft ihre selbstgemachten Holzschnitzereien auf einem regionalen Handwerkermarkt. Und ist stolz darauf!

Ich feiere das.

Nach ihrem Langfilm-Regiedebüt Booksmart (2019, ohne schauspielerische Beteiligung) folgte der Thriller Don't Worry, Darling (2022) mit Harry Styles an ihrer Seite (habe ich verpasst) und nun spielt sie bei The Invite. abermals selbst mit (und man merkt auch, wie viel Spaß ihr das macht).

The Invite. (Olivia Wilde)

© Tobis Film

Die Geschichte um das Aufeinandertreffen zweier Paare war ursprünglich ein Theaterstück, der spanische Autor Cesc Gay hat es unter dem Titel Sentimental auch selbst 2020 verfilmt, es gab noch eine italienische Neuverfilmung 2022 unter dem Titel Vicini di casa, und auf dem Schreibtisch von Olivia Wilde landete es bereits als englischsprachiges Drehbuch.

Passend zu meiner komplett aus dem Bauch stammenden Interpretation, das manche Schauspieler über das Spiel hinaus kreativ sein wollen, wurde es geschrieben von den SchauspielerkollegInnen Will McCormack und Rashida Jones. Es gibt ja sehr prominente Beispiele, wie man mit selbst erstellten Drehbüchern seine Karriere fördern kann. Stallones Rocky, Emma Thompsons Sense and Sensibility oder Good Will Hunting von Matt Damon und Ben Affleck wurden sogar Oscar-Legenden! Bei The Invite. erwarte ich das jetzt nicht, aber zumindest bekommt Olivia Wilde eio weiteres Werkstück, an dem sie ihr Regie-Talent beweisen kann.

Wenn man dem Presseheft glauben kann, war schon das Drehbuch mit einem Vermerk versehen, dass der Stoff eine gewisse Flexibilität hat, und wenn man mal auf die Besetzung schaut, habe ich auch ohne dezidiertes Wissens über das Basismaterial das Gefühl, dass die Anpassung an die Darsteller den Film aufleben lässt.

Nimmt man etwa Seth Rogen (der wie Edward Norton auch schon selbst Regie geführt hat und auch als Produzent recht beschäftigt ist). Rogen spielt bevorzugt Nerds (die auch gerne mal kiffen), und landet damit ohne Unterwäsche-Modell-Aussehen erstaunlich oft in romantic comedies mit Partnerinnen, die man als "out of his league" beschreiben könnte. Ohne irgendwo nachzuschlagen, fallen mir Katherine Heigl, Elizabeth Banks und Charlize Theron ein, Take this Waltz mit Michelle Williams war keine RomCom und er spielte auch eine deutlich andere Rolle...

(Es soll nebenbei nicht unerwähnt bleiben, dass Elizabeth Banks und Sarah Polley zwei weitere Regie führende Schauspielerinnen sind... Ist es jetzt zu vermessen, darüber nachzudenken, ob sich diese Darsteller mit weitergehenden Ambitionen scheinbar zusammenrotten?)

Ich habe mir mal den Trailer von Sentimental (auf Spanisch) angeschaut, und die Kerngeschichte erlaubt es einem auch ohne Sprachkenntnisse, wiederzuerkennen, wer im spanischen (Film-)Original die Seth-Rogen-Rolle spielt. Da kann man dann einfach mal festhalten, dass Rogen da vieles eingebracht hat, was seiner "Persona" entspricht, zum Beispiel diese kleinen humorvollen, aber oft auch verletzenden Bemerkungen, die er auch in anderen Filmen gern halblaut äußert. Dadurch kommt einem die Figur bereits bekannt vor, aber diese Charakterzüge tragen auch zur Geschichte bei, spielen eine Rolle dabei, wie die Ehe von Joe und Angela in ein Loch geraten ist.

The Invite. (Olivia Wilde)

© Tobis Film

Angela, die Rolle von Olivia Wilde, wirkt auf mich so, als wolle die Regisseurin auf uneitle Art hier Dinge ausprobieren, die sie zum Beispiel in ihren Auftritten als "beautiful love interest" nicht austesten durfte. Sie sieht immer noch ziemlich spektakulär aus, aber sie bietet hier fast Grimassen an. Verborgene Wünsche, schlecht gespielte Überraschung, Momente, in denen sie klar überfordert ist - das alles baut sie auf sehr unterhaltsame Art ein in ihre Figur, und sie genießt es, diese Schwächen ihrer Figur auszureizen. So wie Martina Hill oder Anke Engelke, aber mit ein bisschen Zurückhaltung, weil dies zwar eine Komödie ist, aber eine mit ernster Basis.

Penelope Cruz als Pina ist eine andere Rolle, die anders funktioniert. Auch sie hat Schwächen, aber viel unauffälliger. Pina ist für Angela ein Vorbild, und dieses Handlungs- und Charakter-Prinzip des Films darf man nicht durch Humor an der falschen Stelle zersetzen. Angela will so sein wie Pina, aber dass Pina gar nicht so viel "besser" ist als sie, ist etwas, dass das Publikum früher entdecken soll als Angela selbst. Aber erst erkennen muss man es trotzdem, das langsame Bröckeln ist ja der große Spaß in diesem Film.

Fehlt nur noch Edward Norton als Hawk. Ähnlich wie bei Angela und Pina gibt es auch bei den Männern eine Art "Aufblicken", aber Joe lässt kaum ein gutes Haar an Hawk, weil das quasi sein "Default Attack Mode" ist. Joe hat ein geringes Selbstwertgefühl, und dieser pensionierter Feuerwehrmann als angedeutete Konkurrenz macht es nicht besser. Hawks Sympathiebekundungen wegen Joes Ehrlichkeit verpuffen dabei auch.

Norton hat in seiner Karriere einige harte Karle gespielt, aber auch Männer mit einer gewissen "Weinerlichkeit". In The Invite. spielt er mit beidem, lässt aber (wie auch die Cruz) der Figur auch den Raum, Schwäche zu zeigen, das Publikum hinter die Fassade zu schauen. Das ist neben der reinen Handlung wirklich spannend anzuschauen. Auch, weil es immer ein Balanceakt ist. Ein Kritikerkollege sprach nach dem Film mit einer Dame von der PR-Agentur und meinte, er hoffe, dass es nie ein deutsches Remake des Films gäbe. Er spielte damit natürlich auf Sönke Worthmanns aktuelle Remakes von französischen Stoffen an (vor allem Der Vorname etc.), aber natürlich muss nicht jede deutsche Version dieses Stoffs gleich in Richtung aufgeblasene Boulevardkomödie gehen, man kann sich das ja auch mit Laura Tonke und Oliver Wnuk vorstellen, als Independent-Stoff statt gleich immer von Constantin oder Warner Deutschland. Aber ich verstehe das als Kritik verkleidete Lob.

The Invite. (Olivia Wilde)

© Tobis Film

Über die eigentliche Handlung habe ich wieder wenig erzählt. Ein Ehepaar (mit Teenietochter, die nie auftaucht) lädt ein anderes Paar, das im selben Haus wohnt, zum Essen ein. Joe will es abblasen, schon vorher kommt es zum Konflikt, und es eskaliert immer mehr. Diese Art von Filmen gibt es öfter, teilweise auch nach Theatervorbildern. Das bekannteste Beispiel ist Who's afraid of Virginia Woolf? (nach Edward Albee), Mike Nichols drehte dreieinhalb Jahrzehnte später auch noch Closer (deutscher Titel: "Hautnah"), und Polanski (auch ein erklärter Fan davon, Gruppen auf kleinem Raum aufeinander loszulassen) hatte mit Carnage ("Gott des Gemetzels") eine ähnliche Vierer-Konstellation. Da gab es auch ein Theater-Vorbild, für Schauspieler ist so ein Stoff immer ein gefundenes Fressen.

Was von Anfang an bei The Invite. auffällt: Olivia Wilde tobt sich auch in der Regie aus. Es startet mit einem rein akustischen Einstieg (Joe und Angela, im Nachhinein als in glücklicheren Jahren zu verorten, spielen an einem Klavier herum), dann gibt es dazu lichtüberflutete, intim verwackelte Erinnerungen, man erlebt Joe bei seiner nicht eben empathischen Arbeit als musikalischer Leiter eines kleinen Orchesters (der einzige Moment im Film, wo andere Menschen als die vier Hauptfiguren zumindest mal im Bild sind), ehe dann der Vorspann mit Splitscreen-Spielereien Joe und Angela parallelisiert.

Sobald die beiden zuhause sind, verlässt man die Wohnung als Ort des Geschehens fast nicht mehr (Blicke aus dem Fenster oder auf ein Smartphone rufen die Spielregeln eher noch zurück ins Gedächtnis), und man hat das Gefühl, dass Olivia Wilde damit sehr zufrieden ist. Beim Bildmaterial für die Presse war leider nicht das dabei, was ich ich gerne gezeigt hätte: Drei Farbproben an einer Wand des Schlafzimmers, die metaphorisch eine deutliche Aussage haben. Da wüsste ich gern, ob das ein dazu erfundenes Element war.

The Invite. (Olivia Wilde)

© Tobis Film

Aber man arbeitet auch sehr schön mit den Räumen, dem Framing, Türen und Wände sind fast Mitwirkende. Bei den von mir ausgewählten Szenenfotos sind zwei eher missglückt, weil sie statt des Spielortes eher den Drehort dokumentieren, diese leeren Räume über den Köpfen sind im Film von meinem Eindruck her nie so prominent zu sehen. Damit hat man sich bei der Bewerbung des Films keinen echten Gefallen gemacht. Im Film leben diese Räume, auf Foto 2 und 4 wirken sie seltsam leer und groß.

Noch ein wichtiges Element im Film ist die Musik. Sie spielt als Handlungselement ein große Rolle, sie sagt auch viel über das Scheitern der Ehe, aber darüber hinaus ist die Filmmusik sehr auffällig. In dem ohnehin (nicht negativ auffassen!) dialoglastigen Film, der auch öfters mit sich überlappenden Sätzen arbeitet, kommt für gefühlt 15 Minuten noch mal eine Musik dazu, die den Konflikt akzentuiert. Diese Musik ist wirklich gut gemacht (großteils gezupfte Streicher mit erkennbaren Elementen, z.B. aus Carmen), aber in der Art, wie sie quasi einen Showdown dramatisiert, nervt sie auch ein bisschen, was aber ziemlich sicher mit Absicht so gemacht wird.

Was den Film ansonsten ausmacht (hat tolle Werte auf imdb), soll jeder selbst herausfinden. Vielleicht eine kleine Warnung: Wer als (festes) Paar in diesen Film geht, sollte darauf gefasst sein, dass schwelende Konflikte, die man jahrelang meisterhaft ignoriert hat, durch diesen Film zumindest mal kurz an die Oberfläche kommen können. Ja nach Charakterstärke kann das aber auch festigend wirken.

Nachtrag: Ich habe beim Verfassen des Textes mal wieder so gar nicht auf meine Notizen geschaut, hole das gerade nach. Zitat:

Olivia Wilde hat eine tolle Art, ihrem Mann auf positive Art zu sagen "Shut the fuck up!"

Und ein Zwischenstand: in meinem persönlichen Jahresranking ist Frau Wilde nach 19 gesichteten Filmen aktuell auf Platz 4 hinter den Dardennes, Linklater und Dresen. Anders gesagt: Lohnt sich!