Was haben
wir gelacht
(Eva Müller &
Isabel Schneider)
Deutschland 2026, Buch: Eva Müller, Isabel Schneider, Kamera: Thomas Lütz, Schnitt: Yana Höhnerbach, "Archive Producerinnen": Mona El-Bira, Monika Preischl, Musik: Danielle de Picciotto, Alexander Hacke, mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Esther Schweins, Gaby Köster, 98 Min., Kinostart: 16. Juli 2026
Bei Printmedien sollte man sich immer an die Vertreter halten, die nichts außer sich selbst verkaufen müssen. Entsprechend ist auch der "Yorcker", ein Programmheft einer Berliner Kinogruppe, mitunter mal scharf in der Kritik, aber dennoch nicht die Filmpublikation, die ich vorbehaltlos empfehlen würde. Aber meine persönliche Ausprägung des Journalismus zeichnet sich weniger durch heavy research als durch heavy procrastination aus. Und entsprechend freue ich mich immer, wenn mir jemand den Texteinstieg erleichtert.
In einer Vorankündigung für ein frühes Screening beim "MonGay" konnte man im Yorcker folgendes lesen:
"Wer durfte lachen - und wer war der Witz? Mit scharfem Blick auf die 90er und 2000er erzählt diese Doku von Frauen im deutschen Fernsehen, die sich Raum erkämpften. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger und viele andere."
Die "vielen anderen" sind Esther Schweins und Gaby Köster. Ich verstehe, dass man für das queere Zielpublikum eine Vorauswahl der Mitwirkenden getroffen hat, aber warum nicht "und andere" statt "und viele andere"? Es kommen im Film zwar auch noch andere Frauen vor, aber die fünf sind diejenigen, die interviewt wurden und den Film prägen. Sowas ärgert mich. Aber dafür kann der Film ja nichts.

© Archiv: SWR, Nachtcafé: Männerhumor und Weiberwitz - Wer lacht über was?, 17.02.1995.
Wie bei der Berichterstattung habe ich auch bei Dokumentarfilmen klare Vorlieben. Ich mag Dokus, deren Struktur sich aus dem Material entwickelt. Dokumentarfilmer, die lang und schmutzig erklären, worüber sie einen Film drehen wollten und dann die oft unergiebigen Recherchen in chronologischer Reihenfolge zeigen, sehe ich eher als Nabelschau als als ernstzunehmende Vertreter des Mediums Film. Ich gehe ins Kino, um einen FILM zu sehen, nicht verfilmte Propaganda oder einen bebilderten Zeitungsartikel - egal, wie wichtig das Thema sein mag. Eine gut gemachte Doku über Synchronschwimmen oder einen Brieftaubenverein schaue ich mir lieber an als einen Streifen, der mich zwar hervorragend über ein wichtiges Thema informiert, aber dabei aus dem Medium oder den Möglichkeiten der Montage, der Kameraführung etc. nichts macht.
Was haben wir gelacht ist im Kern ein Vertreter des Dokumentarkinos, wie ich sie mag. Mit leichten Einbußen.
Den fünf Damen, die durchaus für unterschiedliche Formen des Humors stehen, wird die selbe Einstiegsfrage gestellt (die ist auch clever ausgewählt!), und zum Schluss des Films wird mit einer anderen Frage versucht, einen Schlussstrich zu ziehen. Das klappt nicht ganz so gut, weil der Film zwischendurch frei wachsen durfte, und nun wird er etwas zusammengestutzt. Noch dazu wurde die Abschlussfrage allzu früh und mit klarer Zielsetzung formuliert. Kritikerkollege Jochen W. mahnte mich, dieses kleine Detail nicht meinen Gesamteindruck verfälschen zu lassen.
Hmm, mal probieren...

© Basis Berlin Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz / Archiv: Die Harald Schmidt Show, 01.02.1996.
Die fünf Frauen berichten von eigenen Erfahrungen mit dem bundes- nein, im Ansatz gesamtdeutschen Fernsehen, das anfänglich noch nicht bereit war, Frauen als mehr als adrettes Beiwerk, in der Funktion etwa der Ansagerin oder der Assistentin, zu akzeptieren. Und ungeachtet prägender Gegenbeispiele (Evelyn Hamann, Rotraut Schindler, Grit Böttcher, Iris Berben) waren auch einzelne Frauen als Humorlieferantinnen scheinbar undenkbar. Man wusste halt, was funktioniert - und was nicht!
Und deshalb läuft "Was bin ich?" stetig auch im 85sten Jahr erfolgreich zur Prime Time - in your dreams, Herr Intendant!
Im Zuge einer umfassenden Repräsentation des einstigen status quo wird auch der tägliche Chauvinismus gezeigt, und ich muss zugeben, einiges hatte auch ich verdrängt. Der hands-on-approach von Thomas Gottschalk, der Tennis-Wunder Steffi Graf ungeniert das Knie tätschelt und "Baby Spice" am liebsten noch ein zweites Küsschen abquatschen würde, ist ein allgemein bekanntes Problem, aber wie mal gescheit im Film gesagt wird, Gottschalk war nur "der Hecht im Karpfenteich", für erschreckend viele Kollegen gilt: den meisten weiblichen Gästen wurde im Kern freundlich, aber oft distanzlos begegnet.
Aber im Film geht es ja nicht nur um Frauen an sich, sondern um solche, die für Humor stehen (auch, wenn Bettina Böttinger da nicht ganz reinpasst, und doch vor allem eine stilprägende Journalistin ist, eine Talkerin und Moderatorin, die zwar Humor besitzt, diesen aber nicht ins Zentrum ihres Schaffens setzt). Für die Filmemacherinnen prägend waren wohl Momente in der Archivsuche, in der eine Frauenfeindlichkeit vorherrschte, die sich konkret auf Frauen in der Humorrolle eingeschossen hatte. Vergleichbar mit dem lange Zeit vorherrschenden Blick zum Beispiel auf den Frauenfußball. Es wurde einfach fest behauptet, dass so etwas keinen Wert habe und man damit auch nichts zu tun haben wolle. Das Revier war markiert, und fertig, bitches!
Mittlerweile ist das viel besser geworden, aber die festgefahrene Grundhaltung ist noch in Teilen der Bevölkerung existent, wird nur nicht mehr so herausgeschrieen. Ich bin mir sicher, es gab mal Momente, da wurde Ingrid Steeger mit Dieter Hildebrandt verglichen. Wenn man heute Carolin Kebekus mit Mike Krüger oder Oliver Pocher vergleicht, ist deutlich klarer, dass alle Geschlechter und Varianten Potenzial haben. Oder halt die Möglichkeit, ihren Humor nur soweit auszudifferenzieren, wie sie wollen. Was haben wir gelacht gibt seinen fünf Protagonistinnen die Möglichkeit, auf eine seltsame Zeit zurückzublicken und auch die eigenen Konflikte mit dieser Medienlandschaft zu reflektieren. Manchmal ist das so prägnant wie der Blick einer "MeToo"-Aktivistin auf das Hollywood der 1970er. Aber dennoch voller Überraschungen.

© Basis Berlin Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz
Was dabei einen tollen Dokumentarfilm aus dem angemessenen Umgang mit einem wichtigen Thema macht, ist die sich aus der gepflegten Inteview-Situation im Studio entwickelnde persönliche Brisanz. Im Pressematerial erfährt man wenig über die eigentlichen Dreharbeiten, aber offensichtlich wurden die Protagonistinnen, die jeweils nur im Alleingang auftauchen und mit dem Archivmaterial konfrontiert wurden, woraus sich dann einigermaßen frei die Themen in den Wortbeiträgen herausbildeten. Doch die interviewten Frauen, die auch über ihre persönlichen Erlebnisse und den Kampf gegen die patriarchalen Strukturen sprechen, haben zum Teil die selben Ausschnitte gesehen. Und auch erfahren, wie ihre Kolleginnen zum Teil darauf reagierten.
Das Prinzip des unwiederholbaren Zeitstrahls legt nahe, dass zumindest einige der Protagonistinnen später nochmal zu Dreharbeiten gerufen wurden, natürlich im selben "Kostüm", um die Zuschauenden nicht abzulenken. Ich habe Filmwissenschaft studiert und analysiere unter anderem nur zum Spaß Werbeclips relativ genau, und mich hätte sehr interessiert, in welcher Reihenfolge welche der Damen wie oft zum Interview kamen. Aber natürlich machen sich die Filmemacherinen nicht beliebt, wenn dann rauskommt, dass Frau X gerne viermal kam, während Frau XX sich schon zum zweiten Besuch überreden lassen musste. Also nimmt man das so hin.

© Basis Berlin Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz
Aber der Moment, wo z.B. Esther Schweins erkennt, wo sie sich hat "austricksen" lassen, während andere Frauen sich in ähnlicher Situation deutlich gewehrt haben, führt zu einer unerwarteten Emotionalität, die nicht irgendwie absichtlich herbeigeführt wurde*, sondern dem Film auch mit sowas wie "Herzblut" unterfüttert.
So zirka 20 Minuten vor Schluss ist Was haben wir gelacht ein kolossal großartiger Film, für Momente so spannend wie ein Polit-Thriller (und mit dem einen Zitat, das wirklich in Erinnerung bleibt, weil eine deutsche Showgröße so tituliert wird, dass man sagen will, die Frauen haben sich hier - unter Druck - mal revanchiert. Nur halt nicht von einem SchreiberINNEN-Team zurechtgebogen, sondern spontan aus dem Bauch heraus...
Und Esther Schweins wird von einem Quasi-Opfer zu einer späten Heldin. Weil dieser Moment so toll ist, habe ich ihn auch nicht gespoilert, denn dafür kann man durchaus mal ins Kino gehen!
Hinweis: ich habe den Film in einem Pressescreening gesehen, bei dem Vor- und Nachspann noch fehlten, Farbe, Ton und Mischung nicht final waren. Diese Bestandteile eines Films können das Gesamturteil in beide Richtungen verändern. Ich weiß nicht, wie es mein Urteil verändert hätte.