Mother Mary
(David Lowery)
Originaltitel: Mother Mary, USA / Deutschland 2025, Buch, Schnitt: David Lowery, Kamera: Andrew Droz Palermo, Rina Yang, Szenenbild: Francesca Di Mottola, Kostüme: Bina Daigeler, Red Mother Dress: Iris van Herpen, Musik: Daniel Hart, Songs: Charli xcx, Jack Antonoff, FKA twigs, Choreographie: Dani Vitale, mit Anne Hathaway (Mother Mary), Michaela Coel (Sam Anselm), Hunter Schafer (Hilda), Sian Clifford (Jade), Kaia Gerber (Nikki), Atheena Frizzell (Emily), FKA twigs (Imogen), Alba Baptista (Miel Contrera), Isaura Berbé-Brown (Kyla), Jeanne Nicole Ní Áinle (Mala), Taylore Sieve (Red Woman), Dani Vitale (Stage Manager), 112 Min., Kinostart: 21. Nai 2026
Im Kino ist es oft so, dass zwei (oder mehr) Dinge zusammengebracht werden müssen. Bei einer Buchverfilmung gibt es z.B. die Handlung, das "Gefühl", das Lesende mit dem Buch verbinden, aber auch eine visuelle / filmische Herangehensweise. Denn Literatur und Film arbeiten mit unterschiedlichen Regeln, im günstigsten Fall findet man einen Weg, bei dem eine filmische Herangehensweise ein eigenes, alleinstehendes Werk entstehen lässt, das aber dem Buch "gerecht" wird.
Mother Mary ist keine Buchverfilmung, sondern ein Originalstoff, der nie für etwas anderes als einen Film vorgesehen wurde. Es gibt auch eine Handlung, oder agierende Figuren, aber vor allem spielt dieser Film in einer eigenen Welt, die im Vorfeld (oder "nebenbei") erstellt werden muss, um als Kulisse NEIN, als Rückgrat der Handlung stehen muss.

© Leonine Studios / Eric Zachanowich
"Mother Mary" ist der Künstlername (den wirklichen erfährt man meines Wissens nicht) eines musikalischen Weltstars (Anne Hathaway), dessen Karriere, Following und globale Bedeutung wichtig sind für den Film. Die Titelfigur soll (meines Erachtens auch unabhängig von der Handlung) für zwei Stunden mithalten können mit Taylor Swift, Lady Gaga, Beyoncé oder (nicht ganz so modern, aber schon durch den Namen verbunden) Madonna.
Wenn man das mal kurz vergisst, war Regisseur David Lowerys Kernidee folgende:
"I wanted to make a movie that was nothing but dialogue, that would be two great actors and a gret script and nothing else. I honestly thought it would be fast and simple."
Hmm, dem Endergebnis merkt man noch an, dass für den Großteil des Films tatsächlich zwei Figuren in einem Zwiegespräch stecken, denn Popstar "Mother Mary" steckt in einer kreativen Blockade für ihr groß angekündigtes Comeback, und benötigt die Hilfe der Frau, die als Schneiderin / Designerin Marys frühe Karriere sehr geprägt hat - aber vor längerer Zeit gab es einen Bruch, und das frühere Vertrauen, die einstige Freundschaft kann nicht einfach mit einem Lichtschalter wieder angeschaltet werden.

© Leonine Studios / Frederic Batier
Ich kann mir einen Großteil dieses Films als Kammerspiel vorstellen, bei dem Ruhm, Musik und Mode wie eine Mauerschau nur behauptet bleiben. Das wäre aber ein ganz anderer Film geworden. Ich will gar nicht darüber sinnieren, ob dieser Film besser oder schlechter ausgefallen wäre, er hätte seine ganz eigenen Probleme gehabt.
Und vor allem hätte er ein anderes Publikum gehabt. Kammerspiele wie Death and the Maiden oder 'Night, Mother haben oft Theaterstücke als Vorbild, und sie ziehen ein kleineres Publikum in ihren Bann. Ich persönlich mag auch Filme wie Der Todmacher, Room oder Sex, Lies and Videotape, die auf unterschiedliche Art mit wenigen Darstellern große Geschichten erzählen und psychologische Tiefen erkunden.
Aber gerade heute, in einer Welt von Marvel-Filmen und Franchises mit riesigem Effekte-Budget ist ein großer Teil des typischen jungen Kinopublikums vielleicht nicht daran interessiert, dass zwei Personen sich in einem Raum befinden und unterhalten - und das einen ganzen Film lang. Ich bin gegen Vorurteile nicht gefeit, aber ich könnte mir sogar vorstellen, dass eine entsprechende Zusammenfassung, um jemanden zum Kinobesuch zu animieren, in der Gegenfrage "Also ein Horrorfilm?" kulminieren könnte.

© Leonine Studios / Eric Zachanowich
Mother Mary ist kein Kammerspiel, weil die Lebensumstände als Popstar eine wichtige (auch visuelle) Rolle spielen. Und selbst, wenn Mary und Sam sich längere Zeit in einer großen Quasi-Scheune unterhalten, die mich schon durch die großen Leerräume an James Whales Frankenstein erinnert hat, wird selbst dort visuell einiges geboten. Ich will nicht an der aktuell durch The Devil wears Prada 2 im Rampenlicht stehenden Anne Hathaway herumkritteln, aber die mir zuvor unbekannte Emmy-prämierte Michaela Coel als Textilküstlerin Sam Anselm bot mir im Film die größere Identifikationsfläche und stahl auch meine Sympathien. Vielleicht war der Popstar einfach zu überhöht, zu lebensfern.
Das Spiel zwischen den beiden ist durchaus abendfüllend, Nebenfiguren wie Hilda und Imogen funkeln am Rande, und Lowery kann eines seiner bevorzugten Themen (ich verzichte ganz gezielt auf die Nennung seiner früheren Filme) erneut ausleben.

© Leonine Studios / Eric Zachanowich
Schon durch das Popstar-Rückgrat der Geschichte wird ein ganz neuer, besonderer Film daraus, aber innerhalb des Werks des Regisseurs wird ein neues Schlaglicht auf ein bevorzugtes Thema geworfen, und zwar in eine ganz neue Richtung. Dabei ist speziell der "Red Dress", das kulminierende Kleidungsstück, ein harter Gegenentwurf zu Lowerys vermutlich berüchtigsten Film, nur leider fasziniert mich dieses innerhalb des Films nicht ganz unwichtige Thema nicht ganz so sehr wie z.B. der Kammerspiel-Ansatz, der gegen Ende dafür quasi "geopfert" wird.
Aber Mother Mary ist ein Film, der auch bestehen kann, wenn er sich bei keinem der sehr unterschiedlichen Teilgruppen des Publikums (die irgendwie erst nach dem Film klar werden) anbiedert. Gerade durch die sehr ungewöhnliche Mixtur gewinnt der Film als Ganzes. Die Welt eines Popstars, die einer Designerin, und noch eine dritte kämpfen hier sozusagen um die "Nische", in der sie überleben können (spannend!), und auch Symbiosen und ansatzweise Kompromisse sind möglich...