Die reichste
Frau der Welt
(Thierry Klifa)
Originaltitel: La femme la plus riche du monde, Frankreich / Belgien 2025, Buch: Thierry Klifa, Cédric Anger, Jacques Fieschi, Kamera: Hichame Alouié, Schnitt: Chantal Hymans, Szenenbild: Eve Martin, Kostüme: Jürgen Doering, Laure Villemer, Musik: Alex Beaupain, mit Isabelle Huppert (Marianne Farrère), Laurent Lafitte (Pierre-Alain Fantin), Marina Foïs (Frédérique Spielman), Raphaël Personnaz (Jérôme Bonjean), André Marcon (Guy Farrère), Mathieu Demy (Jean-Marc Spielman), Joseph Olivennes (Raphaël d'Alloz), Micha Lescot (De Veray), Paul Beaurepaire (Charles Spielman), 121 Min., Kinostart: 23. April 2026
La femme la plus riche du monde lief letztes Jahr auf dem Filmfestival in Cannes, und gewann Anfang des Jahres einen César für Darsteller Laurent Lafitte, der seiner prominenten Kollegin Isabelle Huppert klar die Show stahl - was der aber von Anfang an klar gewesen sein muss, weil sie zwar die Titelrolle bekleidet, aber als "reichste Frau der Welt" (die realen Begebenheiten, auf denen der Film basiert, werde ich größtenteils ignorieren) dem impertinenten Erbschleicher Pierre -Alain Fantin ziemlich auf den Leim geht.
Marianne Farrère (die Huppert) ist die Mäzenin eines vermeintlichen "Künstlers" (eigentlich ein Fotograf, aber er interessiert sich auch für anderes), der sie um den Finger wickelt und ihre Familie, die brüskiert miterlebt, wie der Eindringling das Familienvermögen empfindlich dezimiert, sehr erzürnt. Das perfide dabei: zum einen kann man als Zuschauer sehr gut nachvollziehen, wie der der Betrüger der Lebensqualität seines Opfers durchaus zu neuen Spitzen verhilft. Aber dies halt um einen Preis.

© Neue Visionen Filmverleih
Dabei ist es eine Freude, Laurent Lafitte dabei zuzuschauen, wie er sich einerseits für die "schockverliebte" Marianne unersetzlich macht, aber gleichzeitig seinen diabolischen Plan durchführt, sich ganz gezielt zu bereichern. Und wie nebenbei verhöhnt er die zu oftmals ohnmächtigen Zeugen degradierten Mitglieder des "inneren Kreises" mit seiner schamlos ausgelebten Homosexualität und einer nicht enden wollenden Serie von Frechheiten.
Schon das erste Aufeinandertreffen von Pierre-Alain und Marianne ist ein Ereignis. Die mit fast grenzenloser Macht versehene Marianne ist eine harte Geschäftsfrau, die ganz genau weiß, was sie will. Sie erinnert mich durchaus an die Meryl-Streep-Figur in The Devil wears Prada.
"Wir folgen keinen Trends, wir setzen sie."

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Für die Fotostrecke in einem Magazin beleidigt Fantin (liegt es nur an mir, oder denkt da noch jemand an "Fantomas" und "Tintin"?) seine Autraggeberin im Staccato-Takt. Ich konnte gar nicht so schnell mitschreiben, aber sie sei u.a. eine "Spießerin", "blöd", "schwerhörig", "kleinmädchenhaft", eine "Lesbe" und ihre Haare werden als "tot und schlaff" umschrieben. Einerseits will er damit natürlich eine neue Reaktion aus ihr herauskitzeln, aber er verblüfft sie auch damit, dass er ihren Status mehr als nur ignoriert, nicht nach ihrer Pfeife tanzt und kuscht. Und das findet sie interessant, das gibt ihrem Leben eine neue Facette.
Meine Herangehensweise an die Kernhandlung des Films ist ungewöhnlich, bringt sie aber schnell auf den Punkt (und zeigt, dass ich halt Anglistik studiert habe): Man könnte sich den Film auch als period piece vorstellen, in dem Queen Victoria Oscar Wilde in ihren Palast einlädt*. Man kann sich vorstellen, wie die royale Familie darauf reagiert hätte...
*und das für längere Zeit inklusive eines Lovers...

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Mariannes Familie spielt im Film eine große Rolle, auch ein politischer Aspekt aus dem Fall, der hier verarbeitet wurde, spielt mit herein und beeinflusst den Tonfall des Ganzen. Der Regisseur Thierry Klifa fasst seine Herangehensweise in einem Interview so zusammen:
"[wir haben] uns für die Komödie entschieden, um dieses zutiefst menschliche Drama mit einer gewissen Distanz anzugehen. Wir wollten kein Mitleid für die emotionalen Konflikte der Superreichen wecken, sondern zeigen, wie Geld die Spannungen in menschlichen Beziehungen verstärken kann. Für mich ist dies keine Geschichte, über die man urteilen sollte, sondern eine, deren Entwicklung man beobachtet."
Dazu passt auch, dass man nicht versucht hat, die Figuren irgendwie sympathisch erscheinen zu lassen, sich aber darauf konzentriert hat, jeweils "so nah wie möglich an der inneren Wahrheit" der Figuren zu bleiben.

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Und so erlebt man die Tochter Mariannes (Marina Foïs), die sich Liebe wünscht, das aber schwer äußern kann, weil sie anders erzogen wurde. Marianne hat auch einen Mann und einen Schwiegersohn, am Enkel wird sehr früh der immense Reichtum der Familie exekutiert. Und mein persönlicher Liebling ist der Butler der Familie, Jérôme, der mit dem Parasiten Fantin, der sich dreist einnistet, mehrfach die Köpfe anstößt wie zwei Ziegenböcke. Natürlich mit der leicht snobistischen Diskretion, die man von einem Butler erwarten mag.
Man braucht für diesen Film eine gewisse Tendenz zur Bosheit, um die ganzen Frechheiten auch abfeiern zu können. Wenn man immer nur schockiert oder brüskiert reagiert, wird man keinen dauerhaften Spaß daran haben. Und die eher seltenen Beispiele für die Lebensuntauglichkeit der Superreichen sind allein nicht abendfüllend.
"Ah, Jean-Marc! Der Getränkeautomat ist kaputt."
"Haben sie eine Münze eingeworfen?"
"Häh?"
Ich persönlich bin reichlich böse genug für den Film und konnte ihn so genießen. Unterhaltsam, aber nichts, woran man sich zwei Jahre später noch detailliert erinnert, würde ich mutmaßen.