No Other Choice
(Park Chan-wook)
Südkorea 2025, Buch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Jahnye Lee, Lit. Vorlage: Donald E. Westlake, Kamera: Kim Woo-hyung, Schnitt: Kim Ho-bin, Kim Sang-beom, Musik: Cho Young-wuk, Szenenbild: Ryu Seong-hie, Kostüme: Cho Sang-kyung, mit Lee Byung-hun (Man-su), Son Yejin (Lee Miri), Park Hee-soon (Choi Sun-chul), Lee Sung-min (Gu Bummo), Yeom Hye-ran (Lee Ara), Cha Seung-won (Go Sijo), 139 Min., Kinostart: 5. Februar 2026
Man-su (der aus Squid Game bekannte Lee Byung-hun) hat sich als Papiermacher ein glückliches Leben aufgebaut. Hübsches eigenes Haus mit Garten und Gewächshaus für sein Bonsai-Hobby, Gattin, zwei unproblematiche Kinder und die in einem symbolträchtigen eigenen Hundehäuschen mit zwei Eingängen wohnenden Goldn Retriever Situ und Ritu.
Plötzlich ist all dies in Gefahr, als er wegen KI-Einsatz in der Firma wegrationalisiert wird. Während er eifrig Bewerbungen schreibt, erlebt das Publikum mit, wie die Wohlstandsattribute langsam weichen müssen. Das Netflix-Abo wird eingespart*, die Hunde fressen zuviel, das Haus muss vielleicht verkauft werden und sogar Töchterlein Ri-won (der die Umsiedlung der Hunde sehr zu schaffen macht) muss vielleicht auf ihren Musikunterricht verzichten, wo ihr Talent am Cello doch eine große Hoffnung ist.
*In der US-Romanvorlage von 1997 waren es noch HBO und Showtime, die dran glauben mussten. Seltsame Nostalgie...

© Plaion Pictures
Der Filmtitel "No other choice" deutet schon an, dass Man-su zu drastischen Schritten greifen muss (zumindest kommt er zu diesem Schluss), und wenn ich erwähne, dass der Film eine schwarze Komödie ist, die auf einem Roman des Krimiexperten Donald E. Westlake basiert, hat man eine ganz gute Übersicht auf die Fallhöhe, die hier vorherrscht, und die sich auch mal auf (für einen Hobbygärtner angemessen) größere Blumentöpfe beziehen kann.

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Dass Park hier etwas weniger blutig als in seinem von Hitchcock inspirierten US-Ausflug Stoker vorgeht, erklärt sich schon in seiner Herangehensweise an den Stoff...
"Ich wollte einen Film drehen, der die Zuschauer dazu bringt, sich zu fragen: Was gilt im Leben der heutigen Mittelschicht als unterste Grenze? Welcher Standard muss erfüllt sein, damit ein Leben als anständig gilt? Und daraus folgend: Was versucht dieser Mann eigentlich zu schützen?"
Bei dieser universal wirkenden Fragestellung spielt in der Ausführung natürlich die typische Mentalität Koreas eine gewisse Rolle, und darin begründet sich auch, dass ein deutsches Publikum hier und da Probleme haben könnte mit dem, was im Presseheft als "beißend komisch" bezeichnet wird (was auch nicht jeder so empfindet).
Die koreanische Massenkultur hat ja durch Squid Game, K-Pop oder Bong Joon-hos Oscargewinner Parasite einen kräftigen Hype erfahren. Aber ähnlich wie bei Japan gibt es hier ganz unterschiedliche Einflüsse, und ein umfassendes Abfeiern eines ganzen Landes ist zwar möglich, aber nicht mein Ding. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem Kino, und seit Beginn des Jahrtausends stärker mit aktuellen Strömungen bestimmter Nationen. Dazu zählen etwa Dänemark und Schweden, Japan und Südkorea.

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Neun von zehn Kinofilmen von Park Chan-wook habe ich bei der Erstauswertung im Kino gesehen, dank reichlich Berlinale-Konsum in der Kosslick-Ära ging das schon mit Joint Security Area los, wer den etwa mit Oldboy, I'm a Cyborg but that's ok oder Die Taschendiebin vergleicht, erkennt inszenatorischen Stilwillen, aber abgesehen von seiner "Rache-Trilogie" gibt es keine unverkennbare Handschrift oder so.
Bei Bong Joon-ho ist es ähnlich, die ersten beiden Filme sind noch nah beieinander, aber wer will Snowpiercer und Parasite vergleichen? Und wozu?
Ich habe aber Spaß daran, anhand ihrer Filme die beiden Regisseure zu unterscheiden. Bong ist die Familie heilig, Park seziert sie lieber. Bong durchdenkt seine Filme lang, Park versucht gern, noch die absurdeste kleine Idee mit einzubauen. Aber beide weichen davon auch mal ab, nähern sich sogar an. Snowpiercer zeigt Bong (mit viel Elan und Chuzpe) am Ausprobieren, No other choice ist der Film, in dem Park außergewöhnlich viel Wohlwollen mit seiner Filmfamilie zeigt. Was in Stoker zu einem kleinen Mord am Rande geführt hätte, bringt hier Familienmitglieder enger zusammen.
Die musikalisch begabte kleine Tochter erinnert mich sogar an die Bogenschützin in Gwoemul / The Host. Wäre doch hübsch, wenn sich die beiden Regisseuire mal treffen und über (ihre?) Töchter unterhalten...

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No other choice zählt für mich nicht zu den besten Werken Parks, aber seine Filme haben immer Details, für die es sich lohnt sie (am besten mehrfach) zu sehen. Zu den auffallenden Stilmitteln gehören hier die Überblendungen, die immer auch etwas mehr erzählen, wenn man sich die Mühe gibt, darüber nachzudenken.
Ich wüsste gern mehr darüber, wie dieser Film entstand. In der westlichen Filmbranche gab es ja zumindest eine Zeit, in der man in Büchern und Zeitschriften so etwas nachlesen konnte, in Zeiten des Internets ist das sehr zurückgegangen, und wo noch diese Art von Interview-Kultur gepflegt wird, werden eher andere Fragen gestellt. Dass der Westlake-Roman schon 2005 einmal von Costa-Gavras verfilmt wurde, und Park seinem Regiekollegen den Film widmete, ist sicher bedeutsam, aber welche Rolle spielte Don McKellar (The Grand Seduction) beim Drehbuch?