Dust Bunny
(Bryan Fuller)
USA 2025, Buch: Bryan Fuller, Kamera: Nicole Hirsch Whitaker, Schnitt: Lisa Lassek, Musik: Isabella Summers, Produktion Design: Jeremy Reed, Supervising Art Director: Adorjan Portik, Kostüme: Catherine Leterrier, Olivier Bériot, mit Sophie Sloan (Aurora), Mads Mikkelsen (Intriguing Neighbor), Sheila Atim (Brenda), Sigourney Weaver (Laverne), Rebecca Henderson (Intimidating Woman), David Dastmalchian (Conspicuously Inconspicuous Man), Lune Kruse (Mother), Casper Phillipson (Father), 106 Min., Kinostart: 19. Februar 2026
Ich bin zuhause offline und streame auch nicht, aber es gab auch mal eine Phase, als ich viele Serien schaute, darunter einiges von Bryan Fuller, einem oder dem kreativen Motor hinter Dead Like Me, American Gods, Hannibal, Pushing Daisies oder Star Trek: Discovery. Als erklärter trek geek hatte Fuller seinen ersten längeren Fernseh-Job als einer der Autoren hinter Star Trek: Voyager (vor allem vierte bis sechste Staffel, erst in der siebten mit vollem Skript- oder Story-Credit).
Er hat sich hochgearbeitet, mehrfach bewährt, und nun durfte er sich mal an einem Kino-Projekt versuchen. Und dabei hat man das Gefühl, dass er seine Vision umsetzen konnte. Das Budget war vermutlich klar umrissen, der Film ist kein Blockbuster, aber liebenswertes Genre-Kino, mit stabiler Besetzung, einigen Schauwerten, und Effekten, derer man sich nicht schämen muss.
In der kompetenten Ausführung nicht unähnlich seiner TV-Arbeiten, aber schon erkennbar auf einer größeren Leinwand, und auch keinem auf Jahre geplanten Konzept verpflichtet.

© Roadside Attractions, Lionsgate
Die zehnjährige* Aurora (Sophie Sloan) hat ein Monster unter ihrem Bett, die Pflegeeltern glauben ihr nicht, und sie müssen dafür zahlen. Sicher, das Mädchen hat eine ausgeprägte Phantasie, aber auch, wenn das Publikum einiges mit ihren Augen zu sehen scheint, der Untermieter wirkt gefährlich und mehr als gewaltbereit.
* laut Presseheft - laut imdb ist sie erst acht. Ich habe mir dazu keine Notizen gemacht, plädiere aber für neuneinhalb.
Das gilt auch für einen Nachbarn (Mads Mikkelsen), den Aurora mal verfolgt hat, und der im nahen Chinatown wohl gegen so etwas ähnliches wie Monster gekämpft hat. Kurzerhand organisiert Aurora sich die komplette Kollekte bei einem Kirchengang und will den Auftragskiller als Kammerjäger engagieren. Bis zu diesem Punkt wirkt der Film mit seinem im besten Sinne verschwenderischen Production Design wie ein Mash-Up aus Le fabuleux destin de Amélie Poulain (kindliche Phantasie) und Léon (Killer als unfreiwilliger Ersatzvater), nur halt weniger französisch und dafür mit dem mit Recht erst ab 16 Jahren freigegebenem Dust Bunny (so kann man im englischsprachigen Raum den unter Betten angesammelten Unrat verniedlichen). Das Monster sieht zu Beginn auch aus wie die anglistische Entsprechung von Wollmäusen.

© Roadside Attractions, Lionsgate
Die Geschichte spielt sich größtenteils in Auroras Wohnung (plus Flure, Treppenhaus, Fahrstuhl etc. des Mietshauses) ab, aber es gibt auch einige Abstecher in das naheliegende Chinatown, die rein visuell an Filme wie The BFG (Versteckspiel in den Straßen), Bram Stoker's Dracula (Schatten werden lebendig) oder Mary Poppins (Dachkulissen, wie eine Mischung aus London und dem "Hell's Kitchen" in den Daredevil-Comics von Frank Miller) erinnern. Das sind aber vielleicht auch meine ganz persönlichen Anknüpfungspunkte.
Hier sieht man noch mal gut, dass Fuller Erfahrung damit hat, aus einem klar umrissenen Budget das meiste herauszuholen. Sein visueller Spieltrieb treibt den Film auch voran. In einer Szene hat der gerade mit Nasenbluten geschlagene Mikkelsen das unbedingte Verlangen, keine Spuren zu hinterlassen, und wie er das umsetzt, zeigt auch eine gewisse Verwandtschaft zu Aurora, denn...
...das Monster scheint sich an lang etablierte Regeln zu halten, die wir alle aus unserer Kindheit kennen, wenn man mal Angst vor der Dunkelheit und irgendwelchen Schatten hatte: So lange man unter der Bettdecke ist, kann das Monster einen nicht sehen... und man darf unter keinen Umständen den Fußboden berühren, wie in dem Kinderspiel, wo der Fußboden quasi Lava ist und man sich über Sofas etc. fortbewegen muss (übrigens ein Konzept, das Roald Dahl in seiner Kurzgeschichte The Wish ausreizte, und dabei den Spagat schlug zwischen seinen Kindergeschichten und denen für Erwachsene, die oft ein sehr schwarzhumoriges Ende hatten).

© Roadside Attractions, Lionsgate
In Dust Bunny tauchen entsprechend diverse Erwachsene auf, die oft nicht schnell genug den Schalter im Hirn umknipsen können, um sich mit einer Realität, die nach Kinderregeln funktioniert, anzufreunden. Dazu passend ist auch ein Zitat aus dem Film, das ich nicht für mich behalten will:
"There's an animal in here!" --- "There's a what?"
Dabei muss ich an eines meiner Lieblings-Filmzitate denken, und das stammt aus Alien: Romulus, einem Film, den ich noch nicht mal gesehen habe...
"There's something in the water. There's something in the fucking water!"
Neben den visuellen Spielereien hat Fuller sich auch sprachlich hier und da zu meinem großen Vergnügen ausgetobt. Manche Dialoge sind sehr unterhaltsam, und an einer Stelle, wo Aurora durch eine ungewöhnliche Vokabel auffällt, erklärt sie einfach nonchalant, dass sie das Wort aus einem word-a-day calender kennt.

© Roadside Attractions, Lionsgate
Zum Abschluss noch ein paar Bemerkungen zu bestimmten Details oder Aspekten des Films.
Die Musik fand ich zu Beginn nicht so dolle, es zeigte sich aber, dass sie nur in die Kategorie "gewöhnungsbedürftig" fällt.
Ein mehrfach wiederholter Gag, bei dem Mads Mikkelsen Auroras Namen falsch ausspricht, wollte sich mir nicht erschließen. Fand ich weder besonders witzig noch überzeugend als Mittel, etwas über ihre Beziehung zueinander auszusagen (also z.B. im Sinne von "er interessiert sich erst später für das Kind" oder "er will sie ärgern").
Aurora und ihr Killer sind ansonsten ein tolles Team, aber die Nebendarsteller sind auch wirklich gut ausgewählt. Die Rolle von Sigourney Weaver hat eine klare Funktion, bin ich aber nicht ganz warm mit geworden. David Dastmalchian agiert wie immer etwas undurchsichtig, bei Rebecca Henderson geht man vom schlimmsten aus, einzig Sheila Atim als social worker Brenda wirkt ansatzweise vertrauenswürdig, was aber nicht daran liegt, dass sie zu den wenigen Mitspielern mit einem Rollennamen gehört.
Apropos vertrauenswürdig: Presseheften vertraue ich in etwa so sehr wie Gebrauchtwagenhändlern, aber der Regiekommentar von Bryan Fuller gibt fundierte Antworten auf Umstände, nach denen ich gar nicht gefragt hätte. Angesichts meiner umfassenden Spoilervermeidungs-Einstellung möchte ich daraus aber nichts zu explizites zitieren. Vermutlich findet ihr bei weitergehendem Interesse dazu nach dem Film relativ leicht was im Internet.
Ein letztes Detail im Zusammenhang damit möchte ich aber doch ansprechen: Wie erwähnt erlebt man Teile des Films quasi mit den Augen Auroras (keine klar subjektive Kamera, aber ihre Phantasie überträgt sich aufs Publikum, sehr auffällig zum Beispiel bei den "lebendigen" Schatten beim Kampf in Chinatown). Fuller schreibt in seinem Regiekommentar:
Wie viele Märchen ist auch Dust Bunny letztendlich ein Rätsel, wenn nicht sogar in erster Linie. Die Frage, die wir seinem Publikum damit stellen, lautet: "Glaube ich Aurora?"
Hoffentlich glaubt man ihr in den ersten beiden Akten nicht!
Bei diesem Wunsch Fullers bin ich mir nicht sicher, ob er damit ausdrücken will, dass die Inszenierung ihr Ziel erreicht hat, wenn wir Aurora (wie die Erwachsenen um sie herum) nicht glauben, damit die Enthüllung / Auflösung einen größeren Effekt hat. Vielleicht will er den Lesern seines Kommentars damit aber auch einen Hinweis auf tiefer liegende Wahrheiten in diesem Film geben. Mir ist jedenfalls aufgefallen, dass wir zu Beginn des Films eine Art origin story* des Titelmonsters miterleben, wobei wie die Feder zu Beginn von Forrest Gump eine winzige Entsprechung eines tumbleweeds* (diese aus botanischem Abfall entstandenen Bälle, die in manchen Cartoons oder Western vom unerbittlichen Präriewind durch sogenannte ghost towns* gewirbelt werden) solange durch die Titelsequenz fliegt, bis sie unter Auroras Bett landet, und dabei zu Beginn noch so kinderfreundlich wie ein Milka-Schmunzelhase wirkt. Wenn man nach Ende des Films an diese Passagen denkt, sehe ich da einen Widerspruch mit Infos, die man zu Beginn des Films noch nicht hat, aber es kann sein, dass das durchaus gewollt ist.
*Es tut mir leid, manche englischsprachigen Fachbegriffe kann man zwanghaft übersetzen oder zu Tode erklären. Fragt halt das Internet oder den besten Freund (Grüße!), wenn ihr überfordert seid.