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29. September 2021
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Keine Zeit zu sterben (Cary Joji Fukunaga)


Keine Zeit
zu sterben
(Cary Joji Fukunaga)

Originaltitel: No time to die, UK, USA 2020, Buch: Neal Purvis, Robert Wade, Cary Joji Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge, Lit. Vorlage (Figuren, Situationen): Ian Fleming, Kamera: Linus Sandgren, Schnitt: Elliot Graham, Tom Cross, Musik: Hans Zimmer, Titelsong: Billie Eilish, Kostüme: Suttirat Anne Larlarb, Production / Set Design: Mark Tildesley, mit Daniel Craig (James Bond), Léa Seydoux (Madeleine Swann), Rami Malek (Lyutsifer Safin), Jeffrey Wright (Felix Leiter), Ben Whishaw (Q), Lashana Lynch (Nomi), Ralph Fiennes (M), David Dencik (Valdo Obruchev), Naomie Harris (Miss Moneypenny), Billy Magnussen (Logan Ash), Ana de Armas (Paloma), Christoph Waltz (Ernst Stavro Blofeld), Rory Kinnear (Tanner), Dali Benssalah (Primo), 163 Min., Kinostart: 30. September 2021

Am Donnerstag, den 12. März 2020, war ich zuletzt im Kino gewesen (vier Filme an diesem Tag vor dem ersten Lockdown). Anderthalb Jahre und etwa zwei Wochen später war es soweit für meine Rückkehr ins Kino. Ob ausgerechnet der neue Bondfilm eine würdige Auswahl dafür war, werde ich hier nicht ausdiskutiern - weil die Auswahl des Films eher Zufall war, abhängig von meiner zweiten Impfung und davon, wie gut die Vorführung in meinen Zeitplan passte.

Das Brimborium um den Film suggeriert einem, dass er »wichtig« sei. Auch mein neuer Kollege Jörg steckte mir, dass Bondfilme für ihn die großen Ausnahmen seien - Filme, die ihn noch alle paar Jahre ins Kino locken können. Auch wenn Bondfilme (seit The Spy who loved me bin ich dabei) bei mir nie einen Sonderstatus einnahmen, weil abgesehen von dem Corona-Loch 50-250 Kinobesuche im Jahr immer normal waren, muss ich zugeben, dass ich doch erstaunlich lange immer wieder auf den Hype reingefallen bin.

Die Filme mit Daniel Craig nehmen hier einen speziellen Status ein, weil man über fünf Filme mit wiederkehrenden Autoren stärkere Zusammenhänge zwischen den Einzelfilmen herstellte. Früher gab es zwar die über Jahre wiederbenutzten Darsteller für kleine Rollen wie M, Q oder Moneypenny, aber wirkliche Bezüge zwischen den Einzelfilmen spielten kaum eine Rolle. Wenn zu Beginn eines Film die überfällige Rache aus dem Film davor zelebriert wurde oder Richard »Beißer« Kiel wie ein beliebtes Maskottchen noch mal auftreten durfte, dann waren das verglichen mit dem langgezogen Narrativ der Craig-Filme nur winzige kleine Details.

Diesmal beginnt der Film mit einem zum Teil horrorfilmähnlichen Prolog, der die geheime Vorgeschichte von Madeleine Swann (Léa Seydoux) erzählt. Etwas, was sie als Kind traumatisierte, und was rein strukturell so etwas wie die Wirbelsäule zu diesem Film darstellt.

Keine Zeit zu sterben (Cary Joji Fukunaga)

Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. All rights reserved.

Seydoux (La vie d'Adèle, Spectre) vertritt hier quasi die Rolle von Diana Rigg in Her Majesty's Secret Service, die ebenbürtige Partnerin für einen Bond, der davon träumt, sich zur Ruhe zu setzen. Damals wurde die Frau an seiner Seite nach der Hochzeit gemeuchelt, diesmal ahnt man (auch durch den Prolog), dass es wieder tragische Opfer geben wird...

Dummerweise wird das Vertrauen innerhalb dieser Beziehung durch einen Anschlag am Grab von Vesper Lynd wortwörtlich erschüttert, und Bond geht dann doch eher allein in den Ruhestand, bis die langsam drehenden Rädchen des Plots ihn dann wieder ins Umfeld des MI6 treiben, wo M (Joseph Fiennes) ein wenig hinter seinem Tisch geschrumpft zu sein scheint und durch fragwürdige Entscheidungen einen Gegner auf den Plan rief, zu dessen Zielen unter anderem die Auslöschung von Spectre, der weltumspannenden Terrororganisation aus dem Film zuvor, gehört.

Nun könnte man annehmen, das so ein Zwist zwischen bösen Organisationen vom MI6 fast gewünscht sein könnte, doch die Logik des aktuellen Drehbuchs erzwingt es, das immer wieder Figuren und Organisationen mit unterschiedlichen Motivationen aufeinandertreffen, um mit vergleichsweise ähnlichen Methoden einander auszuschalten (zum Teil sogar auszurotten) versuchen. Im Kern könnte man dies als eine Dekonstruktion des Bondschen Narrativs verstehen, die durchaus ihren Reiz hätte, doch die Filmemacher sind viel zu verschossen in das Franchise, geben mit einem neuen Aston Martin (inklusive Gadgets) an, liefern die lang überfällige obligatorische Diversität in der patriarchalen Geheimdienst-Maschinerie (willkommene Neuzugänge sind Ana de Armes als Paloma und Lashana Lynch als Nomi, Bondfiguren aus einer fast gleichberechtigteren Welt) und feiern Daniel Craig genrell ab, wie man es noch nicht gesehen hat (und mir ist nicht entgangen, wie die Kamera in manchen Szenen Craig mal wieder zum Sexsymbol macht, das mit auffälliger Beule im Schritt aufwartet).

Keine Zeit zu sterben (Cary Joji Fukunaga)

Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. All rights reserved.

Mein Eindruck von diesem Film ist folgender: es gibt einige tolle Ideen, aber gerade die Drehbuchautoren sind zu sehr damit beschäftigt, sich mit Spiegelungen und wiederaufgegriffenen Motiven gegenseitig auf die Schultern zu schlagen. Blofeld hat ein Auge verloren, ein neuer mittlerer Bösewicht ist auch einäugig, immer wieder wird einem demonstriert, dass sich Spectre, der MI6 und die neue Terrororganisatio, hinter der natürlich Rami Malek (Bohemian Rhapsody, Mr. Robot) steckt, gar nicht so sehr unterscheiden. Bond hat sogar die selben Kernziele wie der wenig subtil benannte »Lyutsifer«.

Und so gibt es reichlich Szenen, wo Bond und seine Mitkämpfer entweder durch schwerbewaffnete Eindringlinge in einen Hinterhalt geraten - oder selbst irgendwelche Festungen einnehmen, wo sie dann ihrerseits die Leute aus dem anderen Team über den Haufen schießen. Das gab es zwar auch in früheren Bonds (gerade wenn es zum Schluss immer in den bombastischen Bauten von Ken Adam zum Shootout kam), aber so sehr wie im neuen Bond hat es mich zuvor nicht gelangweilt. Das mag auch einfach an meiner zunehmenden sittlichen Reife liegen. Mit Ü50 findet man wer-murkst-wen-ab-Spektakel einfach nicht mehr so spannend wie zu Zeiten, wenn man noch von Hormonen und Power-Fantasien gelenkt wird.

Und ich vermisse nur wenig an diesen Zeiten.

Keine Zeit zu sterben (Cary Joji Fukunaga)

Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. All rights reserved.

Nun will ich den Film auch nicht zu Grabe tragen, aber wenn ich die Motivationen der von Geheimnissen und traumatischen Erfahrungen getriebenen Figuren besser nachvollziehen könnte und man die Emotionen nicht nur auf die Kernmomente, wo mal wieder jemand dramatisch ins Gras beißen muss, konzentriert hätte, wäre aus einem Film mit ein paar gutgemeinten Ambitionen vielleicht sogar ein guter Film geworden...

Doch für den Schritt weg von den alten Traditionen des Franchise fehlte noch ein wenig der Mut. in No Time to Die wird vorgeführt, was man ändern könnte im Bondland. Aber in letzter Konsequenz zieht man es nicht durch. So bleiben zum Teil atemberaubende Stuntszenen (man versucht, mit den Mission Impossible-Filmen mitzuhalten) Auge in Auge mit fast monoton heruntergefilmten Schießereien und teilweise schlammig-schwachen CGI-Bildern, die weder zeitgemäß noch zum verschwenderischen Budget passend sind.

Keine Zeit zu sterben (Cary Joji Fukunaga)

Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. All rights reserved.

Regisseur Fukunaga, der selbst schon die Kamera führte, schwelgt mit seinem D.O.P. Linus Sandgren etwas stark im abendlichen Gegenlicht der Sonne, aber das Postkartensyndrom spielt bei Bondfilmen und ihren Tourismuszielen (meidet die Faröer-Inseln!) natürlich immer eine Rolle. Wenn mal ein Schiff untergeht, leuchtet es von innen seltsam rot und auf dem Wasser brennt es aus Gründen, die auch nie erklärt werden. Solche Schauwerte gehören für manche Zuschauer offenbar einfach dazu (vergleiche Lord of the Rings), aber mich hat's manchmal genervt.

Über die gelungenen Szenen ganz zum Schluss kann ich nicht wirklich schreiben, ohne zu viel zu spoilern (eine wichtige Figur hat man gezielt aus den Stabangaben und Pressefotos herausgehalten), aber 163 Minuten mit etwa vier Bösewichten, von denen sich kaum einer wirklich profilieren kann - da hätte auch weniger mal wieder mehr sein können - insbesondere der Wissenschaftler Obruchev und der Typ mit dem seltsamen Auge wirkten wie etwas kraftlose running gags, die man nie wirklich ernst nehmen konnte. Während Rami Malek eher durch Aktionen überzeugt als durch sein Auftreten.

Was mir noch so aufgefallen ist: Wenn olle Bond mit einem Motorrad Treppen mit 45-Grad-Steigung hochrasen soll, fügt man für die Stuntfahrer einfach einen Mittelstreifen ein, der die Treppe eigentlich ihrer Funktion beraubt. Würde es die Treppe so im normalen Leben geben, würde öfters mal jemand runterstürzen.

◊ ◊ ◊


Höhepunkte:
  • die 2-3 neuen Bondgirls
    (»This will go swimmingly.« --- »Yes, I've been trained three weeks for this.«)
  • die Negation eines Bond-Mantras
  • die Einstellung mit den Fassadenkletterern
  • das Panzerglas
  • der Nachspann-Song (Louis Armstrong, co-komponiert von John Barry)
  • die Halloween-Elemente des Prologs
  • The Wrong Trousers in der Glotze