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Sarah Berger: bitte öffnet den Vorhang




13. März 2021
Elisabeth Nagy
für satt.org




Streammania II


Kokon
(Leonie Krippendorff)

Drama, Deutschland 2019, Drehbuch: Leonie Krippendorff, Bildgestaltung: Martin Neumeyer, Montage: Emma Alice Gräf, Musik: Maya Postepski, Szenenbild: Josefine Lindner, Kostüm: Ramona Petersen, Make-Up: Janina Kuhlmann, Ton: Achim Burkart, Casting: Paula Alamillo Rodriguez, Leonie Krippendorff, mit Lena Urzendowsky, Jella Haase, Lena Klenke, Elina Vildanova, Denise Ankel, Helene Grass, Kim Riedle, Anja Schneider, Melanie Straub, Robert Kuchenbuch, Philomena Köbele, Mohamed Issa

Zu sehen bei Salzgeber

Es ist der heißeste Sommer in Berlin seit Jahren. Ausgerechnet bei der Hitze wird Nora (Lena Urzendowsky) bei einem dummen Spiel die Hand verletzt. Das Blau des Gipsverbandes sei doch chic, sagen Jule und ihre Freundinnen. Von wegen. Nora ist eher der stille zurückhaltende Typ. Sie nimmt ihre Umgebung anders wahr und empfindet den heimischen Kiez, Berlin - Kotti, wie ein Aquarium.

Mit geschientem Arm kann Nora nicht auf Klassenreise. Für diese Zeit soll sie in die Klasse ihrer Schwester. Nach Looping erzählt Leonie Krippendorff, Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, einen Coming-of-Age-Film. Nora, gerade mal 14 Jahre alt, wird ihre erste Periode bekommen und sich das erste Mal verlieben. Doch ihr Blick fällt nicht auf einen der Jungen, sondern auf Romy (Jella Haase). Romy hat etwas, was ihre Schwester und ihre Freundinnen nicht haben. Das ist nicht nur eine wilde Unbekümmertheit, sondern eine innere Ruhe. Romy muss sich nichts beweisen. An Romy schaut sich Nora ein Körpergefühl ab, das ihr viel eher behagt.

Kokon ist ein Großstadtfilm, ein Berlin-Film. Man trifft sich auf den Dächern, in der Shisha-Bar und im Freibad. Krippendorff gibt dem Sommer in Kreuzberg eine Leichtigkeit. Selbst das Freibad ist die große Spielwiese. Nora kann sich aus den vorgegebenen Mustern befreien, um ihren eigenen Weg zu gehen. Sie findet die Vorbilder, die ihr die Sicherheit geben, dass so wie sie fühlt, sie richtig fühlt.

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Giraffe
(Anna Sofie Hartmann)

Drama, Dänemark / Deutschland 2019, Drehbuch: Anna Sofie Hartmann, Bildgestaltung: Jenny Lou Ziegel, Montage: Sofie Steenberger, Szenenbild: Karin Betzler, Kostüm: Sophie Reble, Ton: Oliver Göbel, Casting: Ulrike Müller, mit Lisa Loven Kongsli, Maren Eggert, Jakub Giersza?, Mariusz Feldman, Przemys?aw Mazurek, Janusz Chojnacki, Piotr Olsza?ski, Andrzej Wicher, Piotr Jurczyk, Robert P?achta, Miros?aw Piorunek, Christoph Bach, Hans Christian Bentsen, Juni Dahr

Zu sehen bei Grandfilm

Eine Ethnologin, Dara (Lisa Loven Kongsli), fährt von Berlin auf die Insel Lolland. Ein altes Bauernpaar muss ihr Lebenswerk aufgeben, um dem Bau einer Autobahn Platz zu machen. Ein Tunnel wird zwischen Dänemark und Deutschland gebaut. Es handelt sich um den Fehmarnbelttunnel, zumindest das wird er einmal sein. Menschen müssen dafür weichen. Dara sammelt Erinnerungen, vermisst, was einmal war, bevor es nicht mehr ist. Den Fortschritt könne man nicht aufhalten, heißt es. Dara wirkt von ihrem Forschungsobjekt distanziert. Bei Anna Sofie Hartmann, Absolventin an der dffB, ihr erster Film war Limbo, bleibt alles in der Schwebe und dem Publikum wird weder eine auserzählte Handlung noch Erklärungen geschenkt. Dara trifft auf den Bauarbeiter Lucek (Jakub Giersza?), mit dem sie eine unverbindliche Begegnung teilt. Auch er ist von seiner Heimat losgelöst, auch sein Leben wird von einem hungrigen Kapitalismus bestimmt. Hartmann arbeitete in der dänisch-deutschen (Komplizen Film) Produktion mit Schauspielerin und Laiendarstellern, beobachtet, skizziert dokumentarisch. Der Verband der deutschen Filmkritik zeichnete Ende Februar bei seiner jährlichen Preisvergabe Giraffe als besten Spielfilm des Jahres aus.

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I Care a Lot
(J Blakeson)

Thriller, Großbritannien / USA 2020, Drehbuch: J Blakeson, Bildgestaltung: Doug Emmett, Montage: Mark Eckersley, Musik: Marc Canham, Szenenbild: Michael Grasley, Kostüm: Deborah Newhall, Make-Up: Trish Seeney, Ton: Jared Detsikas, Casting: Jeanne McCarthy, Rori Bergman, mit Rosamund Pike, Peter Dinklage, Eiza González, Dianne Wiest, Chris Messina, Isiah Whitlock Jr., Macon Blair, Damian Young, Arthur Hiou, Jamie Ghazarian, Kayla Caulfield, Georgia Lyman, Leah Procito, Jose Guns Alves, Kevin McCormick, Adam Desautels, Cassidy Neal

Zu sehen bei Netflix

Glaubt ihr an das Gute im Menschen? Laut Marla Grayson gibt es keine guten Menschen. Aus ihrer Sicht mag das zutreffen. I Care a Lot zeigt uns ihre Sicht und ihr kaltes Lächeln. Das ist nichts für Zartbesaitete. Marla Grayson ist ein vom Amt bestellter Vormund. Sie kümmert sich um die, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können. In unserer durchoptimierten Gesellschaftsordnung ist auch diese Hilfe ein Geschäft und Marla kümmert sich nur um die Alten, bei denen es was zu holen gibt. Gleich als Einführung in ihre Figur, begegnet sie einem jungen Mann, der vor Gericht um das Besuchsrecht bei seiner Mutter im Altenheim kämpft. Aber Marla weiß ihre Schäfchen vor eventuellen Erben abzuschirmen.

J Blakeson (Die 5. Welle) erzählt eine Gesellschaftssatire, um Tiefgang und Kapitalismuskritik schert er sich nicht. Das Publikum begehrt mehrmals auf, aber es bekommt dafür keine der Figuren als Beistand. Dabei tariert Blakeson die Handlung haarscharf an der Realität vorbei, die wir für möglich halten. Dabei wird geklotzt statt gekleckert. Der junge Mann aus der Eröffnungsszene ist zum Beispiel kein Sympathieträger. Eher ein Proll, der mit frauenfeindlichen Ausfällen rein gar nichts erreicht, außer dass sich das Publikum wünscht, er möge endlich aus dem Bild verschwinden, obwohl wir eben noch auf seiner Seite waren.

Aber ein feministischer Film ist I Care a Lot auch nicht. Auch wenn Marla klarstellt, Männer beschimpften Frauen nur, wenn sie sonst keine Argumente haben. Blakeson zeigt uns, wie Marla ein neues Opfer zur Schröpfung an Land zieht. Eine ältere Dame, Mrs. Peterson, mit Haus, Geld und null Familie. Die Dame, gespielt von Dianne Wiest, die wahrlich noch alle beisammen hat, ist mit ein bisschen Schmiergeld so ratzfatz einkassiert, dass man sich vornimmt, endlich mal eine Patientenverfügung auszufüllen.

Marla Grayson, diese starke Frauenrolle mag noch so emanzipiert sein, man wünscht ihr sonst was an den Hals. Diese Frau ist von sich eingenommen, dass man nicht mal mit dem Vorschlaghammer eine Delle in ihre Selbstwahrnehmung schlagen könnte. Man atmet geradezu auf, als ihr endlich mal jemand entgegen tritt, der sich das leisten kann. Auch wenn es sich dabei um einen fiesen Gangster ohne Skrupel handelt. Dieser Roman Lunyov wird von Peter Dinklage gespielt. Geschenkt, dass er sich mit ein paar Volltrotteln umgibt. Das versetzt der Glaubwürdigkeit einen Dämpfer, unterstreicht aber, dass es sich hier um Satire handelt. Auch er hat ein großes Interesse an Marlas aktuellem Opfer und man kann ihn nicht abschütteln.

Der Fokus verlagert sich. Es beginnt ein Spiel auf Leben und Tod. Nicht mehr das System der Altenversorgung steht im Mittelpunkt, tat es übrigens von Anfang an nicht, sondern ein Zweikampf mit zwei Kontrahenten, die schon aus Prinzip niemals verlieren. Dabei kann man Marla nicht mal für eine Sekunde die Opferrolle abnehmen. J Blakeson spielt die Wendungen mit Kalkül präzise durch, aber sie bleiben eine Aneinanderkettung von eskalierender Gewalt. Dass I Care a Lot hier nicht kippt, nachdem der Regisseur und Drehbuchautor es schon geschafft hat, dass wir die Klischees der Figurenzeichnung ausblenden, das liegt an den Darstellern. Rosamund Pike und Peter Dinklage.

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Flora & Ulysses
(Lena Khan)

Komödie, USA 2020, Drehbuch: Brad Copeland, Bildgestaltung: Andrew Dunn, Montage: Jamie Gross, Musik: Jake Monaco, Szenenbild: Michael Fitzgerald, Kostüm: Mona May, Ton: Mark Noda, Casting: Emily Schweber, mit Ben Schwartz, Alyson Hannigan, Kate Micucci, Danny Pudi, Bobby Moynihan, Darien Martin, Christine Lee, Nancy Robertson, David Milchard, Craig Haas, Carolyn Yonge, Matilda Lawler

Zu sehen bei Disney+

Flora & Ulysses von Lena Khan, ihr letzter Film Mister Malik und die Reise ins Glück erschien in Deutschland nur auf DVD, ist gewissermaßen ein Kinderfilm. Die Vorlage hat Kate DiCamillo geschrieben. Eines ihrer Bücher hatte es schon auf die große Leinwand geschafft: Despereaux - Der kleine Mäuseheld. Flora ist eine recht seltene Pflanze. Von sich selbst behauptet sie, zynisch zu sein. Wenn man 10 Jahre alt ist und die Eltern in Trennung leben, dann kann das schon mal passieren. Sie liebt Comics. Ihr Vater, George, zeichnet Comics, aber statt sich da richtig reinzuhängen, jobbt er im Baumarkt und lässt sich von seinem Vorgesetzten schikanieren. Als Vorbild taugt er damit nur bedingt. Ihre Mutter, Phyllis, schreibt Romane. Von der seichteren Sorte. Aber seitdem ihre Liebe zu Floras Vater Risse bekommen hat, leidet sie unter einer Schreibblockade. Das sind also kurz gefasst die Umstände für Flora.

Und dann rettet Flora ein Eichhörnchen, das von dem außer Rand und Band geratenen Rasenmäher der Nachbarin aufgefressen wurde. So schlimme Dinge passieren. Das sagt Flora ja immer wieder. Aus Erfahrung und darum ist sie eine Zynikerin. Aber: Das Eichhörnchen, hier war CGI im Einsatz, besitzt, das merkt Flora, ihren fundierten Comickenntnissen über Superhelden sei Dank, Superkräfte. Ulysses, frei nach der Rasenmäher-Marke, bringt alles durcheinander. Zum Beispiel sitzt Flora mit ihrem Papa in einem Diner, als eine Kellnerin auf wirklich übergriffige Weise wissen will, was für ein Tier Flora in einem Karton bei sich hat.

Wahrscheinlich erwartet sie eine niedliche Katze. Die Frau erschreckt das Tier, das daraufhin eine Kettenreaktion auslöst. Gemeinerweise ruft die Kellnerin die Polizei und prompt kommt ein Tierfänger ins Bild und damit beginnt eine Katz-und-Maus-Jagd zwischen Team Eichhörnchen und der Behörde. Da wird es dann auch schon mal albern. Die Stärke der Geschichte liegt im Zusammenspiel der Figuren. Matilda Lawler spielt Flora mit gebührendem Ernst ohne altklug rüber zu kommen. Ben Schwartz spielt ihren Vater und die Chemie zwischen den beiden funktioniert hervorragend. So macht auch ein Kinderfilm Spaß.