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9. Oktober 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Dem Horizont so nah (Tim Trachte)


Dem Horizont so nah
(Tim Trachte)

Deutschland 2019, Buch: Ariane Schröder, Lit. Vorlage: Jessica Koch, Kamera: Fabian Rösler, Schnitt: UNBEKANNT, NICHT MAL AUF IMDB - EIN AFFRONT GEGEN DAS MEDIUM, Musik: Michael Kamm, mit Luna Wedler (Jessica Koch), Jannik Schümann (Danny), Luise Befort (Tina), Victoria Mayer (Johanna, Jessicas Mutter), Stephan Kampwirth (Rufus, Jessicas Vater), Denis Moschitto (Jörg), Frederick Lau (Dogan), Henry Horn (Jakob), Kristin Hunold (Vanessa), Marta Martin (Jana), 109 Min., Kinostart: 10. Oktober 2019

Titel und Plakat suggerieren gleich mal so einen »Schmachtfetzen à la Nicholas Sparks« - aber weil ich aktuell eher selten den Weg ins Kino finde, habe ich mir mal einen Ruck gegeben. Man weiß ja nie...

Luna Wedler (Das schönste Mädchen der Welt) als Jessica Koch (so heißt auch die Autorin, die aus ihren persönlichen Erlebnissen einen Roman machte) hatte gerade ihren 18. Geburtstag, zu der sie einen Firmenwagen des elterlichen Cateringbetriebs geschenkt bekam, trifft innerhalb weniger Tage mehrfach auf das männliche Model Danny (Jannik Schümann), obwohl dieser sie warnt, ihn am besten zu meiden, wird daraus eine Liebesgeschichte, und irgendwann kommt Danny auch mit der Sache raus und beichtet seine zwei bis drei dunklen Geheimnisse, die eher nicht in die Kategorie dessen gehört, mit welcher Art Mann als 18jährige zusammenziehen will (so konstatieren das auch ihre Eltern, die bei Antrittsbesuch des Freundes sehr positiv auf Danny reagieren, sich aber dann doch Sorgen machen um die Tochter, die nicht nur nicht so überstürzt schnell mit der brandneuen Liebe zusammenziehen sollte (belastet am Rande auch das Betriebsklima, weil die Tochter ja für die Eltern arbeitet), sondern auch bedenken sollte, ob sie sich wirklich (meine Formulierung) mit damaged goods abgeben sollte, denn ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, was Dannys Probleme sind, so wird doch diverse Male betont, dass der eben noch gültige Spruch »Ihr habt ja noch soo viel Zeit« eben jetzt nur noch bedingt einsetzbar ist.

Traumata, Schicksalschläge, eine dunkle Zukunft - und dann lebt Danny auch noch zusammen mit einer jungen Frau, die er »wie seine Schwester« liebt, die aber auch öfters mal zu ihm ins Bett schlüpft. Da kann man nachvollziehen, dass auch Jessica sich trotz all der Liebe nicht sicher ist, ob sie stark genug für diese Beziehung sein wird.

Dem Horizont so nah (Tim Trachte)

© Studiocanal GmbH / Tom Trambow

Wenn man bedenkt, welche drei Problemthemen, die jedes für sich einen bedrückenden Film ergeben können, hier verarbeitet werden, so wird das doch sehr leichtfüßig umgesetzt - aber ohne die Probleme zu verharmlosen.

Regisseur Tim Trachte drehte zuvor Abschussfahrt, Vampirschwestern 3: Reise nach Transsilvanien sowie Benjamin Blümchen, was ihn nicht unbedingt prädestiniert für diesen Stoff erscheinen lässt. Aber irgendwie schafft es Dem Horizont so nah, eine überschwengliche junge Liebesgeschichte mit den drei bis vier schweren Schicksalen zu kombinieren. Wie gesagt, ich probiere in meinem Text mal die Variation Drumherumreden, weil der Film es einfach verdient hat, seine Geschichte selbst zu erzählen.

Nach und nach versteht man, warum sich Danny teilweise so seltsam verhält, warum er Jessica im Grunde von sich stößt, diese sich dann aber auf den Kampf für diese Beziehung einlässt, und es gibt auch eine Menge psychologischen Ballast.

Dem Horizont so nah (Tim Trachte)

© Studiocanal GmbH / Bernd Spauke

Wenn man sich die Haupthemen des Films (abgesehen von der überhöht dargestellten romantischen Liebe) so vornimmt, prallt man in vergleichbaren Filmen oft auf bestimmte Bilder, die nicht unbedingt Feel-Good-Charakter haben. Wie in Filmen vergangener Zeiten verzichtet man auf diese (Schock-)Bilder, impliziert aber deren Tragweiten und Gefahren. Wie ein Zombie- oder Kriegsfilm ohne Splattereffekte und Blutspritzer - dafür lässt man sich als Zuschauer umso mehr auf die Geschichte ein.

Bei der Lovestory wird einiges schlimm überzogen (er lässt die angetrunkene junge Erwachsene einmal bei sich übernachten - ohne Nebengedanken, ganz Gentleman - und als sie aufwacht, wundert sie sich erstmal darüber, wie toll sein Bett riecht), bei einem Problemthema, für dass der Film 1999 spielen muss, um später deutlicher erkennbare gesellschaftliche Toleranz zu umgehen, gibt es einige Handlungstwists, über die man lieber nicht nachdenken soll (einmal verlässt Jessica Danny schockiert, denkt dann aber über die veränderte Situation neu nach und fasst eine Entscheidung, bei der man sich fragt »Wie hätte sie es denn sonst gemacht, wenn das Thema nicht auf den Tisch gekommen wäre???«), und auch die finanzielle Unbeschwertheit der drei Hauptfiguren passt nicht wirklich zum jeweiligen Umfeld.

Dem Horizont so nah (Tim Trachte)

© Studiocanal GmbH / Bernd Spauke

Ich persönlich fand es auch etwas seltsam, wenn Danny im Verlauf der Geschichte mal in eine Schlägerei und mal in einen Unfall verwickelt wird, in beiden Fällen Blessuren im Gesicht trägt, aber ohne das geringste Problem scheinbar schon zwei Tage später wieder bei einem Model-Shoot auftaucht, die auch alle in der selben Kleinstadt stattzufinden scheinen, aber teilweise Basis aggressiver Plakatkampagnen zu sein scheinen.

Man merkt schon sehr deutlich, warum die Buchvorlage als Roman bezeichnet wird und nicht als Tatsachenbericht. Und bei der Verfilmung werden diese Trends teilweise noch weiterverfolgt. Vieles wie ein Streit mit einer Jugendfreundin wird deutlich wie in einer typischen Filmdramaturgie behandelt, die Chance zur Versöhnung ist immer gegeben, aber trotz des Hangs alles superschön darzustellen, obwohl es oft todtraurig ist, erlaubt der Film, dass man über seine Schwächen, die manchmal wie Sollbruchstellen wirken, hinwegsieht.

Dem Horizont so nah (Tim Trachte)

© Studiocanal GmbH / Bernd Spauke

Ich stehe nicht unbedingt auf solche Schöne-Welt-Romanzen, aber wenn man sich die Geschichte etwas drastischer vorstellt, mit ein paar der erwähnten Schockbilder oder deutlicher formulierten Abgründen (etwa als Dresen-Film mit Milan Peschel), so gelingt es mir nicht, einen deshalb deutlich besser gelungenen Film zu imaginieren.

Im direkten Vergleich mit Gut gegen Nordwind, der im Kern das selbe Publikum anzusprechen versucht, wirkt GGN zwar ambitionierten, nicht zuletzt schon wegen der Besetzung, aber DHSN funktioniert halt als Geschichte, ich habe hier nicht den Impuls, darüber nachzudenken, was alles in der Buchvorlage besser oder anders gewesen sein muss. Der Film besteht als eigenständiges Werk. Kein Stoff für jedermann, aber kann man sich hin und wieder mal antun.

Und der Soundtrack hat zwar wenig mit 1999 / 2000 zu tun, verzichtet aber öfters auf diese schrecklichen Songs, die in deutschen Filmen auf Englisch frisch daherkomponiert den aktuellen Handlungsverlauf zusammenfassen (»It's a leap of faith, but you have to trust him«), und bauen stattdessen auf einige mittelbekannte Hits vergangener Tage (Hey Little Girl von Icehouse, I want to know what Love is von Foreigner oder eine Cover-Version von To Love Somebody, im Original glaube ich von den Bee Gees) - wenn auch mit der selben textlichen Strategie.

Ich habe mich auch sehr über die kleine Rolle von Denis Moschitto gefreut. Nicht zuletzt darüber, dass er hier einen Jörg spielen darf!