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19. Juni 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Men in Black International (F. Gary Gray)


Men in Black
International
(F. Gary Gray)

USA 2019, Buch: Art Marcum, Matt Holloway, Kamera: Stuart Dryburgh, Schnitt: Christian Wagner, Zene Baker, Musik: Danny Elfman, Chris Bacon, Kostüme: Penny Rose, Production Design: Charles Wood, mit Tessa Thompson (Molly Wright, Agent M), Chris Hemsworth (Agent H), Liam Neeson (High T), Emma Thompson (Agent O), Rafe Spall (Agent C), Kayvaan Novak (Vungus), Rebecca Ferguson (Riza), Kumail Najiani (Stimme Pawny), Laurent & Larry Bourgeois (Alien Twins), 114 Min., Kinostart: 13. Juni 2019

Ich war nie ein besonderer Fan der MIB-Filme. Ich mag zwar Science Fiction, Comedy und Spezialeffekte, aber in dieser Kombination, wo die coolen schwarzen Anzüge und Sonnenbrillen und die Frotzeleien unter den Men in Black immer viel wichtiger waren als auch nur ein Versuch, so etwas wie eine kohärente Geschichte zu erzählen, konnte ich mich im günstigsten Fall mal anderthalb Stunden im Kinosessel berieseln lassen, aber Nährwert hatte keiner der Filme. Hin und wieder gab es nette visuelle Ideen oder schauspielerische Einzelleistungen, aber das Ganze war immer so sehr auf seine Coolness konzentriert, dass es für mich nie wirklich cool war. Wenn Will Smith im Musikvideo »Here come the men in black« sang, dann wurde bereits die gesamte »Tiefe« dieses filmischen Universums ausgelotet.

Da man so ein Multi-Millionen-Dollar-Franchise (die gesammelten Einspielergebnisse der ersten drei Filme gehen sogar über die Milliardengrenze) aber nicht brachliegen lassen kann in den heutigen kranken Zeiten der Kinobranche, versucht man das Ganze wiederzubeleben.

Men in Black International (F. Gary Gray)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Schon in den früheren Filmen tauchten am Rande mal weibliche Agenten unter den ultrageheimen Recken gegen den »scum of the universe« auf, aber diesmal steht Tessa Thompson (Valkyrie in Thor: Ragnarok, der einzige Lichtblick in War on Everyone) ganz im Zentrum der Geschichte, die anfänglich auch mal ein wenig anders aufgezogen wird, weil Molly Wright als Kind mal Zeuge einer kleinen »E.T.-Szene« wurde, wo ihre Eltern von zwei MIB-Agenten vor dem Haus neuralisiert wurden (in Deutschland heißt das »geblitzdingst«), während sie einem schnucklig-bunten Alien die Flucht ermöglicht. Fortan setzt sie alles dran, Teil der geheimen Regierungsgruppe zu werden - und ihren autodidaktisch angeeigneten Kenntnissen und Talenten kann sich Rekrutiererin Agent O (Emma Thompson) auch nicht lange entziehen.

In einem Prolog wurden ferner zwei »Superagenten« vorgestellt, die passend zum Filmtitel mal auf dem Eiffelturm die Welt retten, wobei auch noch die Gags halbwegs funktionieren. Chris Hemsworth und Liam Neeson sind als Action-Superstars auch adäquate Nachfolger für Will Smith und Tommy Lee Jones, die man auf einem Ölgemälde später mal als gehuldigte Heroen der Sektion wiedersieht.

Ein Hauptproblem für mich im Film war, dass ich Tessa Thompson zwar mag und sie auch mit viel Spielfreude dabei ist, ihr Kampf, sich in die Organisation einzuschleichen und später den Respekt als voller Agent zu erringen, wird aber so umgesetzt wie das Abenteuer einer Achtjährigen, als die sie im Film eingeführt wird. Jeder kleine moralische Sieg, jede Genugtuung, jedes Frohlocken spiegelt sich 1:1 auf ihrem Gesicht, ihre Molly hat einfach keinerlei Tiefe, und das liegt nicht an der Darstellerin, sondern am Drehbuch, das sich gänzlich an Oberflächlichkeiten entlanghangelt.

Men in Black International (F. Gary Gray)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Wenn irgendwann mal der geheime Maulwurf unter den Agenten aufgedeckt wird oder der emotionale Punch eines gestörten Vater-Sohn-Verhältnisses inmitten einer Menge von Spezialeffekten irgendeine Reaktion mit sich bringen soll, dann funktioniert das kein Stück. Im ganzen Film gibt es eigentlich keine Überraschung, selbst wenn eine Figur mal mehr Gliedmaßen hat, als man zunächst annahm, nimmt man das schulterzuckend hin.

Okay, ich oute mich jetzt mal und gebe zu, dass ich einen Aspekt der naheliegenden Storyentwicklung zwischendurch (weil es mich auch nicht wirklich kümmerte) mal aus den Augen verlor und eine gewisse außerirdische Physiognomie nicht auf Anhieb wiedererkannte. Und ich dachte auch, die Filmemacher wären so komplett ambitionslos, dass sich der kaum durch positive Eigenschaften auffallende Agent C (Rafe Spall) als Maulwurf herausstellen wird, aber das ist Makulatur, weil es keinen wirklichen Unterschied macht.

Wenn beispielsweise immer mal wieder erwähnt wird, dass Agent H (Hemsworth) sich verändert habe, weil er inzwischen »reckless«, »arrogant« und »vaguely inept« sei, dann weiß man halt, dass daraus etwas gebastelt werden wird. Und die Drehbuchautoren, die auch einst das Skript zu Iron Man schrieben, bringen ein kleines wenig mehr als die absolute Mindestmenge an Inspiration - aber es reicht einfach nicht, ein wirkliches Interesse beim Betrachter herauszukitzeln.

Men in Black International (F. Gary Gray)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Apropos Drehbuch: Vielleicht war das eine Art Ironie, die ich irgendwie nicht als solche begriffen habe, aber manche der Dialoge, der sogenannten punchlines, gefallen sich auf eine unglaubliche Art darin, dass sie nichts anderes praktizieren als »stating the obvious«: »What's wrong? You don't look so good!« - »Vungus don't feel so good...«; »I haven't seen that before.«; »Wasn't expecting that!«; »That wasn't like riding a bike at all.« usw. Das nimmt solche Ausmaße an, das man Statements wie Tessa Thompsons »I look good in black" im direkten Vergleich fast schon als besonders gewitzt bezeichnen muss.

Wie gesagt, Tessa Thompson wird nicht wirklich gefordert, Rafe Spall zeigt vielleicht am meisten Hingabe bei seiner Darstellung (hat aber eine blöde Figur zugewiesen bekommen), und so muss man sich schon mit ein wenig Fremdschämen eingestehen, dass die Spezialeffekte die besten Schauspieler sind.

Kayvaan Novak als außerirdisch-königlicher Gangsta/Pimp/Rapper Vungus ist zwar ein wandelndes Klischee, das fast an die schmerzhaften Kategorien der Karikaturen in George-Lucas-Filmen heranreicht, aber zumindest macht es Spaß, ihm zuzuschauen. Und Kumail Najiani als Stimme einer Art Calimero-Schachfigur liefert klar die beste Leistung und interessanteste Figur des Films.

Men in Black International (F. Gary Gray)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Aber das reicht einfach nicht, den Film über die Runden zu bringen. Ich bin zwar nicht aus dem Kino gerannen wie bei einigen Blockbuster-Peinlichkeiten der letzten Jahre, aber MIB International ist einfach langweilig. Zum soundsovielten Male beim Durchwandern der heiligen Hallen neue Aliens zu erblicken (darunter Jerome Boateng als Sparwitz, den durch vermutlich kaum ein US-Amerikaner verstehen wird, oder?) verliert trotz aller Bemühungen schnell an Reiz, die feministischen Bemühung, klarzustellen, dass die Men in Black längst nicht mehr nur männlichen Geschlechts sind, wirkt eher pflichtschuldig, und vor allem die Angeberei mit Anti-Alien-Wummen unterschiedlicher Größe ist ein Rohrkrepierer par excellence. Und auch die verbalen Neckereien bleiben hier klar unter dem Durchschnitt, da hätte ein vor Jahren gefeuerter Sitcom-Schreiberling vermutlich noch echte Verbesserungen einbringen können.

Es zeigt sich immer wieder, dass Filme, die eine Presse-Sperrfrist bis kurz vorm Start haben, nicht immer wegen einer Spoilergefahr unterdrückt werden, sondern man oft einfach die zu erwartende schlechte Mundpropaganda aushebeln will (selbst, wenn sie von Kritikern kommt - die sind auch nicht anders als das andere Publikum: sie schauen nur mehr und brauchen dafür nicht teuer bezahlen). Vielleicht sollte man zur Warnung des Publikums einfach mal eine ständig aktualisierte Liste ins Netz setzen, wo steht, welcher Film wie sehr »unter Verschluss« gehalten wird. Wenn man wie hier sogar die Pressevorführung auf weniger als 48 Stunden vor den ersten regulären Vorführungen setzt, so ist das meistens kein Zufall, sondern ein klares Indiz. Man darf zwar als Pressemokel nicht zu früh darüber sprechen, wie scheiße der Film ist, aber um Sperrfristen zu publizieren, muss man nicht einmal den Film gesehen haben oder irgendwas unterschrieben haben. Über Toy Story 4 durfte man zwar auch erst einen Tag nach der Vorführung sprechen, aber das war über zwei Monate vor dem Kinostart. Und, Riesenüberraschung (zumindest angesichts des eher mauen Trailers): der war toll!