Anzeige:
René Kemp: Dich gibt's nur dreimal für mich




13. März 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Der Fall Sarah & Saleem (Muayad Alayan)


Der Fall Sarah & Saleem
(Muayad Alayan)

Originaltitel: The Reports on Sarah & Saleem, Palästina / Niederlande / Deutschland / Mexiko 2018, Buch: Rami Alayan, Kamera: Sebastian Bock, Schnitt: Sameer Qumsiyeh, Musik: Frank Gelat, Charlie Rishmawi, Tarek Abu Salameh, mit Sivan Kerchner (Sarah), Adeeb Safadi (Saleem), Maisa Abd Elhadi (Bisan), Ishai Golan (David), Mohammad Eid (Mahmood), Kamel El Basha (Abu Ibrahim), Rebecca Esmeralda Telhami (Ronit), Bashar Hassuneh (Ronit's boyfriend), Riyad Sliman (Sharif), Hanan Hillo (Maryam), Amer Khalil (Judge), 127 Min., Kinostart: 14. März 2019

Sarah (Sivan Kerchner) betreibt in West-Jerusalem ein Café, Saleem (Adeeb Safadi), ein Palästinenser aus dem Ostteil der Stadt, beliefert sie. Beide sind anderweitig verheiratet, haben aber eine Affäre miteinander. Als sie entdeckt werden, geraten sie in ein Netz aus Lügen, das immer mehr eskaliert, nicht zuletzt, weil Sarahs Mann beim israelischen Militär ist.

Nun habe ich auch mal eine verheiratete Frau geküsst, habe aber eigentlich hohe Standards, was Treue etc. angeht. Im Film geht es im Grunde darum, dass ein solch »harmloses« alltägliches Vergehen solch einen Rattenschwanz an Konsequenzen und Repressalien hinter sich zieht, weil eben der Ort und die Situation es mit sich bringen. Für mich persönlich stellte dies ein gewisses Problem dar, weil ich das Vergehen eben doch als nicht alltäglich einstufe (ich habe auch keinerlei Verständnis für Leute, die beim Steuern ihres Fahrzeugs ihr Handy benutzen).

Dennoch kann ich dem Film keineswegs seine inszenatorische Intensität absprechen, selbst wenn ich die Moralvorstellungen nicht teile (wohlgemerkt geht es um keine keimende Liebe angesichts zweier liebloser Ehen, sondern einfach um ein egoistisches sexuelles side dish gegen jede Vernunft).

Der Fall Sarah & Saleem (Muayad Alayan)

© 2019 missingFILMs - Filmverleih & Weltvertrieb

Regisseur Muayad Alayan betont in seiner »Director's Note« auch, dass er seinen vier Figuren durch Jerusalem folgt, unterschiedliche Standpunkte präsentiert und dabei versucht, dem Publikum weder seinen Standpunkt noch den der Figuren aufzudrängen. Nur auf diese Art kann ein solcher Film vielleicht für mich funktionieren.

Das larger-than-life der Situationen, in denen die Figuren geraten (nicht nur die vier Ehepartner, sondern auch einige Nebenfiguren), und innerhalb dessen sie jeweils den eigenen »moralischen Kompass« ausrichten, ist es, was diesen seltsamen Fall ausmacht, was den Film unabhängig von den Moralvorstellungen etwaiger Betrachter funktionieren lässt. Es gibt zwar unschuldige »Opfer« und eher suspekte »Täter«, aber jeder einzelne versucht, mit der Situation, wie sie sich teilweise erst langsam entwickelt oder offenbart, klarzukommen. Nicht zuletzt geht es dabei natürlich auch um die Prioritisierung von Solidaritäten, zum Ehepartner, zur anderen Hälfte des Seitensprungs oder zum sozialen Umfeld, der Nation oder dem Arbeitgeber. Dadurch entstehen ganz unterschiedliche »Heldengeschichten« (zumindest wirkt ihr nahezu keine Figur grundsätzlich verwerflich in ihren Anschauungen und Aktionen - naja, vielleicht einer... aber solche Leute gibt es ja nun auch mal).

Der Fall Sarah & Saleem (Muayad Alayan)

© 2019 missingFILMs - Filmverleih & Weltvertrieb

Alayan wuchs als Palästinenser selbst im militärisch besetzten Teil Jerusalems aufgewachsen und erlebte die Interaktionen zwischen Israelis und Palästinensern hautnah mit, war auch in Westjerusalem tätig und sah dort auch, wie sich nationenübergreifende Menschlichkeit entwickeln konnte, aber von einer Sekunde auf die andere durch den gesellschaftlichen Druck solche schönen Momente erstickt werden konnten. Darüber und über die ganz eigentümliche Atmosphäre in Jerusalem handelt sein Film, wobei man in medias res geschmissen wird und Alayan einen nur bedingt bei der Hand nimmt, um die Verhältnisse zu erklären. Ein wenig Wissen sollte man schon mitbringen (da es aber heutzutage genügend Filme darüber gibt, die es auch immer mal wieder in deutsche Kinos schaffen, war dies für einen berufsmäßigen Kritiker das kleinste Problem), aber ich glaube, dass man der Handlung auch ohne politische Vorbildung ohne Probleme folgen kann.

Gerade die Nebenfiguren sind es hier, die der etwas konstruiert wirkenden Geschichte Fleisch auf die Knochen zaubern. Wenn Saleems Schwager Mahmoud Stress macht, oder die israelische Bedienstete in Sarahs Café es nicht gern sieht, dass die Chefin dem Palästinenser, der das Brot bringt, ein Getränk ausgibt, dann kommen sowohl die Zwischentöne als auch die Extreme zum Vorschein.

Der Fall Sarah & Saleem (Muayad Alayan)

© 2019 missingFILMs - Filmverleih & Weltvertrieb

In Jerusalem sind fast alle als »Astronauten« tätig, die sich zum Überleben (auch halblegale Jobs gehören dazu) durch ein oft lebensunfreundliches Umfeld bewegen müssen. Lebensgefährliche kleine Trips (quasi ohne Atemluft) gehören hier zum täglichen Leben, und vom Versteck im Fußraum der Rückbank des Liebhabers bis zur fast selbstverständlichen Folter aus Verhörzwecken scheint es nur ein winziger Katzensprung (vielleicht wird dadurch auch der Seitensprung zu etwas »normalerem«).

The Reports on Sarah & Saleem ist ähnlich wie letztes Jahr der oscarnominierte The Insult ein Beispiel für nationales Kino, das global sein Publikum findet. Ich beweine ja oft und gerne den Verlust des Kinos der 1990er / 2000er, als Autorenfilmer wie Jim Jarmusch oder Pedro Almodóvar alle paar Jahre einen Film raushauten und diese Filme (aus meiner Perspektive als Filmstudent) quasi zum Pflichtprogramm gehörten. Diese Art von Filmen verschwindet immer mehr aus den Kinos, dafür ist es gefühlt so, dass man viel mehr diese exotischen Filme zu Gesicht bekommen, die gar nicht mal automatisch schlechter sind, dem »normalen« Publikum nur nicht diese relative »Sicherheit« der verlässlichen Regiestars bieten. Rein qualitativ gehören Sarah & Saleem klar zum überdurchschnittlichen Kinoprogramm (The Insult war verglichen hiermit teilweise fast schon krude), auch wenn ich persönlich finde, dass die Wackelkamera als Übertragungsmedium für »Realismus« mitunter etwas nervig werden kann.

Der Fall Sarah & Saleem (Muayad Alayan)

© 2019 missingFILMs - Filmverleih & Weltvertrieb

LeserInnen dieser Kritik sollten zumindest eine recht klare Vorstellung davon bekommen, ob der Film etwas für sie sein dürfte. Und bei solchen Exoten hilft das schon sehr bei der Entscheidung. Einer von den guten Exoten, der einen auch inszenatorisch und mit den Figuren mitreißt.