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20. März 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (Talal Derki)


Of Fathers
and Sons -
Die Kinder
des Kalifats
(Talal Derki)

Originaltitel: Of Fathers and Sons, Deutschland / Libanon / Syrien / Katar 2017, Buch: Talal Derki, Kamera: Kahtan Hasson, Schnitt: Anne Fabini, Musik: K.S. Elias, mit Abu Osama, seinen Söhnen Ayman und Osama u.v.a., 99 Min., Kinostart: 21. März 2019

Der aus Damaskus stammende, seit 2014 in Berlin wohnende Dokumentarfilmer Talal Derki gab sich als Kriegsreporter und Anhänger der Salafisten aus, um über einen Zeitraum von zwei Jahren in der »Blütezeit des salafistischen Dschihadismus« in einer radikal-islamistischen Großfamilie im zerstörten Syrien zu dokumentieren, wie der al-Nusra-Rebellenführer Abu Osama (Lebensziel: Errichtung eines gerechten islamischen Kalifats) seine Söhne zu »Gotteskriegern« ausbildet.

Die Gefahren eines solchen Drehs lassen so eine Wallraff-Reportage in einem McDonald's-Restaurant wie einen Kindergeburtstag erscheinen, doch weil die verborgenen Absichten Derkis nie zum Vorschein kommen sollten, ist die reine Gefahrensituation auch fast nie Gegenstand der Dokumentation, denn in dem Moment, wo die hermetisch abgeriegelte Gesellschaft der Extremisten etwas geahnt hätten, wäre es selbstmörderisch gewesen, etwaiges Konfliktpotential auch noch aufzuzeichnen.

Somit schildert der Regisseur die Grundsituation seiner »Recherchen« auch nur zu Beginn aus dem Off und kann sich ganz auf das Thema seines Films konzentrieren.

Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (Talal Derki)

OFAS © Port au Prince Pictures

Vor langer Zeit, als der kalte Krieg noch wütete, sang Sting mal »I hope the Russians love their children too«, und Familienbeziehungen sind natürlich unabhängig von Anschauungen ähnlich. Gerade hier in Deutschland wirkt der Film zwar befremdlich, aber leider nicht völlig fremd, weil es hier auch mal Zeiten gab, in denen Väter und Mütter in wackerer Überzeugung ihre Söhne zwar nicht Osama, aber Adolf nannten und sie in die Hitlerjugend schickten. Und »Die Anhänger Gottes werden euch zerquetschen« finde ich jetzt auch nicht soo viel schrecklicher als das Horst-Wessels-Lied etc.

Sohn Osama (12-13), wurde am »Jahrestag«, den 11. September geboren, und sein Papa ist deshalb stolz wie Bolle. Der Knabe erinnert ein wenig an einen jungen Sean Penn (mit einem Schuss Corey Feldman) und schaffte es deshalb wohl auch aufs Filmplakat. Osama und seine Brüder verleben keine »normale« Kindheit (ist in Syrien vermutlich auch nicht möglich), aus der Sicht westlicher Zuschauer ist es natürlich auffällig (und bedauerlich), wie schlecht die Jungs in Mathe sind oder wie sie am Schultor herumlauern und andere Schüler (nicht ausschließlich Mädchen) drangsalieren wollen. Bei einem der Steinwurfe (»Gott ist groß! BUM!«) heißt es »Das ist der Bus der Lehrerin. Verflucht sollen sie sein!«, der Direktor, »ein Dreckskerl«, hat mit Papa gezankt, und schnell wurde entschieden, dass seine Söhne nicht mehr zur Schule gehen sollen (das Wichtigste fürs Leben können sie auch zu Hause lernen).

Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (Talal Derki)

OFAS © Port au Prince Pictures

Wenn der Vater mal anordnet, einen Vogel aus seinem Käfig zu befreien, weil er selbst mal inhaftiert war, selbiger Vogel aber kurz darauf das Zeitliche segnet, weil einer der Jungen ihn geköpft hat, so wie Papa es mal mit einem Mann gemacht hat, dann tun sich schon bei Kleinkindern Abgründe auf. Die Frauen, also implizit Mütter, sieht man im Film fast gar nicht, dafür geht der Vater sehr zärtlich mit seinen Söhnen um und beantwortet voller Stolz die Fragen seiner Kinder, die vermutlich nicht ausschließlich »Wie sind deine Kampfgenossen den Märtyrertod gestorben, Papa?« lauten.

Im Verlauf des Films sieht man auch, wie die Kinder in ein Trainingslager geschickt werden, um »echte Soldaten« zu werden, erschreckenderweise unterscheidet sich das aber gar nicht so sehr von der Zeit, als sie noch kleiner waren, und diejenigen, die zum »Kinderhüten« abgestellt wurden, bereits jeweils eine MG um die Schulter trugen.

Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (Talal Derki)

OFAS © Port au Prince Pictures

So interessant der »Fortschritt« der Kinder ist, haben mich einige Szenen, in denen sie gar keine Rolle spielen, aber am stärksten erwischt. Wenn Derki und sein Kameramann (auch die Islamisten haben laut Abspann hin und wieder mal die Kameraführung übernommen) versuchen, Minen zu entschärfen, ist das um einiges kniffliger als Bigelows The Hurt Locker - und bleibt auch nicht ohne Konsequenzen.

Aber die Szene, die mich am umfangreichsten erschütterte, läuft eigentlich wie eine Mauerschau ab, was bei mir selten so eindringlichen Eindruck macht (wenn es nicht gerade Michael Haneke in Benny's Video ist, der kapiert hat, dass es manchmal schlimmer ist, wenn man weniger sieht). Während eines lockeren Gespräches mit dem Regisseur schaut etwa ein bewaffneter Gesprächspartner immer wieder aus einer Schießscharte, bis er irgendwann das Gewehr anlegt und mit unverhohlener Schadenfreude (ich bin mir nicht sicher, ob das Wort der Tragweite der Situation gerecht wird) beschreibt, dass er gerade einen Zivilisten »erwischt« hat. Danach zuckt man eine Weile lang bei jedem Gewehrschuss zusammen.

Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (Talal Derki)

OFAS © Port au Prince Pictures

Die tonnenschwere Atmosphäre des Films trifft mich aber auch, wenn mal eine Zweijährige ohne Kopftuch gesehen wird, und Khetab bei seinem Vater petzt: »Erschieß sie!«. Wenn einer der Jungen selbst wegen gotteslästerlicher Reden mit einem Gartenschlauch ausgepeitscht werden sollen, sich aber solidarisch erklären, indem keiner den Schlauch holt, fühlte ich mich tatsächlich an die eigene Kindheit erinnert, als Prügel noch ein allgegenwärtiges Erziehungsmittel war (obwohl ich und mein Bruder da vergleichsweise unbeschadet durchgekommen sind und unseren Vater einfach mal zwei Tage gemieden haben, wenn wir Bockmist verzapft hatten, meistens war dann alles vergessen).

Of Fathers and Sons funktioniert gerade deshalb, weil man einerseits meilenweit entfernt ist von so einem Terroristen-Dasein, aber andererseits habe ich als Kind zwar keine Bombe aus einer PET-Flasche zu bauen versucht, aber wie es aussieht, wenn eine Spraydose in einem Feuer explodiert (nicht nachmachen, Kinder! Das war damals ein vergleichsweise kontrollierter Versuchsaufbau mit Eisentonne à la Bronx und Sicherheitsabstand...) wollten wir auch mal wissen. Nur sind wir damals nicht konzertiert zum Mörder erzogen wurden oder unsere Eltern haben beim Streit mit dem Nachbar nicht gesagt »Halt den Mund, sonst übergieße ich dich mit Benzin und zünde dich an!«

Übrigens: wer glaubt, ich habe jetzt in diesem Text schon alle menschlichen (und unmenschlichen) Abgründe des Films ausgeplaudert, den kann ich beruhigen: es war nur eine repräsentative Auswahl, niemand soll glauben, man sei »vorbereitet« auf das, was man hier zu sehen bekommt...