Anzeige:
Marc Degens: ERIWAN




21. Februar 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Can you ever forgive me? (Marielle Heller)


Can you ever
forgive me?
(Marielle Heller)

USA 2018, Buch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty, Vorlage: Lee Israel, Kamera: Brandon Trost, Schnitt: Anne McCabe, Musik: Nate Heller, Kostüme: Arjun Bhasin, Production Design: Stephen Carter, mit Melissa McCarthy (Lee Israel), Richard E. Grant (Jack Hock), Dolly Wells (Anna), Jane Curtin (Marjorie, Agentin), Ben Falcone (Alan Schmidt), Anna Deavere Smith (Elaine, Exfreundin), Stephen Spinella (Paul), Christian Navarro (Kurt), Pun Bandhu (Agent Doyle), Erik LaRay Harvey (Agent Solonas), Shae D'lyn (Nell), Rosal Colon (Rachel), Towne the Cat (Jersey), 106 Min., Kinostart: 21. Februar 2019

Es ist manchmal interessant, in den Filmographien von RegisseurInnen bestimmte Trends zu entdecken. Marielle Heller hat abgesehen von einigen Fernsehepisoden erst zwei Spielfilme umgesetzt, der erste war Diary of a Teenage Girl nach dem autobiographischen Buch (das ist keine »Graphic Novel«, liebes Presseheft, sondern ein Buch mit einzelnen Comic-Passagen und vielen Illustrationen) von Comickünstlerin Phoebe Gloeckner. Auch Can you ever forgive me? adaptiert die Autobiographie einer Autorin, der als Biographin von aus der Mode geratenen Stars wie Tallulah Bankhead oder Katherine Hepburn bekannt gewordenen Lee Israel, ehe sie ein anderes, verwandtes Talent entdeckte und dies zum Thema eines Buchs machte. Somit ging es in beiden Buchvorlagen auch um die Entwicklung eines kreativen Talents, beide Filme spielen in vergangenen Jahrzehnten, und beide Hauptfiguren haben einen unterschiedlichen LGTB-Einschlag. Über ihr nächstes Filmprojekt, A Beautiful Day in the Neighborhood, in dem Tom Hanks den Fernsehgastgeber Fred Rogers spielen wird, der von 1975 bis 2001 die Kindersendung Mr. Rogers' Neighborhood präsentierte, weiß ich bisher recht wenig, aber erneut geht es um die »wahre Geschichte« eines (diesmal männlichen) Kreativen, die sich wohl zu größeren Teilen im letzten Jahrtausend abspielt.

Can you ever forgive me? (Marielle Heller)

© 2018 Twentieth Century Fox

Introvertierte Biopics um Personen, die eher einem nur eingeschränkten Publikum bekannt sind - das sind Themen, die sich nicht unbedingt für Klassenschlager aufdrängen, wenn auch die Starbesetzung (diesmal mit Melissa McCarthy in ihrer bisher wohl nuanciertesten Darstellung) ein bisschen helfen könnte.

Im Fall von Lee Israel und ihre auf einen kleinen Teil ihres Lebens beschränkte Geschichte könnte eine kurze Zusammenfassung geradezu reißerisch wirken, aber im Film wird dies so lapidar alltäglich geschildert, wie es vermutlich auch stattgefunden ist. Die ehemals (für ihr Gebiet) recht erfolgreiche Autorin schlägt sich mit einem Schreibblock herum, erhält von ihrer Agentin kaum Unterstützung (»I don't think the world's ready for a new Fanny Brice biography!«), gerät mit den Monatsmieten in Verzug - aber trotz aller Sympathie für die Figur ist sie auch selbst mitschuldig (»I'm a 51 years old woman who likes cats better than people«). Als ihre geliebte Katze Jersey (Towne the Cat) erkrankt, sie aber noch nicht einmal die vorhergehende Tierarztrechnung beglichen hat (auf die Idee, einen anderen Arzt aufzusuchen, kommt sie offenbar nicht), fühlt sie sich im Kampf um Leben und Tod des geliebten Haustieres unter Druck gesetzt und verkauft einige Originalbriefe bekannter Persönlichkeiten aus ihrem Besitz. Dies offenbart sich in den New Yorker Intellektuellenkreisen Anfang der 1990er als unerwartet lukrative Geldquelle und als ihre Vorräte diesbezüglich zur Neige gehen, wird sie zunehmend erfinderischer und professioneller im Fälschen solcher Briefe.

Can you ever forgive me? (Marielle Heller)

© 2018 Twentieth Century Fox

Hierbei geht es gar nicht unbedingt um unglaubliche Superstars und lange handschriftliche Abfassungen, sondern um die zu den vermeintlichen Verfassern passenden besonderen Tonfälle. Und da sich Lee mit Dorothy Parker, Lillian Hellman, No√´l Coward und Konsorten gut auskennt, floriert das Geschäft sehr bald (»The P.S. is priceless«; »name your price!«).

Nebenbei befreundet sie sich mit dem ebenfalls erfolglosen Autor Jack Hock (Richard E. Grant, bekannt aus Filmen wie Withnail and I, The Player, Gosford Park, Hudson Hawk oder The Age of Innocence), der viele Interessen und Standpunkte mit ihr teilt (u.a. Misanthropie, Sarkasmus und Alkoholismus) und dem sie schließlich ihre Nebeneinnahme beichtet (»I'm embellishing documents«). Da Jack ein kleinkrimineller Drogendealer mit Gefängnisvergangenheit ist, will er gerne mithelfen, hat auch bestimmte Grundinstinkte, weiß aber Lees besonderes Talent nicht so recht zu schätzen. Schließlich werden die beiden vom FBI gesucht und von einem Buchhändler erpresst.

Can you ever forgive me? (Marielle Heller)

© 2018 Twentieth Century Fox

KritikerkollegIn Käte Infektiös war im Facebook-Block Queer View ein wenig erbost darüber, dass der Film die lesbische Grundeinstellung von Lee lange Zeit quasi »verschweigt« (meine Wortwahl), auch wenn die Grundeinstellung, dass eine lesbische Hauptfigur nicht vorrangig über ihre Sexualität definiert werden muss, generellen Anklang bei Käte fand.

Ich muss zugeben, dass ich beim Auffinden toter Fliegen auf Lees Kopfkissen an keinerlei lesbische Filmklischees (lesbian bed death) dachte, sondern mich eher daran störte, wie unglaubwürdig später der Grund für den Schädlingsbefall ihrer Wohnung inszeniert wurde (aber andererseits mag ich auch keine CGI-Fliegen, die unnötig das Budget belasten).

Can you ever forgive me? (Marielle Heller)

© 2018 Twentieth Century Fox

Dennoch ist Can you ever forgive me? ein im Tonfall (mittlerweile) außergewöhnlicher Film um ein kleine vergangene Literaturnische, der ganz auf den kolossalen Schauspiel-Leistungen von McCarthy und Grant aufbaut. Ich nehme auch an, dass ich dadurch, dass ich bibliophil genug bin, selbst im Regal Werke von Hellman, Parker, Hepburn oder Grant (!) stehen zu haben, einen Zugang zum Sujet habe, der heutzutage eher selten sein dürfte. Melissa McCarthy erinnerte mich im Film übrigens an einen alten Stummfilmstar, der in weiblicher Ausführung vielleicht Wilma Claudia Fields heißen könnte...

Hier noch ein Dialog, der zumindest im Ansatz den besonderen Charme der beiden Hauptfiguren rüberbringen sollte. Jack und Lee treffen sich nach einiger Zeit in ihrer liebsten Kaschemme, wobei Jack sich gerade verabschiedet hat und mit einer Gehhilfe davonschreitet...

Lee: »I had such an urge to trip you right there!«
Jack: »Oh, oh... You're a horrible cunt, Lee!«
Lee: »You're too, Jack!«

Eine dergestalte Liebeserklärung erreicht mich einfach tief drinnen.