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28. November 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Matangi / Maya / M.I.A (Steve Loveridge)


Matangi / Maya / M.I.A
(Steve Loveridge)

USA / Großbritannien / Sri Lanka 2018, Produktion: Steve Loveridge, Kamera: Graham Boonzaaier, Catherine Goldsmith, Matt Wainwright, Schnitt: Marina Katz, Gabriel Rhodes, Musik: Dhanei Harrison, Paul Hicks, mit Maya Arulpragasam, Justine Frischmann, Steve Loveridge u.v.a., 95 Min., Start: 22. November 2018

Ich muss zugeben, dass mir der internationale Superstar M.I.A. vor dem Film kein Begriff war. Nicht mal so ein bisschen. Trotz Oscar-Nominierung, umstrittenem Auftritt (mit Madonna) bei der Superbowl-Halftime-Show oder einem offenbar durch alle Gazetten geisternden Kommentar über »Trüffel-Pommes«. Meine musikalische Phase war in den 1980ern und vor allem 90ern, als kaum eine Woche verging, in der ich nicht den NME las und mir 1-3 neue CDs kaufte, öfters drei- bis viermal im Monat nach Hamburg fuhr und teilweise wenig bekannte Acts live sah (z.B. Babes in Toyland, Buffalo Tom, Drugstore, Echobelly, Grant Lee Buffalo, Juliana Hatfield, Luscious Jackson, Madder Rose oder Sugar, deren Live-Gigs ich jeweils mehrfach besuchte), eine Zeitlang das Roskilde-Festival frequentierte usw.

Nach und schon während meines Studiums (1999-2008) wurde das immer weniger, und weil ich fast nie Radio höre und in der Glotze ja nur noch sehr eingeschränkt Musik präsentiert wird (und Streaming so gar nicht mein Ding ist), kamen da auch immer weniger neue Acts dazu. Ich kaufe mir zwar noch immer regelmäßig neue Silberlinge (vielleicht drei bis acht im Jahr, incl. Nostalgie-Produkte), die etwa Interpreten wie Damon Albarn, Beck, die Eels, PJ Harvey, Stephen Malkmus, New Order oder Tocotronic auf den Markt schmeißen, aber es kommen auch kaum noch »junge« Formationen dazu, die mich wirklich begeistern. Da könnte ich jetzt höchstens Dota Kehr, Garfunkel & Oates, LCD Soundsystem, Lorde oder The Xx nennen. Meines Erachtens noch halbwegs breit gefächert, aber eben kein Überblick mehr, sondern nur vereinzelte Stichproben, die ich mal irgendwo auf unterschiedliche Weise kennengelernt habe.

Den meisten Lesern mag es absurd vorkommen, aber die meiste »aktuelle« Musik lerne ich tatsächlich im Kino kennen. Bei ca. 200 Filmen im Jahr kommt da durchaus was zusammen, und wenn mir ein Track wirklich gut gefällt, organisiere ich mir den auch schon mal, bezahle sogar hin und wieder für einen einzelnen Download, weil bei der Internet-Entnahme nie die kriminelle Energie entwickelt habe, die heutzutage Standard zu sein scheint.

Matangi / Maya / M.I.A (Steve Loveridge)

Bildmaterial: Rapid Eye Movies

Genug geschwafelt, ein paar Sätze zum Film. M.I.A. heißt ursprünglich Mat(h)angi Arulpragasam und stammt aus Sri Lanka. Als Kind, genauer gesagt 1985, landete sie mit ihrer Familie im Südwesten von London, nur ihr Vater verblieb in der Heimat und soll angeblich die »Tamil Resistance« gegründet haben, was ihn in den Augen mancher zu einem waschechten Terroristen macht (die exakte Sachlage bleibt aber auch nach Sichtung des Films eher unklar).

In den 1990ern studierte die mittlerweile Maya genannte junge Frau bildende Kunst mit Schwerpunkt Film und Video (als einzige Nicht-Weiße auf der Uni) und lernte dabei den späteren Regisseur dieses Films kennen, der zu einem viel späteren Zeitpunkt, als der Name M.I.A. einem Filmprojekt eine vernünftige kommerzielle Grundlage bot, Zugriff auf reichhaltiges Filmmaterial erhielt, denn Maya führte längere Zeit eine Art Video-Tagebuch.

Im Film wird nun gezeigt, wie Matangi (ich springe mal passend zum Filmtitel ein wenig zwischen den Namen hin und her) beispielsweise ihre Wurzeln in Sri Lanka erkundete (inkl. ihrer Faszination für die »Tamil Tigers«, einer aus jungen Frauen bestehenden Widerstandsbewegung): »All the time I had been denying the life I had spent in Sri Lanka!«

Matangi / Maya / M.I.A (Steve Loveridge)

Bildmaterial: Rapid Eye Movies

Sie wurde zur besten Freundin von Elastica-Frontfrau Justine Frischmann (»Their music wasn't my music.«, »I've never been inside a house in Notting Hill!«), was meiner ganz persönlichen musikalischen Anbindung an den Film entspricht, denn diese Band hatte ich tatsächlich mal in Roskilde auftreten gesehen und über Justines Beziehung zu Blur-Sänger Damon Albarn war auch die Sängerin (trotz überschaubarem Erfolg) mir durchaus ein Begriff - und eine positive Überraschung im Kinosessel.

Regisseur Loveridge erklärt im Presseheft mehrere wichtige Punkte seiner Herangehensweise: »Ich wollte nicht, dass ihre starke Persönlichkeit (während der Schnittphase) Einfluss auf den Film nimmt.« Er wollte auch keinen Film über den Popstar M.I.A. machen, was er seiner Protagonistin sehr früh erklärte: »Ich mache keinen Film über das, was schon da ist, also deine Alben, deine Veröffentlichungen, deine Arbeit. Das alles gibt es da draußen, und wer will, kann es finden. Das hier wird ein Film über dich

Loveridge erklärt den Film als seine ganz persönliche Reise, und über die unterschiedlichen Facetten auch der Frühzeit Mayas, als sie noch keinen wirklichen Drive hatte, Musikerin zu werden, selbst wenn sie ihre »westliche Identität« größtenteils über Musik erhielt. Und daraus formt sich langsam ein Bild der späteren Künstlerin, bei der viele der provokanten Details vor allem wie PR-Gags wirken, obwohl sie tief in ihrem Wesen verwurzelt sind.

Matangi / Maya / M.I.A (Steve Loveridge)

Bildmaterial: Rapid Eye Movies

Bei einer Busfahrt bei ihrem späteren Ausflug nach Sri Lanka wird sie etwa von Soldaten belästigt. Man erfährt nebenbei, dass eine tamilische Frau vergewaltigt worden war und man danach eine Handgranate in ihrer Vagina explodieren ließ, »um Beweise zu vernichten«. Im Bus beruhigt Mayas Mutter sie: »Wenn du jetzt was sagst, zerren sie uns in den Dschungel, töten uns da, und keiner wird sich darum scheren.«

Viel später dreht M.I.A. das Musikvideo Born Free, in dem unzählige rothaarige junge Männer von Polizisten brutal in einen Bus gedrängt werden, durch ein Minenfeld gejagt oder erschossen werden. Wegen der Rotschöpfe und des Filmbluts gab es einen Riesenstress, das Video wurde sogar von youtube entfernt - und M.I.A. fragt sich, warum sich für die realen Erschießungsvideos vergleichsweise kaum jemand interessiert.

Im Film kann man auch schön miterleben, wie der Popsängerin bei den ganzen (durchaus oft gezielt initiierten) Aufregungen oft das Wort im Munde umgedreht wird, weil die Medien durchaus an den Skandalen und dem scheinbar durchgedrehten Superstar interessiert sind - aber weitaus weniger an ihren politischen Aussagen, die gerne marginalisiert werden. Eines der bevorzugten Argumente gegen M.I.A. ist, dass man sie als Migrantin und Verfechterin bestimmter Rechte nur eingeschränkt ernstnehmen kann, wenn sie gleichzeitig mit einem Cockney-Akzent spricht, der an Mick Jagger erinnert.

Matangi / Maya / M.I.A (Steve Loveridge)

Bildmaterial: Rapid Eye Movies

Mit meiner persönlichen Perspektive auf das Geschehen im Film (ohne die ganzen Vorab-Einschätzungen eines »eingeweihten« Publikums) finde ich aber, das gerade in der zweiten Hälfte des Films der Popstar durchaus eine Rolle spielt. Gefühlt jeder Hit wird mal eingespielt, jedes Skandalvideo sieht man in Ausschnitten - was für mich durchaus von Vorteil war, weil mir ja all dieses Infos sonst unbekannt gewesen wären, weil der household name M.I.A. es halt nicht bis zu meinem Haushalt geschafft hatte. Ich war beispielsweise baff erstaunt, dass eines von M.I.A.s Alben es in der entsprechenden Jahresliste des Rolling Stone sogar vor Back in Black von Amy Winehouse schaffte. Ich bin mir sicher, dass ich dieses Album damals wahrgenommen haben muss (ich durchforste gerne Jahreslisten und kaufe mir auch gerne mal am 23. Dezember noch irgendwelche Kritikerfavoriten), aber ich habe dieses Wissen später komplett wieder verdrängt aus meinem Hirn. Vermutlich habe ich damals sogar irgendwelche Videos von M.I.A. auf youtube angeschaut, doch sie haben mich wohl (auch, weil mir der komplette Hintergrund fehlte) nicht so richtig erreicht.

Nach dem Film hatte ich tatsächlich nicht übel Lust, mich mal durch M.I.A.s Karriere zu klicken und mir durchaus auch mal eine ihre CDs anzuschaffen, da ich aber einer von weltweit ca. 17 Online-Redakteuren bin, die Wert darauf legen, zuhause offline zu bleiben (reiner Selbstschutz), habe ich dies bisher versäumt.

Sorry, dieser Text wurde mal wieder extrem autobiographisch, aber ich bin als Mensch eigentlich ganz anders als der »typische« Journalist. Ich stehe zu meinen Wissenslücken und schreie nur dann laut »Ich versteh' von allem was!«, wenn ich mir einigermaßen sicher bin, dass mein Publikum die Ironie dieses Donald-Duck-Zitats zumindest im Ansatz erkennt. Ich will's nicht beschreien, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich den Film als M.I.A.-Experte vielleicht nicht so gut gefunden hätte, weil ja auch die ganzen kleinen Infos für mich allesamt hochinteressant waren. In Dokus über Themen, bei denen ich mich auskenne, sehe ich ja auch viel deutlicher die Fehler, die Auslassungen usw. - somit gehören bei dieser Filmeinschätzung für mich die (fehlende) Expertise und das Werturteil irgendwie zusammen.

Wer keinen Schimmer von M.I.A. hat und sich von teilweise arg verpixeltem Material nicht scheuen lässt, sollte sich bei einer gewissen Affinität durchaus mal ins Kino wagen. Wer eh' schon Fan ist, benötigt meine Meinung auch nicht.


Unbedingt noch kurz erwähnen möchte ich ein amüsantes Detail in den Untertiteln: Der Superbowl ist mitnichten ein »Superball«!