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17. Oktober 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Dogman (Matteo Garrone)


Dogman
(Matteo Garrone)

Italien / Frankreich 2018, Buch: Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Matteo Garrone, Kamera: Nicolai Brüel, Schnitt: Marco Spoletini, Musik: Michele Braga, Kostüme: Massimo Cantini Parrini, Szenenbild: Dimitri Capuani, mit Marcello Fonte (Marcello), Edoardo Pesce (Simone), Nunzia Schiano (Simones Mutter), Adamo Dionisi (Franco), Francesco Acquaroli (Francesco), Alida Baldari Calabria (Alida), Gianluca Gobbi (Restaurator), 102 Min., Kinostart: 18. Oktober 2018

In der Titelrolle des Dogman, eines Hundefriseurs, liefert Marcello Fonte eine melancholisch-tragische Meisterleistung. Sein Marcello ist ein Underdog, der sich fügt, der treu und loyal agiert, selbst wenn er geschlagen wird wie ein Straßenköter. Dabei zeigt er inmitten der Mächtigeren (oder Rücksichtsloseren), vor denen er kuschen muss, als einziger eine tiefe Menschlichkeit. Bis er irgendwann zu weit getrieben wird und auch mal zurückbeißt. Was einen als Betrachter tieftraurig stimmt, aber auch notwendig erscheint.

Schon vom Typ her erinnert Marcello Fonte an die sprichwörtlichen Prügelknaben, an Darsteller wie Peter Lorre oder Dustin Hoffman (z.B. als Ratso Rizzo in Midnight Cowboy). Auch an Steve Carell und Ilja Richter musste ich mal denken, und ich drifte ab in einen Bereich außerhalb der politischen Korrektheit. Ich möchte aber klarstellen, dass Marcello abgesehen von seiner Fügbarkeit keinerlei negative Aspekte hat - er stellt ein Paradebeispiel für den mentsch dar - und mit Religion hat der Film sehr wenig zu tun.

Dogman (Matteo Garrone)

Foto: Greta De Lazzaris © AlamodeFilm

Eine leicht geduckte Körperhaltung, aber auch eine Art Verbundenheit mit seinen vierbeinigen Klienten - selbst wenn diese mal doppelt so schwer wie er oder gemeingefährlich bissig ausfallen. Er nimmt sich Zeit für jeden seiner Kunden und selbst ein Zerberus kann im warmen Luftstrahl des Haarföhns plötzlich sanftmütig werden. So viel Zeit wie Marcello für »seine« Hunde aufbringt, hat kaum einer seiner Nachbarn für ihn übrig.

Inmitten der verschworenen und mindestens halbkriminellen Gemeinde der Nachbarn gibt es einen Fremdkörper, den Ex-Boxer Simone (Edoarde Pesce), der sich bei Marcello sein Rauschgift holt, dabei aber immer weniger in die Rolle des »Kunden« passt, sondern sich Marcello gefällig macht. Er verschuldet sich immer mehr, muss kaum in Drohgebärden verfallen, weil Marcello ein naturgegebenes Harmoniebedürfnis hat, das ihn immer mehr in den Dreck zieht, weil Simone ein ums andere mal idiotischere, nie über den nächsten Schuss hinwegblickende Ideen hat - und in seine Machenschaften zieht er auch Marcello mit hinein. Ohne dabei zu registrieren, dass sein vermeintlicher »Lakai« (so behandelt er ihn zumindest) ganz klare Moralvorstellungen und Grenzen vertritt.

Dogman (Matteo Garrone)

Foto: Greta De Lazzaris © AlamodeFilm

Denn er muss nicht nur für seine kleine Tochter Alida sorgen, sondern auch für die Hunde im heruntergekommenen süditalienischen Küstenstädtchen tritt er ein. Selbst, wenn er sie nicht aus seinem Friseursalon kennt, sondern Simone bei einem Einbruch einen unliebsamen kleinen Kläffer einfach mal im Kühlschrank »kaltstellt«.

Auch wenn sich der große Konflikt des Films eher langsam herausstellt, erkennt man die Richtung schon sehr früh, es ist nur so, dass sich die Einsätze durchweg erhöhen. Vor allem, weil Simone quasi jedes Mal ein größeres Loch gräbt, um eine frühere Grube zuzuschütten. Und man weiß ziemlich sicher, dass früher oder später einer der innocent bystanders (zumindest vergleichsweise trifft das mit der Unschuld zu) in so einem unnötig ausgehobenen Loch landen wird.

Dogman (Matteo Garrone)

Foto: Greta De Lazzaris © AlamodeFilm

Schon bei einem sehr frühen Auftritt Simones demonstriert dieser, dass er sich keinen Deut um sein Umfeld schert, nur an seinem eigenen, eigentlich immer kurzfristigen, Wohl interessiert ist. So will Simone nur Stoff (»Hast Du Kokain?«), alles andere interessiert ihn nicht (»Ja, aber meine Tochter ist hier.«). Und weil Marcello sein Rückgrat während des Films noch entwickeln muss (wobei ich zugeben muss, dass man sich einem brutalen Wüterich wie Simone auch nicht im Beisein der kleinen Tochter entgegenstellen sollte...), lässt Marcello sich erweichen - und Simone zeigt gleich mal, wie seine I-don't-care-Mentalität sich auswirkt: trotz Marcellos Erinnerung »Meine Tochter ist hier! Kannst Du das nicht verstehen?« zieht er sich seine line augenblicklich und gleich dort rein.

Dogman entwickelt sich wie eine sehr seltsame Mischung aus einer sozialrealistischen Milieubeschreibung wie bei den Brüdern Dardenne und einer harten crime story wie bei den Coen-Brothers. Im Grunde vom ersten bis zum letzten Moment immens geradlinig (wie eine Shakespeare-Tragödie), aber gleichzeitig auch mit Raum für kleine Nebenschauplätze und Kapriolen, die die vermeintliche Schwarz-Weiß-Zeichnung auch ein wenig konterkarieren. So spielt auch Simones Mutter eine wichtige Rolle in der Geschichte und zwischenzeitig zeigt Simone auch mal so etwas wie Freigiebigkeit (oder sogar Mitempfinden?), wenn er eine (zwar implizit rein merkantile) Romanze mit einer engelsgleichen jungen Frau für Marcello anzettelt.

Dogman (Matteo Garrone)

Foto: Greta De Lazzaris © AlamodeFilm

Die Kontraste zwischen schwarz und weiß sind hier zwar sehr ausgeprägt, aber reines Schwarz und Weiß liegt auch nicht vor, innerhalb der dunklen und hellen bereiche gibt es doch erkennbare Schattierungen - nur der graue Mittelbereich scheint fast komplett ausgespart. Wenn auch nicht mit schwarz und weiß findet man diese Gewichtung auch im sehr erdfarbenen Plakat wieder, das auf mich wirkt wie eine dreckige kleine Skulptur.