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4. Oktober 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die defekte Katze (Susan Gordanshekan)


Die defekte Katze
(Susan Gordanshekan)

Deutschland 2018, Buch: Susan Gordanshekan, Kamera: Julian Krubasik, Schnitt: Frank J. Müller, Musik: Sebastian Fillenberg, Kostüme: Katharina Jutta Schmidt, Production Design: Markus Dicklhuber, mit Pegah Ferydoni (Mina), Hadi Khanjanpour (Kian), Henrike von Kuick (Sophie), Constantin von Jascheroff (Lars), Arash Marandi (Masoud), Kianoosh Sadigh (Maryam), Azar Shahidi (Frau Torabian), Mahdokht Ansari (Rawi), Marzieh Alivirdi (Frau Faridani), Massud Rahnama (Herr Faridani), 93 Min., Kinostart: 4. Oktober 2018

Der deutsch-iranische Arzt Kian (Hadi Khanjanpour, Bad Banks) ist frustriert von suboptimal verlaufenden Blind Dates und geht zu einem »traditionellem« Matchmaker, etwas später reist die Elektroingeniörin Mina (Pegah Ferydoni, Türkisch für Anfänger), der Verlauf der Ehe setzt die (ausgesparte) Hochzeitsnacht vor das eigentliche Kennenlernen.

Während Kian wegen Karriereambitionen Überstunden im Krankenhaus macht, langweilt sich Mina in der (mehr oder weniger gemeinsam) neu eingerichteten Wohnung. Die verhaltensauffällige neue Katze (ein Gendefekt sorgt für den Filmtitel), die sie sich (ungefragt) als Gesellschaft besorgt, lässt die Unterschiede in der Mentalität der Eheleute nur noch stärker hervortreten (»Die scheint ja wirklich eine Macke zu haben...« - »Na und? Willst Du damit sagen, dass alle gleich sein müssen?«).

Die defekte Katze (Susan Gordanshekan)

© Alpenrepublik

Mina ist eine selbstbewusste Frau, die unbedingt auch in ihrem Job arbeiten will (auch wenn das anfänglich wegen der fehlenden Deutschkenntnisse nicht klappen will), Kian ist zwar aufgeschlossen, hat aber ein eher patriarchales Bild von der Rollenverteilung.

Als Mina dann auch noch mehr oder weniger gezwungenermaßen eigene Initiative aufbringt, Deutschland und neue Leute kennenzulernen (Schwimmbadbesuche, ein Tanzabend und ein »Deutsch als Fremdsprache«-Kurs), erwacht in Kian auch noch eine Tendenz zur Eifersucht, die alles noch schlimmer macht.

Die defekte Katze (Susan Gordanshekan)

© Alpenrepublik

Als Zuschauer leidet man mit den beiden sympathischen Darstellern mit, erkennt hier und da, wie wenig dazu nötig wäre, die Situation zu entschärfen - und welche winzigen Details dafür sorgen, das alles zusätzlich aus dem Ruder läuft.

Regisseurin Susan Gordanshekan, selbst Tochter iranischer Eltern in Deutschland, geht mit viel Einfühlungsvermögen auf ihre Figuren ein, ist aber ein wenig zu sehr auf der Suche nach großen symbolischen Bildern für die unterschiedlichen Probleme. Die Katze wird zum Symbol der missverstandenen Ehefrau, die an einem Punkt ähnlich »eingesperrt« wird, das Hallenbad zur Repräsentation der westlichen Zivilisation, die nach anderen Regeln verläuft.

Die defekte Katze (Susan Gordanshekan)

© Alpenrepublik

Und wenn man schon mal einen solchen Drehort und eine Unterwasserkamera zur Verfügung hat, werden diese auch umfassend genutzt.

Doch dieses um-die-Ecke-zu-den-Produktionsumständen-Weiterdenken ist schon Meckern auf hohem Niveau, denn die Geschichte entwickelt sich ohne allzu deutliche dramaturgische Holperer, die Vorbereitung bestimmter Konflikte mag etwas erzwungen wirken, aber nie unrealistisch. Auch die Nebenfiguren wie Constantin von Jascheroff als Mann einer medizinischen Kollegin oder Arash Marandi als netter Landsmann aus dem Sprachkurs sind gut ins Buch eingearbeitet und betonen die Probleme, die in einem reinen Kammerspiel weniger stark wirken würden.

Die defekte Katze (Susan Gordanshekan)

© Alpenrepublik

Selbst die sexuelle Annäherung wird sensibel eingeflochten (»Ich kriege keine Luft...« - »Ich dachte, Du erwartest das von mir...«) und es gibt einige wirklich nette Ideen: Etwa die Szene wo Mina vor dem Spiegel steht und einige Stroboeffekte bereits die Überblendung in die Disco vorwegnehmen. Oder der gemeinsame Fahrausflug (Mina hat einen iranischen Führerschein, der offenbar auf gänzlich anderen Verkehrsregeln basiert). Und nicht zuletzt die eine Szene, wo Kian mal bestimmte Regeln überwindet und seine Frau in »sein« Krankenhaus schmuggelt.

Von den traumhaften Szenen im Schwimmbad hätte ich wie gesagt gerne ein paar weniger gehabt, aber die sind zumindest alle gut durchdacht. Und dass ich es nicht mag, wenn man Tierdarstellern (oder Babys) über die Tonspur andere Verhaltensweisen aufdrückt, ist eher mein ganz persönliches Problem (aber wenn die Katze komplett freiwillig und sehr zügig in einen Transportbehälter springt, passt das so gar nicht zu ihrem sonstigen Betragen).

Aber das sind alles Kinkerlitzchen, der Film ist grundsolide und grundsympathisch, mit vielen Ideen, die auch allesamt durchgezogen werden. Nahezu furchtlos für ein Filmdebüt.