Anzeige:
Marc Degens: ERIWAN




26. September 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ava (Léa Mysius)

Magdas Apokalypse (Chloé Vollmer-Lo, Carole Maurel)



Ava
(Léa Mysius)

Frankreich 2017, Buch: Léa Mysius, Paul Guilhaume, Kamera: Paul Guilhaume, Schnitt: Pierre Deschamps, Musik: Florencia Di Concilio, mit Noée Abita (Ava), Laure Calamy (Maud), Juan Cano (Juan), Tamara Cano (Jessica), 105 Min., Kinostart: 27. September 2018

Magdas Apokalypse
(Chloé Vollmer-Lo, Carole Maurel)

Originaltitel: L'Apokalypse selon Magda, Frankreich 2016, Scenario: Chloé Vollmer-Lo, Zeichnungen, Farbe: Carole Maurel, Übersetzung: Uwe Löhmann, Lettering, Covergestaltung: Malena Bahro, 192 Seiten, ISBN: 978-3-26219-026-2

Ich bin auch nur menschlich - und dazu nicht unbedingt wohlhabend. Deshalb lasse ich mich auch immer mal wieder (2-3x im Jahr oder so, wenn ich meine Tätigkeit für Alfonz nicht mitzähle) darauf ein, mir Rezensionsexemplare von Comics, Filmbüchern oder DVDs zuschicken zu lassen. Es ist keine böse Absicht, aber es kommt schon mal vor, dass dann die entsprechenden Rezensionen etwas auf sich warten lassen oder gar nicht erstellt werden, weil mir einfach die Abfertigungs-Routine und der Deadline-Druck der Kinostarts in diesen Bereichen fehlen. Verglichen mit einem Großteil der Journalisten-Kollegen bin ich vermutlich immer noch ein Musterknabe, aber weil ich um meine Schwäche weiß, versuche ich mich beim Bestellen auch wirklich zurückzuhalten.

Um so schöner, wenn ich bei einem Comic wie Magdas Apokalypse, der vor ziemlich genau einem Jahr erschien, ohne äußeren Druck dazu komme, meine Bringschuld doch noch zu leisten (inwiefern dem Splitter-Verlag das jetzt noch etwas bringt, wage ich nicht einzuschätzen). Denn eine Doppelrezension mit dem thematisch sehr ähnlich verorteten Film Ava drängt sich für mich einfach auf.

Magdas Apokalypse (Chloé Vollmer-Lo, Carole Maurel)

© 2017 Splitter Verlag GmbH & Co. KG

In beiden Fällen geht es um ein junges Mädchen (Magda erlebt während der Handlung des Comics ihren 13. Geburtstag, Ava soll laut Film 13 sein, wird aber, wie aufgrund der zahlreichen Nacktszenen fast jedem klar sein sollte, von einer 18jährigen gespielt), aus dessen Sicht wir die Handlung erleben (nein, Ava ist kein in subjektiver Kamera gedrehter Film, ihr wisst schon, was ich meine). Beide Mädchen haben eine eher düstere Vision ihrer Zukunft. (Es ist keine Absicht, dass viele meiner Formulierungen besonders auf Ava abgestimmt zu sein scheinen. Ich habe sogar versucht, dies zu vermeiden, aber es drängt sich einfach auf...)

In Magdas Welt wird nach einem kurzen Flash Forward (der bereits Informationen enthält, die ich euch in meiner Inhaltsangabe vorenthalten werde) der Weltuntergang konstatiert, etwas gedankenlos und gefällig in genau einem Jahr. Das folgende Jahr wird dann in den Kapiteln auf die üblichen Jahreszeiten heruntergebrochen, wodurch es üblich symbolkräftig für ein ganzes Leben steht (»der Herbst des Lebens«) und wenig überraschend mit dem Frühling beginnt.

Ava (Léa Mysius)

© 2018 Eksystent Distribution Filmverleih

Bei Ava spielt die gesamte Handlung in einem Sommer, genauer gesagt sogar während eines Sommerurlaubs (da die Kinder in Magdas Apokalypse sich auch wenig um die Schule scheren, ist die Situation ähnlich: man kann sich ganz auf die wichtigeren Dinge des Lebens konzentrieren). Besonders hübsch fällt hier der »Anstoß« der Filmhandlung aus: Ava schlummert in der Sonnenglut nahe des Badeufers und ein des Weges kommender großer schwarzer Hund bedient sich bei der Portion Pommes, die auf ihrem Bauch abgestellt ist.

Während Ava im Verlauf des Films dem Hund folgt, sein Herrchen kennenlernt und sich zeitweise um beide »kümmert«, bestimmen auch Arztbesuche die Handlung. Ava leidet an Ritinis Pigmentosa, einer fortschreitenden Nachtblindheit. Bedeutet: zu Beginn des Films kann sie im Dunkeln schlecht sehen, relativ schnell verliert sie aber ganz ihr Augenlicht.

Ava (Léa Mysius)

© 2018 Eksystent Distribution Filmverleih

Für beide Mädchen, die noch am Beginn ihrer Pubertät stehen, entwickelt sich somit eine Art YOLO zum Quadrat: Die wenige verbleibende Zeit muss genutzt werden, in der typisch jugendlichen Weise: intensiv, bedenkenlos und etwas selbstzerstörerisch. Die zuvor starke Bindung an die Familie wird in beiden Fällen durchbrochen, das (deutlich veränderte) Familienleben spielt sich mehr am Rande ab, während man sich mit rasanter Geschwindigkeit dem Abenteuer der Liebe hingibt und der Lebensstil deutlich auf die zuvor geltenden Regeln pfeift. Beide Mädchen streifen fast wie »Gesetzlose« durchs Leben, bilden jeweils mit einem etwas älteren Jungen so eine Art unbekümmertes »Bonnie & Clyde«-Paar.

Eine weitere Parallele sind Zukunftsvisionen bzw. Träume. In Magdas Apokalypse erahnt man, dass das Zielpublikum eher so im Alter der Hauptfigur angesiedelt wurde, und die Träume fallen im Vergleich zu den realen Ereignissen eher harmlos aus. Bei Ava indes sind die Träume sehr prägend für die Gesamthandlung, denn sie verraten viel darüber, welche Ängste Ava durch den Kopf spuken.

Magdas Apokalypse (Chloé Vollmer-Lo, Carole Maurel)

© 2017 Splitter Verlag GmbH & Co. KG

[Unwahrscheinlich, dass es jemandem entgangen wäre, aber ich werde es noch mal ganz konkret sagen: der zweite und dritte Auszug aus Magdas Apokalypse (direkt hier drüber bzw. drunter) stammen von der selben Seite, die ich pietätlos und schnöde »kaputtgeschnippelt« habe, weil ich befürchtete, ein riesiger Bildblock hätte den Text zu sehr »zerrissen« (und man sich so besser auf den Text - auch in den Sprechblasen - konzentieren kann). In einer perfekten Welt hätte ich auch nicht die im Dezember angefertigten Scans des Comics verloren, weshalb ich auf eher spärlich im Netz vorhandene Materialien zugreifen musste.]

Magdas Apokalypse (Chloé Vollmer-Lo, Carole Maurel)

© 2017 Splitter Verlag GmbH & Co. KG

Ihre Mutter, die sich zu Beginn des Films wünscht, der ansässige Arzt wäre tot (weil er durch seine Diagnose der aus Mutter Maud, Tochter Ava und Kleinkind Inèz bestehenden Familie den Urlaub versaut hat), hatte für den Urlaub ganz offensichtlich eigene Pläne und steigert sich eifrig in einen Urlaubsflirt, der Ava in ihrem jugendlichen Egoismus nicht recht ist. Einerseits will sie nicht von der besorgten Mutter dauerhaft umtüdelt werden (die Mutter gibt sich durchaus Mühe, wichtige Mutter-Tochter-Gespräche zu führen, die vielleicht in den Vorjahren etwas vernachlässigt wurden), andererseits soll sie aber schon am besten zur Verfügung stehen und nicht mit irgendeinem dunkelhäutigen »Gigolo« herumpoussieren.

In Avas erstem Traum (im Nachhinein kann man die Grenzen zwischen Traum und Realität recht gut ziehen) hat die Mutter sehr viele Blumen bekommen, ihr kleines Schwesterchen Inèz hat plötzlich keine Augen mehr, dann verlustiert sich ihre Mutter mit dem Hundeherrchen (schwelende Eifersucht), die Polizisten, die im Film mehrfach auftauchten, erschießen Baby Inèz und Ava hat plötzlich ein großes Auge im Mund. Kein Wunder, dass sie nach Schlaftabletten gegen ihre Alpträume verlangt.

Ava (Léa Mysius)

© 2018 Eksystent Distribution Filmverleih

Die drohende Dunkelheit als Lebensinhalt, den man laut Arzt »akzeptieren« muss, wird auch im Schlaf zur alles beherrschenden Macht, umso mehr muss man natürlich die letzten Sonnenstrahlen genießen. Die Verwirrung wird im Film sehr schön dargestellt, die unterschiedlichsten Einflüsse und Probleme, die mit einer gewissen Naivität aber gemeistert werden. Im Comic, wo die drohende Gefahr die komplette Gesellschaft verändert, geht man damit zum Teil etwas »weniger schockierend« um, doch eigentlich ergänzen sich die beiden Ansätze ziemlich gut. Die Geschichten und Erzählweisen sind zwar komplett unterschiedlich, aber die Themen sind die selben, und man wird unabhängig vom eigenen Alter in die Tumulte der Jugend geworfen, wobei man vielleicht hier und da etwas durchdachter gehandelt hätte, aber die Beweggründe der Handlungen jederzeit nachvollziehen kann und ganz mit den beiden Mädchen leidet (aber auch ihre positiveren Gefühlsausbrüche miterlebt).

Ich bin mit beiden Werken nicht bis ins letzte Detail zufrieden, hätte hier und da einiges vielleicht anders gelöst (oder es mir anders gelöst gewünscht, letztlich sollte ich ja nicht in die Rolle der Kreativen rutschen), aber diese beiden extremen Mädchenschicksale sind in Sachen Jugenderfahrungen, die man auch noch als Erwachsener mit durchleben kann, so ziemlich das beste, was im letzten Jahr so auf den Markt kam (und ich habe immerhin den Großteil der Berlinale-Generation rezipiert). Thelma, Figlia mia und Girl bei den Filmen sowie Paper Girls und Zyklotrop - Die Tochter des Z auf der Comicseite haben mich zwar noch stärker begeistert, aber das lag nicht direkt an der Schilderung dieses Alters, sondern an anderen Details und Themen, die in diesen Werken noch eine Rolle spielten.

Ava (Léa Mysius)

© 2018 Eksystent Distribution Filmverleih

Wer in letzter Zeit ihre Mutter-Tochter-Gespräche vernachlässigt hat, sollte sich durchaus mal überlegen, hier zum Buch-Geschenk oder gemeinsamen Kinobesuch zu greifen. Und wer auf Nummer sicher gehen will (ja, es geht auch um Sex usw.), liest den Comic zuerst selbst, bevor er verschenkt wird (oder prüft den Film und verschenkt Tickets - drüber unterhalten kann man sich ja vielleicht trotzdem noch).