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17. Juli 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Nico, 1988 (Susanna Nicchiarelli)


Nico, 1988
(Susanna Nicchiarelli)

Italien / Belgien 2017, Buch: Susanna Nicchiarelli, Kamera: Crystel Fournier, Schnitt: Stefano Cravero, mit Trine Dyrholm (Nico / Christa), John Gordon Sinclair (Richard), Anamaria Marinca (Sylvia), Sandor Funtek (Ari), Thomas Trabacchi (Domenico), Karina Fernandez (Laura), Calvin Demba (Alex), Francesco Colella (Francesco), 93 Min., Kinostart: 18. Juli 2018

Nico, 1988 (das Komma wird in der Berichterstattung oft unterschlagen, ist aber auf dem Plakat auch recht winzig abgebildet) bricht mit den meisten publikumswirksamen Regeln eines Biopics oder Jukebox-Musicals. Der Film schert sich herzlich wenig um Nicos Zeit als frühes internationales »Supermodel«, als sie unter anderem in Fellinis La dolce vita sich selbst spielte, und auch um ihre musikalische Sternstunde, die im Presseheft zur absurden Behauptung hochgespielt wurde, sie sei einst die »Sängerin der Gruppe Velvet Underground« gewesen (auf The Velvet Underground & Nico - man beachte die Unterscheidung! - singt sie exakt auf drei von elf Songs, und darf auf weiteren das Tambourine schlagen).

Dass Nico (bürgerlicher Name: Christa Päffgen) nach ihrer »wilden Zeit« (laut Wikipedia soll sie u.a. mit David Bowie, Jimi Hendrix, Bob Dylan, Brian Jones und Iggy Pop »Beziehungen gepflegt« haben) noch diverse Soloalben aufnahm (und längst nicht alle nur mit Coverversionen bestückt), ist ein wenig in Vergessenheit geraten, wie man im Film auch bei einigen Radiointerviews erlebt, bei denen die Radiofritzen sich keinen Deut um etwaige neue Veröffentlichungen kümmern, sondern am liebsten Anekdoten über prominenterer Musiker hören wollen.

Der Film setzt 1986 ein und schildert die letzten zwei Jahre der Sängerin, die längst mit ihrem Modelleben abgeschlossen hat und auch am liebsten Christa genannt werden möchte. Mit einer abgehalfterten, billig zusammengecasteten Begleitband tourt sie durch Europa (hört sich spektakulär an, spielt sich aber auf eher kleinen Bühnen ab), hängt an der Spritze und versucht, die Beziehung zu ihrem Sohn wieder aufzubauen, den sie einst weggab (ich bin mir nicht ganz sicher, ob es im Film erwähnt wird, dass dessen Pflegemutter - und der Legende nach Großmutter - die Mutter von Alain Delon war).

Nico, 1988 (Susanna Nicchiarelli)

© 2018 Film Kino Text, Foto: Emanuela Scarpa

Vom einstigen Jetset-Leben hat diese Ochsentour wenig, und Regisseurin (und Autorin) erzählt sehr subtil vom Innenleben des einstigen Weltstars, größtenteils über Songs. All tomorrow's Parties aus der Platte mit der Banane auf dem Cover wird recht früh mal eingespielt (Nico-Darstellerin Trine Dyrholm übernimmt den Gesangspart mit Inbrunst) und veranschaulicht den Zukunftsblick aus dem Jahr 1967 aus der umgedrehten Blickrichtung. Die Zeit der Partys ist definitiv vorbei, es geht eher darum, die Menschlichkeit wiederzuentdecken, womit Christa so ihre Probleme hat.

Dass sie ihren knapp volljährigen Sohn Ari mit auf die Tour einlädt, ist angesichts dessen eigener Drogenprobleme nicht die cleverste Idee, aber immerhin findet er weiblichen Anschluss (Anamaria Marinca aus 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage gerät im Film als Cellistin der Begleitband hintereinander an zwei Junkies).

Nico, 1988 (Susanna Nicchiarelli)

© 2018 Film Kino Text

Dass ihr Tourmanager Richard (John Gordon Sinclair aus Bill Forsyths Gregory's Girl, inzwischen mit Mitte 50 etwa Typ Wolfgang Völz) in sie verschossen ist, merkt sie ebenso wenig, wie ich dies trotz deutlicher Hinweise wahrgenommen habe, und diese leise unerwiderte Liebe trägt viel zur Atmosphäre des Films bei, der von seinem Publikum Geduld und Aufmerksamkeit erwartet (insbesondere, wenn man zuvor nicht wirklich eingeweiht war in die subprominenten Eckdaten von Nicos Leben).

Ich hatte zwischendurch mal einen müden Punkt, als man nachts mit dem Auto durch die Pampa fuhr und aus dem Autoradio Big in Japan von Alphaville plärrte, ein Song, den ich trotz Elektro-Vorliebe nicht zu meinen Favoriten zählte. Während dieser Szene dachte ich darüber nach, was uns der Film hier wohl »sagen« wollte und reimte mir zusammen, dass es um den Unwillen der Protagonistin angesichts des brachliegenden Musikbusiness gehen könnte. Erst, als Trine Dyrholm selbigen Song während des Abspanns noch mal interpretiert (im Nico-Stil), wurde mir klar, dass der Text ja wie maßgeschneidert auf ihr Leben passt. Solche versteckten Geniestreiche findet man mehrfach im Film.

Man soll ja nicht das Ende ausplaudern, aber in diesem Fall ist es so großartig... Der Film mäandert schon ein wenig, als Richard endlich seine Liebeserklärung rausbringt, aber Christa hat andere Pläne und fährt fort, die Kamera zeigt die Straßenszene aus einer aufsteigenden Kranfahrt und dieser melancholische Moment setzt einen perfekten Schlusspunkt.

Nico, 1988 (Susanna Nicchiarelli)

© 2018 Film Kino Text

Doch dann folgt noch eine rätselhafte Szene in einer sonnigen Gegend, wo Christa mit einem pinken Klapprad auf ein hellblau gestrichenes Tor zugeht, dass sich öffnet. Der Sinn dieser allerletzten Szene erschließt sich nur, wenn man weiß (oder wie ich später recherchiert), das Christa auf Ibiza an den Folgen eines Fahrradunfalls starb. Und man braucht auch ein gutes Gedächtnis (oder Notizen), um sich an den Beginn des Films zu entsinnen, wo sie zu einem (noch nicht dem Publikum vorgestellten) Ari spricht, dass sie sich sein Fahrrad leihen will - ehe dann die Jahreseinblendung 1986 folgt.

Ich hätte ja gedacht, dass es so cleveres Kino gar nicht mehr gibt (oder dass es niemand versteht), aber letztes Jahr in Venedig bekam Nico, 1988 immerhin einen Nebenpreis.

Einer der Songs im Film ist übrigens eine Cover-Version nach Jackson Browne mit dem Schlüsselzitat »The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return«. Ein bisschen Liebe wird auch Christa zuteil - nicht zuletzt vom Publikum, das der Film hoffentlich auch hierzulande findet.