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23. Mai 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Solo: A Star Wars Story (Ron Howard)


Solo: A Star Wars Story
(Ron Howard)

USA 2018, Buch: Lawrence Kasdan, Jonathan Kasdan, Kamera: Bradford Young, Schnitt: Pietro Scalia, Musik: John Powell, Kostüme: David Crossman, Glyn Dillon, Production Design: Neil Lamont, Senior Art Director: Gary Tomkins, mit Alden Ehrenreich (Han Solo), Joonas Suotamo (Chewbacca), Emilia Clarke (Qi'ra), Woody Harrelson (Tobias Beckett), Donald Glover (Lando Calrissian), Paul Bettany (Dryden Vos), Thandie Newton (Val), Phoebe Waller-Bridge (L3-37), Lily Newmark (Lexi), Warwick Davis (Weazel), Clint Howard (Ralakili), Anthony Daniels (Tak), Ian Kenny (Rebolt), John Tui (Korso) und den Originalstimmen von Linda Hunt (Lady Proxima) und Jon Favreau (Rio Durant), 135 Min., Kinostart: 24. Mai 2018

Hinweis: Zur Spoilervermeidung wurden bei diesem Text nicht alle Punkte bis ins Detail ausdiskutiert. Spätestens nach dem Film sollte man meinem Faden aber folgen können. Eine herkömmliche am Konsumenten orientierte Gebrauchsrezension interessierte mich in diesem Fall wenig, ich hangele eher an einigen theoretischen Fragen (die in den meisten Fällen nur ich selbst mir stelle) herum.

Erste positive Nachricht (mit leichtem Schlenker): Während sich Rogue One (den ich ziemlich gelungen fand) dadurch auszeichnete, dass eigentlich alle im »Lückenfilm« neu eingeführten Figuren gegen Ende wieder aus der Star-Wars-Chronologie getilgt werden müssen, hat man sich beim waschechten Sequel Solo, das zu keinem Zeitpunkt irgendwo direkt an »Episode IV« anschließen muss (obwohl mal Tatooine erwähnt wird), im Grunde sogar den Freiraum für eine Solo-Fortsetzung offen gelassen. Harrison Ford war bei den Dreharbeiten zum Original-Star-Wars bereits 34, Alden Ehrenreich wird erst in diesem November 29.

Noch interessanter fände ich aber einen Spin-Off (von mir aus auch als Fernseh- oder Romanserie), für den ich so was wie Fifty Shades of Red als Titel vorschlagen würde. Statt Knutschi und Schmusi bietet das Ende des Films mal die Chance für eine evtl. problematische Beziehung, die als ungewöhnliche Ergänzung zum Star-Wars-Universum eine wirkliche Bereicherung darstellen könnte. Nach Sichtung des Films sollte der geneigten Leserin klar sein, auf welche zwei Figuren ich anspiele...

Solo: A Star Wars Story (Ron Howard)

Foto: Jonathan Olley © 2017 Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved.

Größtenteils gehen die Drehbuchautoren Lawrence und Jonathan Kasdan aber auf Nummer Sicher. Man erkennt zwar das Faible des Regisseurs von Silverado und Wyatt Earp für Western wieder (ein wichtiger Handlungsbestandteil ist ein Eisenbahnraub, ein wenig wie in Firefly, nur mit teureren Spezialeffekten), aber in der ersten Dreiviertelstunde des Films fühlt es sich so an, als ginge es vor allem darum, wie Han (Alden Ehrenreich aus Hail, Caesar!) seinen Blaster, seinen Nachnamen (!) und irgendwann auch den Millennium Falcon in seinen Besitz bekommt und spätere Vertraute wie Chewbacca (Joonas Suotamo) und Lando Calrissian (Donald Glover) kennenlernt. Für einen Moment rechnete ich fast damit, dass man auch noch die Narbe am Kinn zur Legendenausarbeitung nutzen würde wie einst mit River Phoenix und der Peitsche (zumindest in einer Großaufnahme hatte ich das Gefühl, dass man dem neuen Han das unveränderliche Merkmal des alten Han per Effekt-Makeup verpasst hatte - dann vermisste ich es aber in der übernächsten Einstellung wieder und hatte Besseres zu tun, als mich darauf zu konzentrieren.

Es gibt zwar noch eine Love Story, doch von Qi'ra (Emilia Clarke, die »Drachenmutter« Daenerys Targaryen aus A Game of Thrones) wird Han recht früh getrennt - vermutlich auch, weil eine frühere »große Liebe« natürlich nicht die Verbindung Han / Leia überschatten soll.

Und dann dreht sich der Film größtenteils darum, jenen Status Quo herzustellen, mit dem man Han 1977 (bei mir war's 78) kennenlernte: ein charismatischer Halunke, der es à la Rick Blaine (»I stick my neck out for nobody«) gerne proklamiert, altruistische Aktionen allgemein abzulehnen. Eine Einstellung, die er später noch ändern wird (was natürlich in Solo bereits angedeutet wird). Auch die charakteristischen Merkmale, dass Han später wegen misslungener Coups dauerhaft verschuldet ist und deshalb von Kopfjägern verfolgt wird (Jabba the Hutt etc.), wird in Solo vorbereitet.

Solo: A Star Wars Story (Ron Howard)

Foto: Jonathan Olley © 2017 Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved.

Der Casablanca-Vergleich passt auch deshalb, weil in Solo nahezu alle Hauptfiguren suspekte Schurken sind, die wie in den meisten film noirs je nach Situation ihre Bündnisse mit anderen Schurken gern »flexibel« halten. Lando Calrissian hat immer noch ein As (oder eine Waffe) im Ärmel, Qi'ra arrangiert sich zum Überleben recht schnell mit gefährlichen Partnern und der ein wenig wie ein Mentor fungierende Beckett (Woody Harrelson, der in seiner Karriere nur selten verlässliche Figuren spielte) kann gar nicht oft genug erwähnen, dass er niemandem traut - was für eine verbesserte Lebenserwartung sicher hilfreich ist.

Und so geht auch hier beim gegenseitigen Übertölpeln alles darum, wem man trauen kann und wer für den eigenen Vorteil auch mal vermeintliche Verbündete fallen lässt. Die am positivsten gezeichneten Figuren opfern sich auch mal oder lassen für »die gute Sache« den größtmöglichen Gewinn links liegen.

Solo: A Star Wars Story (Ron Howard)

2018 © Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved.

Passend zu den vielen moralischen Grautönen ist auch der Film eher dunkel (und mit einer Menge Wackelkamera) gehalten. Eben auch wie beim film noir, wozu passt, dass man sich eine eigene cantina wünscht oder ein eigenes Raumschiff (dabei musste ich an Cousin Gaila denken). Oder den großen letzten Raubzug, um sich danach zur Ruhe zu setzen - was natürlich meistens nicht so klappt, weil die größeren Nummern in der Hierarchie der kriminellen Organisation (hier vor allem »Lady Proxima« und Paul Bettany als Drydon Vos - beide gut - also auch physiognomisch - als Bösewichte zu erkennen, die gleich in ihren ersten Szenen abtrünnige oder unfähige Handlanger über die Klinge springen lassen) Verräter, Emporkömmlinge und Aussteiger nicht gebrauchen können.

Die handlungsmäßige Hauptstrecke des Film ließ mich aufgrund dieses dauerhaften Machtkampfs mit wenigen Variationen und noch weniger Überraschungen recht kalt. Aber zumindest weiß ich es zu schätzen, dass man versucht, sich im stetig anwachsenden Star-Wars-Universum zu verorten. Mal wird die uralte »Han shot first«-Kontroverse wieder ins Spiel gebracht, dann wieder werden zum Schluss die bei Disney schon obligatorischen (und zunehmend unangenehm auffallenden) Kinder ins Spiel gebracht, die für Hoffnung und Zukunft (auch des Franchises und seiner Fans) stehen.

Solo: A Star Wars Story (Ron Howard)

© 2018 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Statt der politisch unkorrekten Figuren, wie sie insbesondere die nachgereichte Lucas-Trilogie auszeichneten, geht man wieder einen gut gemeinten - aber leider nicht gelungenen - Schritt in Richtung Diversität. Ich bin keine Star-Wars-Experte, aber dass diesmal geschlechtsspezifische Droiden auftauchen, hat mich etwas unerwartet getroffen. Passend zu BB-8 und K-2SO, die in den Abrams- / Disney-Filmen neue Facetten des Droid-Daseins ergänzten, bekommt Lando Calrissian den von der britischen Komikerin Phoebe Waller-Bridge gespielten weiblichen Droid L3-37 zur Seite gestellt. Diese berichtet von der ganz besonderen Beziehung zu Lando, betont, dass sexuell durchaus was »machbar« sei und wirkt generell extrem progressiv innerhalb der meines Erachtens bisher immer mit männlichen Stimmen auftretenden Droids. L3-37 kämpft sogar für Bürgerrechte von Robotern (»our kind isn't even served here!«) - und wird dabei größtenteils wie ein komischer Sidekick behandelt (man vergleiche etwa Chewies ernsthaftes Engagement für seine Artgenossen und L3-37s fast »hysterische« Auftritte, die auf mich wie ein auf lächerlich getrimmter Auftritt einer »Robo-Feministin« wirkten. Und wem dies noch nicht suspekt genug erscheint: Gleichzeitig gibt es auch einen neuen männlichen Droiden, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er dauerhaft Dampf und Motoröl durch vermeintlich metallische »Stoßzähne« ausstößt, als würde er angesichts der Präsenz von femme fatale Qi'ra metaphorisch zu sabbern beginnen. Wenn schon rückständige Geschlechterklischees in der zuvor geschlechtslosen Welt der Droids, dann auch auf beiden Seiten. Als würde dies alles wieder gut machen! Storytechnisch waren die aufgesexten Robos für mich die schlechteste Idee des Films.

Obwohl Alden Ehrenreich sich Mühe gibt, dem Vermächtnis Harrison Fords gerecht zu werden, und insbesondere Chewbacca ihn dabei bestens unterstützt, konnte Solo keine wirkliche Begeisterung bei mir hervorrufen. Das liegt aber unter anderem auch am oft nervenden Score von John Powell (das Liebesthema ist am schlimmsten), dem schlechten Timing bei Verfolgungsjagden (achtet auf die viel zu lange Einstellung bei dem für einen Gag geopferten Droid bei der »Hover«-Verfolgung oder einem ähnlich vermurksten Zwischenschnitt beim dramatischen Finale des Zugüberfalls) und anderen Kleinigkeiten (idiotischer Einsatz des Lichtgeschwindigkeits-Boosters; alle sollen ihre Waffen abgeben, aber Chewie behält seine nicht zu übersehenden Munitionsgurte am Körper).