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31. März 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Blanka (Kohki Hasei)


Blanka
(Kohki Hasei)

Italien / Japan / Philippinen 2015, Buch: Kohki Hasei, Kamera: Takeyuki Onishi, Schnitt: Ben Tolentino, Musik: Aska Matsumiya, Alberto Bof, Franci de Veyra, mit Cydel Gabutero (Blanka), Peter Millari (Peter), Jomas Bisuyo (Sebastian), Raymond Camacho (Raul), Ruby Ruiz (böse Frau), 75 Min., Kinostart: 29. März 2018

Ein Kinderfilm eines japanischen Debütanten, der von den zwischen Märchenhaftigkeit und Authentizität pendelnden Abenteuern eines Straßenkindes in Manila erzählt. Blanka, gespielt von der Youtube-Sängerin Cydel Gabutero, behauptet, 15 Jahre alt zu sein, doch selbst der blinde Gitarrenspieler Peter (einer vieler Laien, die sich im Ansatz selbst spielen) würde sie eher auf zehn schätzen.

Ehe Blanka zu Peter stößt und die beiden ein wenig aufeinander aufpassen, bettelt und stiehlt sie sich durch die Straßen, macht sich bei der eigennützigen Beuteaufteilung bei anderen Kindern unbeliebt, die dafür ihre Pappkarton-Behausung mit ihren wenigen Habseligkeiten ramponieren.

Blanka (Kohki Hasei)

© Der Filmverleih

Neben dem natürlichen Charisma der Hauptdarstellerin besticht der Film durch seine farbkräftige Fotografie (Takeyuki Onishi) und die Musik. Die Dramaturgie hält sich zwar an ein kindliches Publikum (die Schurken sind etwas grob gezeichnet), aber die schiere Dramatik, die den mit 75 Minuten kindertauglich kurzen Film immer auf Trab hält, kann auch Erwachsene begeistern. Nach dem anfänglichen Kampf mit den anderen Kindern geht es um die langsam entstehende Freundschaft mit Peter, eine Anstellung als gemeinsam auftretende Musikanten in einem Lokal, und zwei andere Straßenkinder, mit denen sie sich anfreundet. Und überall ist Konfliktpotential gegeben, aber auch die Hoffnung auf Besserung.

Der vielleicht ausgefallenste Handlungsbogen scheint von Angelina Jolie oder Madonna inspiriert. Früh im Film sieht Blanka einen Fernsehbeitrag, bei dem eine bekannte Schauspielerin gezeigt wird, die schon mehrere Kinder adoptiert hat. Wohl durch einen Zuschauer, der verlauten lässt, dass er die gutaussehende Frau gern »käuflich erwerben« würde (man vermutet einen Euphemismus), kommt Blanka auf die Idee, sie könne sich eine Mutter »kaufen«, woraufhin sie auf einen angemessenen Betrag hin spart und selbsterstellte »Steckbriefe« auf den Wänden verklebt.

Blanka (Kohki Hasei)

© Der Filmverleih

Dafür wird sie von den anderen Kindern verlacht, und auch das Angebot einer Transgender-Prostituierten, sie könne ihr als Mutter und Vater zuhilfe sein, verbessert Blankas Situation nicht wirklich.

Da funktioniert die Paarung mit Peter, der schnell so etwas wie ein Ersatzvater wird, weitaus besser. Doch selbst, als Blankas phänomenaler Gesang zur hoffnungsvollen Festanstellung führt, lauert irgendwo ein Neider, hier ein zwergwüchsiger Kellner, der sein Zimmer an die beiden verliert und fortan mit Vehemenz intrigiert, um seinen Status Quo zurückzuerhalten.

Blanka (Kohki Hasei)

© Der Filmverleih

Bei der Vermarktung des Films durch einen winzigen kleinen Filmverleih aus Stuttgart betont man ein wenig das politische Grundproblem (»Schafft eine lebenswerte Welt für alle Mädchen«), aber auch im Film selbst werden Straßenkinder mehrfach als »Müll« bezeichnet, was natürlich untragbar ist.

Trotz der emotionalen Achterbahnfahrt, bei der auch ein deutsches Publikum schnell beim exotischen Ambiente anzudocken, ist Blanka kein »trauriger« Film, denn es ist offenkundig, dass man auch in ärmlichen Verhältnissen Lebenslust entwickeln kann. Wie jüngst in The Florida Project, die beiden Mädchen würden sich vermutlich bestens verstehen.

Blanka (Kohki Hasei)

© Der Filmverleih

Der Film ist zwar etwas einfach gestrickt, hat aber einen immensen Charme, und selbst der kleine Sebastian mit seinem Silberblick, der sicher nicht der hellste ist, ist trotz seiner zwangsverschuldeten kriminellen Energie vielleicht kein Plakatmotiv für eine Hilfsorganisation, aber irgendwie dennoch ein Sympathieträger zum Knuddeln. Wenn der Film nicht so knallbunt und kindgerecht wäre, könnte man glatt von einer Rückkehr zum italienischen Neorealismus sprechen. Miracolo a Manila!

Auf mehreren Festivals wurde der Film, der schon 2015 in Venedig lief, übrigens auch schon ausgezeichnet!