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Marc Degens: ERIWAN




18. Februar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org
Berlinale 2018



Alle Terminangaben sind sorgfältig abgetippt, aber ohne Gewähr. Die Filme werden immer unter dem Titel aufgeführt, unter dem man sie im offiziellen Berlinale-Katalog findet.


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Berlinale 2018, Teil 3: Generation



◊ ◊ ◊

  Allons enfants (Stéphane Demoustier, Generation Kplus)

 
Verbleibende Vorführungen:
  • Mittwoch, den 21. Februar
    um 9 Uhr 30 im Zoo-Palast 1
  • Sonntag, den 25. Februar
    um 11 Uhr im CinemaxX 3


Allons enfants /
Cléo & Paul
(Stéphane Demoustier, Generation Kplus)

Frankreich 2018, Buch: Stéphane Demoustier, Kamera: Sylvain Verdet, Schnitt: Nicolas Desmaison, Musik: Vimala Pons, Tsirihaka Harrivel, mit Cléo Demoustier (Cléo), Paul Demoustier (Paul), Vimala Pons (Louise), Anders Danielsen Lie (David), Elisa Wolliaston (Nanny), Sam Louwyck (Man with stick), Oussama Kheddam (Taxi Driver), Maxime Boutéraon (Military Leader), 60 Min., empfohlen ab 7 Jahren

Bei seinem Alltagsabenteuer in Paris ließ sich Regisseur Stéphane Demoustier ganz von seinen beiden Kindern (und Hauptdarstellern) Cléo und Paul leiten. Auch und insbesondere, was das Drehbuch anging. Die beiden zirka dreijährigen Kids spielen vermutlich selbst gerne Verstecken, und so ergibt es sich in der Handlung, dass Cléo sich (trotz Ermahnung durch die begrenzt kompetente Nanny) beim Spiel etwas zu weit entfernt und den Weg zurück nicht findet.

Ähnliches kennt jeder, der sich auch nur mal in der Onkelrolle mit Kindern beschäftigt hat. Man ruft eine Weile, und im ungünstigsten Fall muss man dan halt eine Behörde einschalten oder hört über Lautsprecher irgendwann »Die kleine Melaja möchte an der Information abgeholt werden.«

In Allons enfants läuft das nicht ganz so ab, denn der Film spielt in einem Paris, dass durch die Terroranschläge offenbar komplett vergessen hat, wie man mit solchen zivilisatorischen Grundsituationen auf angemessene Weise umgeht. Als eine eigentlich verabredete junge Frau (Vimala Pons) zufällig auf die verirrte Cléo aufmerksam wird, gelingt es ihr nicht, die Verantwortung an Offizielle abzugeben und - was jetzt vielleicht schockierend klingen mag - nimmt sie schließlich mit in eine Wohnung, zu der sie Zugang hat (sie ist Maklerin) und nach dem aufregenden Tag badet sie das Kind auch noch.

Das Verhalten der Erwachsenen in diesem Film ist oft unverständlich. Ein Hausmeister, der konkrete Befehle hat, keine Fremden im Haus verweilen zu lassen, ein Soldat, der ein herumirrendes Kind einfach wegschickt, weil er sich auf seine Security-Aufgabe konzentrieren muss. Und last but not least ein Kindermädchen, dass ein Kind verliert, dann gemeinsam mit dem kleinen Bruder Paul nach Cléo sucht, aber irgendwann offenbar so überfordert ist von der Situation, dass sie das zweite Kind auch noch sich selbst überlässt (!). Und die Eltern der Geschwister bekommt man im ganzen Film nicht zu Gesicht.

Allons enfants (Stéphane Demoustier, Generation Kplus

© Année Zéro / Sylvain Verdet

Der Film ist aber weitaus erbauender, als man dies anhand dieser Inhaltsangabe annehmen würde, denn man sieht alles mit den Augen der Kinder, für die es eben nur ein kleines Abenteuer ist (das übrigens einen positiven Ausgang findet). Cléo hat mal gegen Beginn des Films einen kleinen Weinanfall, als sie allein über geschäftige Freizeitgelände läuft und natürlich auf der Suche nach Bruder und Aufpasserin ist.

Doch sobald die ihr unbekannte, aber nette Louise (den Namen erfährt man erst mit reichlich Verspätung) sie quasi »adoptiert«, ist sie guter Dinge und lässt sich leicht ablenken. Dass sie schon vor dem Treffen mit Louise von einem Erwachsenen auf einem Spielplatzgerät gedreht wurde und ein vermutlich Obdachloser, der ihr Hilfe anbot, sie direkt an einigen Polizisten vorbeiführte, würde sie in einer eigenen Wiedergabe der Ereignisse vermutlich gar nicht erwähnen. Sie läuft ihm im dichten Gedränge einfach irgendwann weg, weil ihr Instinkt ihr wir verrät, dass es besser geeignete Erwachsene geben muss, in deren Behütung man sich begibt.

Die Kontaktaufnahme mit Louise offenbart gleich sehr schnell, was man alles falsch machen kann, wenn man eigentlich nur helfen will. Sie fragt das Kind danach, wie der Vater aussieht, die Beschreibung »Er trägt eine Hose und hat weiße Schuhe an« wirkt auch halbwegs vielversprechend, aber es wäre ungleich cleverer gewesen, Cléo zu fragen, mit wem sie eigentlich unterwegs war. Die übergewichtige schwarze Nanny und den Bruder hätte man vielleicht sogar irgendwo gefunden.

Stattdessen trifft sich Louise mit einem Exfreund (Anders Danielsen Lie), den sie jahrelang nicht sah, und der es total in Ordnung findet, dass sie jetzt eine Tochter hat, mit der er sich dann auch eine Zeitlang aufopfernd beschäftigt. Aus Cléos Sicht natürlich toll, wenn man gleich zwei Erwachsene die sich um einen kümmern. Als die Wiederzusammenführung des früheren Paars dann zerbricht und Louise eine größere Anzahl von Damenschuhen, die David ihr extra zurückbrachte, weil sie noch in seiner Obhut waren, dann wütend in das nächste Gewässer gefeuert werden, ist Cléo abermals begeistert ob des ungewöhnlichen Zeitvertreibs.

Wie Cléo ihren Bruder wiederfindet, entspricht eher einer Märchendramaturgie, aber das tolle an Allons enfants ist, dass man den Film halt auf komplett unterschiedliche Arten sehen kann. Zuschauer mit 7, 10, 12, 14 usw. werden komplett unterschiedliche Erfahrungen machen und den Film auch unterschiedlich intensiv hinterfragen.

Die beiden tollen Hauptdarsteller (und Louise und David sind auch in Ordnung) nehmen einen aber für die einstündige laufzeit gefangen, und wenn es sich hier und da mal komplett seltsam entwickelt, hat das auch etwas von der Fabulierkunst von Kindern. Ich würde mir auch liebendgern eine dreistündige Doku über die Dreharbeiten anschauen, wo man dann erfahren könnte, wie stark Cléo und Paul den Film wirklich geprägt haben und wie viel an Handlung der Vater dem Ganzen aufgestülpt hat (vermutlich einen Großteil der Handlung »above their heads«, die eben nur Erwachsene wahrnehmen.

Ein gutes Beispiel für einen Film, den man eben nur bei der Generation entdecken kann.


◊ ◊ ◊

  Cobain (Nanouk Leopold, Generation 14plus)

 
Verbleibende Vorführungen:
  • Montag, den 19. Februar
    um 16 Uhr im CinemaxX 3
  • Samstag, den 24. Februar
    um 10 Uhr 30 im CinemaxX 1


Cobain
(Nanouk Leopold, Generation 14plus)

Niederlande / Belgien / Deutschland 2017, Buch: Stienette Bosklopper, Kamera: Frank van den Eeden, Schnitt: Katharina Wartena, Musik: Harry de Wit, mit Bas Keizer (Cobain), Naomi Velissariou (Mia), Wim Opbrouck (Wickmayer), Dara Marineci (Adele), Cosmina Stratan (Jadwiga), Maria Kraakman (Pieternel), Maartje van de Wetering (Nora), Thomas Ryckewaert (Patrick), Ward Weernhoff (Klaas), 94 Min.

Die Niederländerin Nanouk Leopold hatte schon mehrfach Filme auf der Berlinale, etwa Brownian Movement oder Boven is het still, anhand derer man schon ihren unbeugbaren Stilwillen absehen konnte. »Seltsam« gehört hier zum Konzept, aber das ist ja oft auch ein Grund, bestimmte Filme direkt auszuwählen, gerade als Kritiker bekommt man »normal« alle Nase lang und wünscht sich auch mal etwas anderes.

Der Film beginnt mit hübschen Klängen einer E-Gitarre und bunten Bildern, aus denen man langsam unscharf und aufgeblasen so etwas wie einen Fötus im Mutterleib erkennt.

Cobain (sehr charismatisch: Bas Keizer) ist nicht sehr begeistert davon, wie ihn seine Mutter genannt hat. »It's a terrible name. Everybody writes it wrong, and who gets named after a guy who shot himself?« Er lebt in einer Pflegeeinrichtung für Jugendliche, soll aber an eine Familie verwiesen werden (ein Thema, das dieses Jahr die Generation zu beherrschen scheint und eigentlich nie wie etwas klingt, was man sich als Kind wünschen sollte). Er würde lieber bleiben, wo er ist, aber ausgerechnet seine Mutter Mia ist schuld daran, dass dies nicht geht, denn eine Drogenabhängige kann man in diesem Umfeld nicht unbedingt gebrauchen.

Ich möchte hier nur die Grundzüge der Handlung umschreiben. Cobain landet für einen Großteil des Films tatsächlich bei einer Art »Pflegefamilie«, die er sich aber selbst ausgesucht hat. Der in jederlei Hinsicht äußerst suspekte Wickmayer bietet ihm zwar eine Bleibe und sogar einen Job, ist aber ein zwielichtiger Zuhälter, der mit seinen Prostituierten zusammenlebt, was durchaus eine interessante Situation für einen Heranwachsenden ist, aber nicht wirklich empfehlenswert.

Cobain (Nanouk Leopold, Generation 14plus)

© Circe Films BV / A Private View BVBVA / Coin Film GmbH / Frank van den Eeden

Problematischer wird das Ganze dadurch, dass die ungeeignete Vaterfigur Cobains Mutter gut und schon länger kennt (dass er der tatsächliche Vater ist, kann man nicht einmal ausschließen), sich aber äußerst abweisend verhält, sobald Mia irgendwie in seine Nähe kommt. Finanziell wie auch persönlich steht Wickmayer offensichtlich auf sehr junge Frauen, die er offenbar dann auch regelmäßig austauscht - so impliziert es sein Umgang mit Mia zumindest. Und mit Junkies kann er so oder so nichts anfangen. Es gibt sogar eine Stelle im Film, da hat man das Gefühl, er hätte einen Auftragsmörder oder Schlägertypen auf Mia gejagt. Denn für seine Pläne mit Cobain, der als sein Lakai und »Betreuer« der erstaunlich fügsamen jungen Damen agiert, bedeutet Mia definitiv nur Probleme.

Hatte ich schon erwähnt, dass Mia wieder schwanger ist? Cobain ist sehr besorgt um sie, aber auch um seinen umgeborenen Halbbruder, dem er am liebsten einiges ersparen würde, was ihm in seinem jungen Leben widerfahren ist. Zunächst muss man aber erstmal sicherstellen, dass es überhaupt zur Geburt kommt, und so ist ein Entzug unumkömmlich und in einem Waldhaus, von dessen Existenz er von Wickmayer erfuhr, richtet Cobain sich mit seiner Mutter, die reichlich wenig Fürsorge für das ungeborene Leben in ihr zeigt, häuslich ein.

Das gibt einem einen gewissen Einblick, wie sehr Cobain im besten Sinne ein »Problemfilm« ist. Ein extremerer coming-of-age-Film fällt mir ohne weiteres nicht ein. Aber das Leben ist eben kein Ponyhof. Als Ausblick auf das, was einen hier erwartet, noch zwei Filmzitate:

Wickmayer über Mia:

I don't call that a mother. She's just a hole you crawled out of.

Mia bei der Untersuchung zu einer Ärztin:

You just worry too much. He'll find his way out.

◊ ◊ ◊

Fortuna
(Germinal Roaux, Generation 14plus)

 
Verbleibende Vorführungen:
  • Dienstag, den 20. Februar
    um 20 Uhr 15 im Cubix 8
  • Donnerstag, den 22. Februar
    um 16 Uhr 30 im CinemaxX 1
  • Sonntag, den 25. Februar
    um 13 Uhr im Haus der Kulturen der Welt


Schweiz / Belgien 2018, Buch: Germinal Roaux, Kamera: Colin Lévéque, Schnitt: Sophie Vercruysse, Jacques Comets, mit Kidist Syum Beza (Fortuna), Bruno Ganz, Patrick d'Assumçao, Yoann Blanc, Assefa Zerihun Godeta, 106 Min.

Germinal Roaux ist ein früherer Fotograf, der als Regisseur bisher ausschließlich in Schwarzweiß arbeitet (2 Kurzfilme, zweiter Langfilm nach Left foot, right foot). Ein 14jähriges Mädchen aus äthiopien, das nach einer traumatischen Mittelmeerüberquerung allein auf sich gestellt mit anderen Flüchtlingen in einer klosterähnlichen Zuflucht in den verschneiten Schweizer Alpen feststeckt, bietet sich dafür natürlich an. Und das auffällige Schmalformat lässt die weiße Weite klaustrophisch erscheinen.

Rein visuell zieht Roaux so ziemlich alles aus dem Thema, was möglich ist, und ich freue mich immer, wenn man gerade einem jungen Publikum die künstlerischen Möglichkeiten des heute so antiquiert wirkenden Schwarzweißfilms nahebringt, so wie letztes Jahr in Weirdos, der sich zu einem meiner Lieblingsfilme entwickelte.

Das Schicksal der abermals seltsam benannten Fortuna ist anrührend, die Darstellerin Kidist Syum Beza ausdrucksvoll, der Film prachtvoll anzuschauen. Ich will diesmal besonders wenig darüber ausplaudern, zur Berlinale habe ich immer diesen Trend, viel über die Handlung zu quatschen, hin und wieder muss man sich da mal unter Kontrolle bekommen und aufhören, sich einzureden, dass irgendjemand ausgerechnet meinen Text lesen wird, um rechtzeitig noch ein Ticket zu kaufen, weil die Story sich so toll anhörte. Das Weltpremieren-Embargo und die Vorverkaufssituation machen es gemeinsam nahezu unmöglich, dass für einen Normalsterblichen (also keinen von meinen Pressekollegen, denen ich meine Empfehlungen auch im normalen Gespräch ans Herz lege) diese Situation eintritt.

Fortuna (Germinal Roaux, Generation 14plus)

© VEGA Film / Colin Lévéque

Von der Geschichte wurde ich hier und da überrascht, die Symbolik (Küken-Beerdigung, Esel im Stall) empfand ich auch als gelungen und nicht so aufgesetzt wie in Sekala niskala oder Unicórnio, um nur zwei zu nennen.

Mein größtes Problem mit dem Film war etwas, was einige Kollegen regelrecht verzückte: die Rolle, die Bruno Ganz in dem Film spielt. Mir geht es jetzt gar nicht darum, das Für und Wider von Herrn Ganz seiner Schauspielkunst abzuwägen (sorry für das schlechte Deutsch, aber der Apostroph hinterm Z sah so bescheuert aus). Was mir den Film irgendwie vermieste, war, dass es eben irgendwann nicht mehr so sehr um Fortuna ging, sondern der bedeutsame und prominente Darsteller den Film ein wenig an sich riss. Was mich besonders deshalb ärgerte, weil ich ein explizit wenig religiöser Mensch bin (ich meide inzwischen sogar größtenteils Filme, die im Titel Worte wie »Gott«, »Mönch« oder ähnliches mitführen), und Ganz hier in seiner mir durchaus vertrauten Weise einen moralisch aufrechten und bemühten Gutmenschen abliefert, der helfen will. Und der irgendwie wichtiger wird als dieses Mädchen, das den Film ohne weiteres selbst gestemmt hätte. Ob das jetzt mit einer besseren Vermarktungschance für den Film zusammenhängt oder ob der Regisseur halt deutlich interessierter an religiösen Grundfragen ist als ich, ist einerlei. Für mich begann der Film sehr interessant, dann wurde die Problematik der Titelfigur noch komplexer ... und im letzten Drittel des Films fühlte ich mich betrogen. Das ist jetzt keineswegs eine profunde Analyse, sondern ein persönliches Problem, aber wenn ich mich nicht um die Bezahlung scheren muss, kann ich halt schreiben, was ich will. Und wenn sich das manchmal eher wie ein Blog anhört, dann habe ich damit nicht das geringste Problem.

Bei seinem ersten, mir unbekannten, Kurzfilm hat Germinal Roaux übrigens noch selbst die Kamera geführt, was jetzt jemand anderes übernahm. Ich fand es erstaunlich, wie toll Regisseur und Kameramann hier oft mit Kontrast und Kadrage spielten und dadurch tolle Bilder komponierten. Es aber außerdem auch Passagen gab, in dem die Wackelkamera (in Presseheften steht bei ihrem Einsatz immer gern etwas vom »intimen Portrait« oder dem »dokumentarischen Duktus«) den Film geradezu zersetzte.


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  Supa modo (Likarion Wainaina, Generation Kplus)

 
Verbleibende Vorführungen:
  • Montag, den 19. Februar
    um 11 Uhr im CinemaxX 3
  • Mittwoch, den 21. Februar
    um 12 Uhr 30 im Filmtheater am Friedrichshain
  • Donnerstag, den 22. Februar
    um 13 Uhr 30 im CinemaxX 1


Supa modo
(Likarion Wainaina, Generation Kplus)

Kenia / Deutschland 2018, Buch: Mugambi Nthiga, Silas Miami, Wanjeri Gakuru, Kamau Wandung'u, Kamera: Enos Olik, Schnitt: Charity Kuria, mit Stycie Waweru (Jo), Marrianne Nungo (Kathryn), Nyawara Ndambia (Mwix), Johnson Chege, 74 Min., empfohlen ab 9 Jahren

Afrikanische Filme sieht man hierzulande nahezu nur auf der Berlinale. In diesem Fall hat man auch noch einen »kleinen« Film für ein Kinderpublikum, und da ist es schon ein ausgesprochener Glücksfall, dass jemand wie Tom Tykwer hier mitproduziert hat, »One fine day Films« versucht dezidiert, junge Filmemacher zu unterstützen, die dann ihre eigene Filmsprache entwickeln können (obwohl es hier auch westliche Experten gab, die ich mal als »Entwicklungshelfer« umschreiben will, über deren Rolle man durchaus diskutieren könnte.

Die neunjährige Jo (Stycie Waweru) ist todkrank und ihre besorgte Mutter (eine Ärztin) würde sie am liebsten dauerhaft zuhause einsperren, damit ihr nichts passiert, während die Schwester Mwix versucht, Jo etwas von der Vielfalt des Lebens nahezubringen.

Jo liest gerne Comics und fantasiert davon, selbst ein Superheld zu sein. Im Film wirkt es zu Beginn einige Male, als hätte sie wirklich irgendwelche Kräfte. Mwix will ihre Schwester glücklich sehen, und hilft bei den »Kräften« etwas nach, was die Mutter gar nicht gerne sieht, denn natürlich besteht dann auch die Gefahr, dass Jo ihre tatsächlichen Kräfte überschätzt, wenn sie sich auf eigene Gefahr ins Kino stiehlt oder anderswie unnötig in Gefahr bringt (ich bin gerade zu übermüdet und unter zeitdruck, um die dreifache Benutzung eines bestimmten Wortes im letzten Satz zu umgehen).

Supa modo (Likarion Wainaina, Generation Kplus)

© One Fine day Films / Enos Olik

Irgendwie kommt es aber dazu, dass das ganze Dorf mitspielt bei dem make-believe für die anfangs auch von Gleichaltrigen verspottete Jo, über deren Schicksal alle informiert sind. Und aus dieser Prämisse, die in einem Drehbuch-Workshop zur Entscheidung führte, diesen Film zu machen, wird von den vier Drehbuchautoren ziemlich clever und mehrdeutig umgesetzt, was gerade für Kinder in Jos Alter sehr interessant sein dürfte.

Die Grenzen zwischen dem, was tatsächlich passiert und was nur fantasiert ist, verwischen. Und gleichzeitig fragt man sich, ob Jo jetzt mitbekommt, was um sie herum geschieht. Und ob sie dies zusätzlich in Gefahr bringt. Dafür gibt es auch tatsächlich Szenen, wie sie aus einem Superhelden-Comic stammen können. Aber man schafft es, immer die Balance zu halten. Und wäre das alles nicht schon toll genug, geht es dann auch noch darum, im Film einen Film zu drehen, wobei der Film im Film fast so gut seine wenigen Mittel nutzt wie im Film drumherum.

Supa modo ist zwar nicht das größte Meisterwerk aller Zeiten, aber wie man mit geringen Mitteln, aber viel Enthusiasmus solche einen durchaus komplexen Film schafft, ist schon irgendwie begeisternd. Ich habe dabei auch ein paar mal an Be Kind Rewind gedacht, aber gerade auch das spezial afrikanische Element, das ich in der Inhaltsangabe komplett ausgespart habe, ist sehr wichtig für den Film, der innerhalb seiner Einschränkungen wirklich so ziemlich alles richtig macht - und der bei weitem nicht nur für Kinder sehenswert ist.



Demnächst in Cinemania 181 (Berlinale Special):
Weitere Berlinale-Rezensionen, vermutlich zu: The Bookshop / Der Buchladen der Florence Green (Isabel Coixet, Berlinale Special), The Happy Prince (Rupert Everett, Berlinale Special), Das schweigende Klassenzimmer (Lars Kraume, Berlinale Special) und Unga Astrid / Becoming Astrid (Pernille Fischer Christensen, Berlinale Special).