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Die Box




29. November 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)


Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)

Deutschland / Italien / Österreich 2017, Intern. Titel: Iceman, Buch: Felix Randau, Kamera: Jakub Bejnaworicz, Schnitt: Vessela Martschewski, Musik: Beat Solèr, Kostüme: Cinzia Cioffi, Szenenbild: Juliane Friedrich, mit Jürgen Vogel (Kelab), André M. Hennicke (Krant), Sabin Tambrea (Tasar), Susanne Wuest (Kisis), Violetta Schurawlow (Mitar), Franco Nero (Ditob), Martin Augustin Schneider (Gosar), Paula Renzler (Rasop), Axel Stein (Gris), Anna F. (Kulan), 96 Min., Kinostart: 30. November 2017

Die Frage nach dem Warum darf man sich bei diesem Film nicht stellen.

Um auf den Titel eines thematisch verwandten Films anzuspielen: »Am Anfang war der Ötzi«.

Lag da in seinem kalten Grab und gab der Wissenschaft neue Erkenntnisse - aber auch eine Menge Fragen auf. Vermutlich gibt es Leute, die sich nach den Antworten dieser Fragen sehnen. Ist nur eher unwahrscheinlich, dass eine Kinoleinwand, auf der ein durchaus actionbetonter Spielfilm läuft, der richtige Ort dafür ist. Andererseits heißt es, dass jedes Jahr 250.000 Besucher das »Ötzi-Museum« in Bozen besuchen, um einen Blick zu erhaschen auf eine 5300 Jahre alte »Feuchtmumie«, deren Todesumstände von Kriminalexperten ausführlicher beäugt werden als zahlreiche Fälle, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass der Mörder noch am Leben ist, weitaus höher einzustufen ist.

Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)

© Port Au Prince Pictures

Ich muss zugeben, die Faszination erschließt sich mir nur ansatzweise, und wenn man nicht über die neuesten Erkenntnisse der Ötzi-Forschung informiert ist, kann man auch nicht einschätzen, inwiefern man für die Handlung von Der Mann aus dem Eis besondere Sorgfalt hat walten lassen. Über ein »so hätte es sein können« kommt man beim aktuellen Stand der Erkenntnisse ohnehin nicht hinaus, und auch das Wettrennen mit einer konkurrierenden US-Filmproduktion (laut Produzent Jan Krüger ist der Ötzi »eine ungeschützte Marke«) verdeutlicht, was auch Regisseur Felix Randau betont: Dies ist keine Dokumentation. Sondern die clever genutzte Schablone zu einer Geschichte, die der Regisseur schon lange erzählen wollte (ohne dabei an den Ötzi zu denken): das »Drama Mensch«, eine archaische Geschichte anhand einer mythischen Figur, die den Produzenten in der Ötzi-Drehbuchfassung an Filme wie Dances with Wolves oder The Last of the Mohicans erinnerte. (It's his job!)

Für mich drängt sich ein anderer Referenzfilm an, und gerade weil Der Mann aus dem Eis trotz ausgeklügelter Choreographien und langer Einstellungen nicht so schrecklich angeberisch wie The Revenant mit all seinem digitalen Überwältigungskino, sondern eben wie ein deutscher Independent-Actionfilm, was auf mich (trotz der aufdringlichen Filmmusik) ungleich sympathischer wirkt.

Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)

© Port Au Prince Pictures, Martin Rattini

Statt der technischen Riesenanstrengung hat man hier halt den »ersten ungeklärten Mordfall der Menschheitsgeschichte«, eine eigens erstellte kleine Ötzi-Siedlung, die in einem Südtiroler Naturschutzgebiet aufgebaut wurde, neben den Dreharbeiten für ein fünfminütiges Virtual Reality Experience genutzt wurde, ehe es dann laut Drehbuch abgefackelt werden musste und die Spuren an seine Existenz komplett wieder ausgewischt wurden.

Sowie eine eigens vom Schweizer Sprachforscher Chasper Pult ersonnenene Sprache (eine frühe Form des Rätischen), die weitaus weniger Leute verstehen als Esperanto, Klingonisch oder Aramäisch - aber das macht nichts, hier wird auch nichts untertitelt, weil die überschaubaren verbalen Statements von geringer Bedeutung für ein Verständnis des Plots sind - und dem archaischen Anspruch des Regisseurs entsprechen.

Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)

© Port Au Prince Pictures, Martin Rattini

Im Gegensatz zu den Millionen Filmfans, die sich Jahr für Jahr die Haare rauften, weil Leonardo Di Caprio immer noch auf seinen Oscar warten musste, den er sich dann mit The Revenant geradezu mit Gewalt aus den Händen der Academy riss, ist mir auch Jürgen Vogel um ein Vielfaches sympathischer, der hier vergleichsweise entspannt aufspielt - und sich auch nicht darum schert, dass er vielleicht im Kino nebenan gerade als Knecht Ruprecht auftritt - in einer nicht unähnlichen Aufmachung (ich habe Hexe Lilli rettet Weihnachten zwar nicht gesehen, aber der Querverweis ist unumgänglich).

Der Mann aus dem Eis ist offensichtlich Kino für Leute, die der Ötzi fasziniert (es gibt ja sogar welche, die einen DNA-Test machen ließen, um herauszubekommen, ob sie mit dem in den Ötztaler Alpen gefundenen europäischen Urahn verwandt sind) - und selbst für Ignoranten wie mich, die einfach nur einen Film sehen wollen, funktioniert das Ergebnis weitaus besser als nur eine kleine Geschäftsidee oder die Profilneurose eines Oscar-Gewinners, der es gründlich übertrieb - wo mich Herrn Iñárritus vielfach abgefeierte Rachegeschichte erzürnte und etwas langweilte, blieb ich beim erfrischend kompakten Ötzi hellwach und bei Laune - auch, wenn der Hype (bzw. die Anstrengung) auch hier etwas übertrieben ist.

Der Mann aus dem Eis (Felix Randau)

© Port Au Prince Pictures

Dem geneigten Kinogänger gebe ich noch zwei Dinge auf den Weg: Erstens: achtet mal auf Axel Stein. Soll hier mitspielen und ich konnte ihn auch im Nachhinein nicht zuordnen. Best guess: der Typ, der wo runterfällt. Zweitens (siehe Bild ganz oben): Kapiert jemand, warum man den (laut Presseinfos) Sohn der Hauptfigur von einer Paula spielen ließ? Nur wegen der geringeren Körpergröße, die auch Jürgen Vogel scherzend als Kernkompetenz seines Castings anführt? Man weiß so wenig.