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Die Box




15. November 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Big Sick (Michael Showalter)


The Big Sick
(Michael Showalter)

USA 2016, Buch: Emily V. Gordon, Kumail Nanjiani, Kamera: Brian Burgoyne, Schnitt: Robert Nassau, Musik: Mike Andrews, mit Kumail Nanjiani (Kumail), Zoe Kazan (Emily), Holly Hunter (Beth), Ray Romano (Terry), Anupam Kher (Azmat), Zenobia Shroff (Sharmeen), Adeel Akhtar (Naveed), Bo Burnham (CJ), Aidy Bryant (Mary), Kurt Braunohler (Chris), Myra Lucretia Taylor (Nurse Judy), Shenaz Treasurywala (Fatima), Spencer House (Racist Heckler), 119 Min., Kinostart: 16. November 2017

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In der Karriere von Kumail (Kumail Nanjiani) als Stand-Up-Comedian gibt es im Verlauf des Films jenen Moment, wo er begreift, dass die Verknüpfung seines Materials an sein Leben, seine Person, eine emotionale Anbindung mit sich bringt, die seinen Erfolg vergrößert. Warum genau die Leute dadurch mehr oder länger lachen, wird nicht ausklamüsert. Vielleicht weil sie emotional mehr investieren, oder weil er dadurch authentischer wirkt.

The Big Sick (Michael Showalter)

© 2017 Comatose Inc. / Foto: Nicole Rivelli

Diese Einsicht ist zentral für den Film The Big Sick, einer romantic comedy nach einem Drehbuch, das der Hauptdarsteller Kumail Nanjiani mit seiner Lebenspartnerin Emily V. Gordon zusammen schrieb. Im Film selbst taucht sie nicht auf, die Film-Emily wird von Zoe Kazan gespielt, und natürlich hat man die Story hier und da für die dramatische Wirkung etwas abgeändert (laut Presseheft soll Co-Produzent Judd Apatow nach dem ersten Test-Screening gesagt haben, dass man noch fünfzig Witze ergänzen soll), aber die Authentizität hat bei Apatow-Komödien schon öfters zum Erfolg beigetragen (etwa wenn es um das Schicksal von Komikern oder den Alltag seiner Frau Leslie Mann geht, die sich dann ebenfalls selbst spielte). Und so ist es auch bei diesem kleinen Sundance-Wunder, mit dessen Erfolg kaum jemand gerechnet hat.

The Big Sick (Michael Showalter)

© 2017 Comatose Inc. / Foto: Nicole Rivelli

Regisseur Michael Showalter, der selbst Komikererfahrung hatte und in seinem großartigen The Baxter einst die Hauptrolle spielte, unterstützt dieses Authentizitäts-Schema, übernimmt aber dennoch - bis auf den narrativen Kniff, auf den schon der Titel anspielt - typische RomCom-Muster, am wichtigsten davon der obligatorische Vertrauensbruch zwischen den Liebenden, wenn einer der Partner etwa erfährt, dass die gesamte Liebschaft auf einer Wette basiert oder auf einem Zeitungsartikel, den der oder die andere schreiben sollte. In diesem Fall, und das hat in seiner Simplizität schon etwas Geniales, ist es der Umstand, dass Kumail eben - wie bei seinen Stand-Up-Routinen - nicht authentisch war. Er lässt Emily insofern an seinem Leben teilhaben, dass die beiden Sex haben, sie ihn als Komiker kennen lernte und sie mit ihm gemeinsam die nerdigen Horrorvideos schaut, die zu Beginn des Films auch das Material seiner Bühnenshow liefern.

The Big Sick (Michael Showalter)

© 2017 Comatose Inc. / Foto: Sarah Shatz

Das Kennenlernen mit seinen Eltern indes wird immer wieder herausgezögert, und als sie dann in einer Zigarrenkiste all jene indischen Frauen als Fotos gesammelt findet, mit denen Kumails Mutter ihn verkuppeln wollte, wird ihr klar, dass Kumails Eltern noch gar nicht von ihr wissen, weil er an beiden Fronten lieber ein Doppelleben spielt, weil dies ihm einfacher erscheint und er es nie anders gehandhabt hat.

Und an dieser Stelle des Vertrauensbruches wird der Film interessant und innovativ, denn nun lernt Kumail aufgrund einer abstrusen Entwicklung - die man dem Drehbuch nur verzeiht, weil sie eben so passierte im Leben von Kumail und Emily - ausgerechnet Emilys Eltern (Holly Hunter und Ray Romano) kennen. Und das ist kein meet cute, wie man die Kollision von Hugh Grant und Julia Roberts in Notting Hill oder den geteilten Pyjama in Ernst Lubitschs Bluebeard's Eighth Wife nennt - sondern exakt dieses anstrengende Kennenlern-Prozedere mit lauter kleinen Vor- und Zurückschritten, das Kumail zuvor gerne umschiffte.

The Big Sick (Michael Showalter)

© 2017 Comatose Inc. / Foto: Nicole Rivelli

Interessant in dem Film ist auch, dass man das Umfeld der beiden Lover tatsächlich auf die beiden Familien und Kumails Komiker-Kollegen begrenzte (wobei letztere größtenteils das Gegenteil von Authentizität leben, wenn sie sich gegenseitig immer wieder bestätigen, wie toll die Auftritte waren, statt irgendwie konstruktiv etwas dazu zu sagen).

The Big Sick ist die durchschnittlich eine RomCom pro Jahr, für die es sich lohnt, ins Kino zu gehen. Die Witze sind gut, die Figuren sind nicht der tausendste Aufguss von irgendwelchen Wunschträumen und die Geschichte geht, und so was schreibe ich nur selten, tatsächlich »zu Herzen«. Außerdem sind Hunter und Romano als Emilys Eltern wirklich ein Ereignis.

Ach ja, der Film hat auch einen der besten Untertitelungs-Gags, an den ich mich erinnern kann. Ich habe an der Stelle den Original-Joke nicht so recht mitbekommen, der vermutlich in eine andere Richtung geht als die Übersetzung, aber »Sie haben es girafft!« war ein echter Bringer!