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Die Box




29. August 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


Anatomie der Einsamkeit -
Die Filme von Tsai Ming-liang


Retrospektive im Arsenal vom 1. bis 30. September

Normalerweise schreibe ich eigentlich immer Einzelkritiken zu Einzelfilmen, aber in diesem Fall hat mich die Auswahl von drei Filmen, die der Presse gezeigt wurden, im Zusammenspiel so sehr begeistert, dass ich anhand dieser drei Filme (insgesamt zeigt man alle zwölf Langfilme von Tsai) zu formulieren versuche, warum es sich lohnt, tatsächlich mal alle Filme anzuschauen. Ein weiterer Film ist von hier aus verlinkt, und zwei alte Kritiken aus meinem Archive (What time is it there? und The River) habe ich einfach noch mal unten angefügt.


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Rebels of the Neon God
(Tsai Ming-liang)

Originaltitel: Ching Shao nien na cha, Dt. Titel: Rebellen im Neonlicht, Taiwan 1992, Buch: Tsai Ming-liang, Kamera: Liao Pen-Jung, Schnitt: Wang Chi Yang, Musik: Huang Shu-jun, Kostüme: Chen Ying-hui, Art Direction: Hu Chih-Yueh, Lee Pao-Lin, mit Lee Kang-sheng (Hsiao-Kang), Chen Chao-jung (Ah Tze), Jen Chang-Bin (Ah Bing), Lu Hsiao-Ling [d.i. Lu Yi-Ching] (Mother), Tien Miao (Father), Wang Yu-Wen (Ah Kuei), OmE, 106 Min.

Vorführungen: Freitag, 1. September, 20 Uhr im Arsenal 1
(Eröffnungsfilm mit Einführung durch James Lattimer),
Wiederholung am Montag, 18. September, 20 Uhr im Arsenal 1.


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What time is it there?
(Tsai Ming-liang)

Originaltitel: Ni nei pien chi tien, Taiwan / Frankreich 2000, Buch: Tsai Ming-liang, Yang Pi-ying, Kamera: Benoît Delhomme, Schnitt: Chen Sheng-Chang, Production Design: Kam Tim Yip, mit Lee Kang-sheng (Hsiao-Kang), Chen Shiang-chyi (Sheng-chyi), Lu Yi-Ching (Mother), Tien Miao (Father), Cecilia Yip (Woman in Paris), Jean-Pierre Léaud (Jean-Pierre / Man at Cemetary), OmU, 35 mm, 116 Min.

Vorführungen: Dienstag, 5. September, 20 Uhr im Arsenal 1,
Wdh. Donnerstag, 21. September, 21 Uhr im Arsenal 1


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Goodbye, Dragon Inn
(Tsai Ming-liang)

Originaltitel: Bu san, Taiwan 2003, Buch: Tsai Ming-liang, Additional Narrative: Sung Hsi, Kamera: Liao Pen-Jung, Schnitt: Chen Sheng-Chang, mit Lee Kang-sheng (Hsiao-Kang), Chen Shiang-chyi (Ticket Woman), Kiyonobu Mitamura (Japanese Tourist), Tien Miao (Himself), Chun Chih (Himself), Chen Chao-jung, Yang Kuei-Mei (Peanut-Eating Woman), OmE, 35mm, 80 Min.

Vorführungen: Mittwoch, 6. September, 20 Uhr im Arsenal 1,
Wdh. Samstag, 23. September, 19 Uhr 30 im Arsenal 1

In allen Filmen des taiwanesischen Regiestars Tsai Ming-liang spielt Lee Kang-Sheng die Hauptrolle, deren Name Hsaio-kang lautet. Wobei man mehrfach mitbekommt, dass Hsaio-kangs Nachname ebenfalls Lee lautet. Gleich im Debütfilm Rebels of the Neon God (ich verwende mal ausnahmsweise die internationalen Titel, weil Taiwanesisch auch mir wenig sagt) tauchen auch Hsaio-kangs Eltern auf, der Vater wird von Tiao Mien gespielt, die Mutter von Lu Yi-Ching [arbeitete damals noch unter ihrem Geburtsnamen Lu Hsiao-Ling], die in diesen Rollen noch in den Tsai-Filmen The River (1997), What time is it there? (2003), The Wayward Cloud (2005, nur sie) und Visage (2009, nur sie) auftauchen. Sowie in anderen Rollen in Vive l'amour (1994, Lu als »Waitress« [uncredited], The Hole (1998, Tiao Mien als »A Shopper«), Goodbye, Dragon Inn (2003, Tiao Mien als »Himself«) und Stray Dogs (2013, Lu als »Woman«).

Die für die Presse ausgesuchten Filme bieten also den ersten und den letzten Auftritt dieser Familie (wobei in What time is it there? der Vater bereits nach einer Szene verstirbt und nie zusammen mit seinen Co-Stars zu sehen ist), wobei man trotz zwischendurch acht verstrichenen Jahren sogar die Wohnung wiedererkennen kann (ist zumindest sehr ähnlich geschnitten, einzig ein hübsch ausgeleuchtetes Aquarium kam als Mobilar hinzu).

What time is it there? (Tsai Ming-liang

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Goodbye, Dragon Inn, mein Lieblingsfilm aus den dreien, spielt komplett in einem alten Einsaal-Kino in Taipeh, das glaube ich »Fu-Ho Grand Theatre« heißt, und in dem man den Martial-Arts-Klassiker Dragon Inn (1967) zeigt. Hsiao-kang kommt etwas spät, findet niemanden im Kassenhäuschen und setzt sich erst mal in den fast leeren Saal. In Asien, so habe ich mich sagen lassen, setzt man sich, wenn man einen fast leeren Kinosaal betritt, nicht irgendwo hin, wo man seine Ruhe hat, sondern sucht die Nähe zu anderen Zuschauern. Aus Hsiao-kangs Sicht bedeutet das oft, dass die raschelnden und schmatzenden Frauen in der Reihe hinter ihm den Ton beeinträchtigen (woraufhin er einen neuen Platz sucht, und von jemand neuem »bedrängt« wird), oder jemand aus der Hinterreihe seine blanken Käsemauken so über die Stuhllehne streckt, dass Hsiao-kang ihm ohne weiteres in den großen Zee beißen könnte. Was ich mir auch nicht unbedingt als einen Verstärker des Filmgenusses vorstelle.

Das Kino, das übrigens in What time is it there? auch einen kurzen Auftritt hat, wenn Hsiao-kang eine Wanduhr aus dem Flur klaut, die ihm aber von einem aufdringlichen Gesellen wieder weggenommen wird, der sie dann auf der Herrentoilette für einen seltsamen Anbandlungsversuch nutzt, besteht aber nicht nur aus dem Vorführsaal.

Goodbye, Dragon Inn (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Zwischendurch sieht man die Kassiererin (Chen Shiang-chyi, die ich ums Verrecken nicht in oder aus What time is it there? wiedererkannt hätte), eine junge Frau mit Klumpfuß, die sich durch die Korridore und Flure schleppt, Toiletten kontrolliert oder dem Projektionisten etwas zu essen bringen will - der aber einen Großteil des Films nur durch verglimmende Zigarettenstummel präsent ist.

Ich wechsle jetzt mal ziemlich unangekündigt zwischen den Filmen hin und her, weil es mir so am meisten Spaß macht und man so die Verbindungen, das fein gewobene Netzt, ganz gut erkennt.

Was sich da zwischen der Kassiererin und dem Projektionisten, zwei jungen Leuten, die aber durch ihren Job im dem Untergang geweihten Kino auch schon wie Dinosaurier wirken, abspielt, könnte man euphemisiert als das fragmentarische Fundament einer Liebesgeschichte beschreiben. Sie suchen sich, aber sie finden sich nicht.

Rebels of the Neon God (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Dieses Suchen und nicht Finden ist nicht nur der Kern einer Art Cruising-Bewegung zwischen den eigentümlichen Kinobesuchern, die sich immer mal wieder in engen Gängen aneinander vorbeischubbern oder mit stoischer Geduld nebeneinander am Pissoir stehen. Man erkennt dieses Element auch schon in Tsais Debütfilm Rebels of the Neon God, wo neben dem Anschluss suchenden Hsiao-kang zwei kleinkriminelle Jugendliche Automaten knacken und den Kontakt zur Freundin des älteren Bruder des einen suchen. Hsiao-kang, der hier wegen einer Kakerlake sein Wohnungsfenster zerschlägt (in What time is it there? spielt auch eine Kakerlake eine Rolle, die symbolische Stellung des Tiers lehnt sich aber jeweils dem Filmthema an), ist unzufrieden mit seinem Leben und lernt die Rowdys kennen, als einer von ihnen (mit der jungen Frau hinter sich auf dem Motorrad) den Seitenspiegel des Taxis von Hsiao-kangs Vater »mal so eben« zerschlägt. Der Hauptteil der Handlung (eine filmische Konvention, von der sich Tsai in seiner Karriere immer weiter entfernt) besteht daraus, dass Hsiao-kang die beiden Jugendlichen verfolgt. Erst nimmt man an, er interessiere sich für die Freundin (was sicher eine Teilmotivation ist), doch er nimmt quasi als »blinder Passagier« auch bei einem Einbruch teil und hat schließlich seinen Moment der Rache, wenn er das Motorrad des Seitenspiegelzerschlägers fast wie in einem Ritual massakriert: Sitz zerschlitzen, Lack zerkratzen, Motor zerstören, Sekundenkleber ins Zündschloss - das volle Programm!

Dieses Rowdytum wird übrigens später, wenn Tsai in What time seinem großen Vorbild Truffaut huldigt, zu einer Verbindung zwischen Hsiao-kang und Antoine Doinel, jener von Jean-Pierre Léaud gespielten Filmfigur, deren Leben wir in einem halben Dutzend Truffaut-Filmen verfolgen können.

Rebels of the Neon God (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Die Verbindung zwischen Hsiao-kang, den beiden Jungs und dem Mädchen, brachten mich auf einen Vergleich mit Tangenten und Sekanten - und damit bin ich auch wieder bei der Kassiererin und dem Projektionisten aus Goodbye, Dragon Inn. Oder den Verbindungen über Tausende von Kilometern oder so was ähnliches wie den Fluss Styx (Flüsse, Wasser[melonen], Regen - Lieblingsthemen von Tsai) in What time.

Tsais Filme spielen manchmal in ganz unterschiedlichen Welten - aber seine Kamera betrachtet die Protagonisten unbestechlich und ohne zwischen ihnen zu entscheiden. Wenn man sich jetzt mal der Verbindung zur »Geisterwelt« widmet, wie sie bei Tsai mehrfach ins Gespräch kommt (in jedem der drei hier besprochenen Films, ansonsten habe ich nur vor vielen Jahren The River gesehen - wo Hsaio-kang immerhin eine Wasserleiche spielt), und darüber nachdenkt, wie die in Filmen dargestellt wird, so geht es fast immer darum, wie die Kontaktaufnahme vonstatten geht und wer wie viel von wem wahrnimmt (Beispielwerke: Harvey, Hamlet, Ghost, The Others, oder die TNG-Episode The Next Phase, aber selbst bei koreanischen und japanischen Filmen wird die anfängliche Unklarheit irgendwann aufgelöst). Tsai lässt die verschiedenen Welten einfach nebeneinander existieren und bietet eine filmische Verbindung, aber vergleichsweise selten eine auf der Handlungsebene.

Goodbye, Dragon Inn (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Neben dieser ephemerischen Qualität muss man unbedingt noch den lakonischen Humor und die bis zum letzten ausgereizten langen Einstellungen erwähnen. Meine Lieblingsszene in Goodbye, Dragon Inn ist vermutlich die auf der Herrentoilette - gerade auch, weil das Verhalten so weit weg ist von dem hierzulande üblichen. Man sieht ca. 12 Pissoirs, aber nur vor zwei direkt nebeneinander angebrachten stehen zwei Männer. Auf einer Ablage in Kopfhöhe liegt zwischen ihnen eine Zigarettenschachtel (Zigaretten haben hier etwas zutiefst sexuelles) mit Feuerzeug. Ein dritter Mann kommt hinzu und stellt sich exakt daneben, die überdurchschnittliche Zeit beim Urinieren reizt bereits die Lachmuskeln auf subtile Weise.

Und dann kommt noch einer in den Raum, geht zielstrebig auf die Gruppe zu - und reicht zwischen den Schultern der ersten beiden Männer hindurch, um nach seinen Zigaretten zu greifen. Wer bei dieser Szene nicht lacht, ist vermutlich nur bedingt zugänglich für den Reiz dieser Filme.

Zum Abschluss noch eine kleine Szene aus Goodbye, Dragon Inn, die man auch ohne Kenntnis des alten Films (lief einige Tage vor der Pressevorführung im fsk, ich habe es bereut, nicht hingegangen zu sein) intuitiv verstehen wird. Im ersten Drittel des Films sieht man im Kinosaal auch einen kleinen Jungen sitzen (obwohl man das Gefühl hat, es müsste ca. 22 Uhr abends sein), der knabbernd auf die Leinwand starrt. Irgendwann setzt sich neben den Tiao Mien (weil der 2005 starb, blieb dies sein letzter Auftritt bei Tsai), als sei er sein Großvater, der auf ihn aufpasst.

Mehrere Reihen weiter hinten sitzt noch ein grauhaariger Herr, den der Film offenbar zu Tränen rührt. Später treffen sich die beiden (nebst dem Knaben) im Foyer und begrüßen sich. Sie hätten sich lange nicht mehr gesehen - und auch den Film lange nicht. Der graue Herr ist Shun Chih, ein Hauptdarsteller aus Dragon Inn, und auch Tiao Mien hat damals eine kleine Rolle innegehabt. Das Goodbye an eine todgeweihte Art des Kinos lebt natürlich auch von einer menschlichen Verbindung, die Hommage ist für Tsai wichtig, aber das menschliche Element noch mehr.

Das merkt man auch, wenn in What Time Hsiao-kang über Nouvelle-Vague-Filme eine Verbindung nach Paris herstellen will (längere Inhaltsangabe weiter unten) und man ihn links im Bild sieht, während rechts auf einem Bildschirm der junge Antoine aus Les quatre-cents coups (dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn) ähnlich ziellos sein Leben fristet wie Hsiao-kang in den Filmen von Tsai: Die Verbindung entsteht auch über unterschiedliche filmische Universen.

(Jean-Pierre Léaud taucht übrigens in Visage noch ein zweites Mal bei Tsai auf.)


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The River
(Tsai Ming-liang)

Originaltitel: He liu, Dt. Titel: Der Fluss, Taiwan 1997, Buch: Tsai Ming-lian, Tsai Yi-chun, Yang Pi-ying, Kamera: Liao Pen-Jung, Schnitt: Chen Sheng-Chang, Lei Chen-Ching, mit Lee Kang-sheng (Hsiao-Kang), Miao Tien (Father), Lu Hsiao-ling [d.i. Lu Yi-ching] [Mother), Chen Chao-jung (Anonymous Man), Chen Shiang-chyi (Girl), Chang Long [d.i. Lu Shiao-Lin] (Mother's Lover), Ann Hui (Director), Yang Kuei-Mei (Girl in Hotel), 116 Min.

Vorführungen: Sonntag, 3. September, 20 Uhr im Arsenal 1,
Wdh. Montag, 25. September, 20 Uhr im Arsenal 1

The River (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

(alte Kritik aus dem Vorwerkschen Archiv, erschien in Klirr Di Birr 90 von 2002)

Mit einiger Verspätung kommt dieser auf einer früheren Berlinale ausgezeichnete Film nun in einige ausgewählte Programmkinos.

Hsiao-kang und seine Eltern teilen zwar die Wohnung, sonst aber nicht viel. Die Mutter hat einen Geliebten, der Vater steigt jungen Männern hinterher. Zufällig trifft Hsiao-kang eine alte Schulkameradin (Ann Hui), die ihn dazu überredet, bei Filmaufnahmen eine im stark verschmutzten Fluss treibende Leiche zu mimen. Später haben die beiden Sex in dem von der Produktion bereitgestellten Hotelzimmer, wo er vergeblich versuchte, den Gestank des Flusses von sich zu waschen.

So unspektakulär, wie ich die Geschehnisse hier beschreibe, ereignen sie sich auch im Film. Aus unerklärten Gründen bekommt Hsiao-kang heftige Nackenschmerzen, die sich rapide verschlimmern. Nachdem er das Problem zunächst für sich behält, unterstützen ihn schließlich auch seine Eltern auf der Suche nach einer Heilungsmethode, die sich zu einer Odyssee von einem Arzt zum nächsten bis hin zu sehr suspekten Wunderheilern ausdehnt.

Nebenbei wird noch geschildert, wie der Vater mit der undichten Decke in seinem Schlafzimmer zu kämpfen hat.

The River (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Dabei bewegt sich der Film auf dem schmalen Grad zwischen rabenschwarzem Humor und einer allmählich immer unangenehm werdenden Intensität. Zwar ist es offensichtlich, dass der Regisseur die fehlende Kommunikation in der Gesellschaft anklagt, doch The River liefert kaum Lösungen, sondern gibt nur Rätsel auf.

Schließlich gibt es dann noch eine schicksalsschwere Begegnung des Vaters mit dem Sohne, und die Mutter deckt schließlich zumindest ein Geheimnis auf.

Ein Film, dessen Faszination man nur schwer beschreiben kann, der aber einen tiefen Eindruck auf den Betrachter auszuüben in der Lage ist, auch wenn viele Zuschauer von dem extrem offenen Ende vielleicht etwas enttäuscht werden könnten.


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What time is it there?
(Tsai Ming-liang)

Stabangaben und Vorführtermine siehe oben

(alte Kritik aus dem Vorwerkschen Archiv, erschien in Klirr Di Birr 116 von 2003)

Nach dem in vielerlei Hinsicht verstörenden He liu (Der Fluss) ist der zweite regulär in deutschen Kinos anlaufende Film des taiwanesischen enfant terrible etwas leichter verdaulich, teilweise sogar fast komödiantisch, obwohl er Themen wie Trauer und Einsamkeit behandelt.

Die erste Einstellung des Films zeigt uns einen alten Mann, der nach einem gewissen Hsiao-Kang ruft, der jedoch nicht kommt. In der zweiten Einstellung fährt ein junger Mann (von dem wir später erfahren, dass sein Name Hsiao-Kang ist) eine Urne mit den sterblichen Überresten seines Vaters durch einen Autotunnel.

Nachträglich kann der Zuschauer dann rekonstruieren, dass der alte Mann wohl der inzwischen tote Vater war, doch What time is it there?" lässt immer Raum für Interpretationen.

Hsiao-Kang lebt mit seiner Mutter zusammen, die fortan (aufgrund bestimmter Ereignisse, die sie für unerklärlich hält, während der Zuschauer recht klare Einblicke in die Hintergründe erhält) versucht, mit dem Geist ihres toten Mannes Kontakt aufzunehmen, was für Hsiao-Kang eine ziemliche psychische Herausforderung wird.

Nebenbei verkauft er auf der Straße Uhren. Eine Passantin ist nur an jener Uhr interessiert, die Hsiao-Kang selbst am Arm trägt. Da sie für eine bevorstehende Paris-Reise eine »Zwei-Zeiten-Uhr« benötigt, und Hsiao-Kang so schnell kein zweites Exemplar besorgen kann, vermacht er ihr schließlich seine Uhr, obwohl er wegen des Todesfalls in seiner Familie glaubt, dies könnte der gutaussehenden Frau Unglück bringen.

Fortan beginnt für Hsiao-Kang eine Obsession mit der Pariser Uhrzeit, die für eine Seelenverwandtschaft mit dieser Zufallsbekanntschaft steht. Der Film selbst springt auch zwischen Paris und Taipeh hin und her, und der Zuschauer kann zunächst ganz subtil Querverbindungen entdecken, die vielleicht tatsächlich auf eine Verbindung zwischen den zweien hindeuten könnten. Während Hsiao-Kang sich ein Videoband von Truffauts Debütfilm Les quatre-cents coups (Sie küssten und sie schlugen ihn) immer wieder anschaut, trifft Shiang-shyi auf einem Pariser Friedhof auf den mittlerweile 40 Jahre älteren Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud und ähnliche nette Ideen wie der Tabubruch, der eine Kakerlake involviert oder Hsiao-Kangs seltsame Werbestrategie, um bruchsichere Uhren an den Mann zu bringen. Doch spätestens mit einer Parallelmontage zwischen (wenig befriedigenden) sexuellen Ersatzbefriedigungen und einer (meisterhaft in Szene gesetzten) Masturbationsszene der Mutter werden die angedeuteten Synergien etwas zu offensichtlich.

Bis auf die Schlussszenen (Kofferklau, »intensive Gefühle« und ein Riesenrad), die mich dann doch wieder versöhnten, liegen die Höhepunkte des Films allesamt vor der narrativen »Auflösung«: oft skurrile, aber vor allem bemerkenswerte Szenen.

What time is it there? (Tsai Ming-liang)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Während Antoine Doinel eine Milchflasche klaut, stibitzt Hsiao-Kang die Uhr in einem Kino-Flur, um dann von einem seltsamen Typen bis auf die öffentliche Toilette verfolgt zu werden. Der Film lebt von diesen kleinen Momenten, die wie Hsiao-Kangs Urinieren in Plastikbehältnisse immer wieder kleine Reaktionen verursachen, die vielleicht zum (meines Erachtens etwas aufgesetzten) Klimax des Films führen sollen.

Es scheint offensichtlich, dass Regisseur Tsai Ming-liang es nicht darauf angelegt zu haben scheint, es dem Zuschauer allzu leicht zu machen, doch gerade die sperrige Wirkung des Films (nahezu jede Einstellung dieses Films scheint eine Minute oder länger zu sein, was das Thema nur noch intensiviert) und die Entscheidungen gegen Sehgewohnheiten und Erwartungen machen aus What time is it there? einen wirklich beeindruckenden und trotz kleiner Schockmomente liebenswerten Film.

Insbesondere, wenn man Jean-Pierre Léaud mag.