Anzeige:
Die Box




3. Mai 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Hermia & Helena (Matías Piñeiro)


Hermia & Helena
(Matías Piñeiro)

USA / Argentinien 2016, Buch: Matías Piñeiro, Kamera: Fernando Lockett, Schnitt: Sebastián Schjaer, mit Agustina Muñoz (Camila), María Villar (Carmen), Mati Diop (Danièle), Keith Poulson (Lukas), Julián Larquier Tellarini (Leo), Dan Sallitt (Horace), Dustin Guy Defa, 87 Min.

Deutschlandpremiere in Anwesenheit des Regisseurs am Donnerstag, 4. Mai, um 20 Uhr im Arsenal 1; Wdh. am Freitag, 12. Mai, 19 Uhr 30 im Arsenal. In der Woche dazwischen zeigt man im Arsenal fünf weitere halblange und lange Filme des Regisseurs (El hombro robado, Todos mienten, Rosalinda, Viola, La Princesa de Francia) sowie den Kurzfilm In the Museum. Besonders hervorheben möchten wir noch Rosalinda (42 Min.) am Samstag, den 6. Mai um 21 Uhr, gefolgt von einem Werkstattgespräch mit dem Regisseur in der Reihe "Revolver live", geführt von Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth (in englischer Sprache).

Mit Angela Schanelecs Der traumhafte Weg und Terrence Malicks Song to Song habe ich in den letzten Wochen zwei Filme gesehen, die sich darin ähneln, wie sie ihre »Geschichten« elliptisch bis fragmentarisch erzählen und dabei konkret auf Rollennamen und konkrete Zusammenhänge oft verzichten. In Hermia & Helena, einer Variation diverser Themen aus Shakespeares A Midsummer Night's Dream, von einem mir zuvor unbekannten argentinischen Regisseur, der hier erstmals (teilweise) in englischer Sprache drehte, kam ich auch ganz schön ins Schleudern - aber manche Leute setzen sich ja auch gern ins Karussell.

Camila und Carmen tragen zwei durchaus ähnliche Namen (wie bei Shakespeare Hermia und Helena) und sind beides Austauchstudentinnen, die mit einem Stipendium von Buenos Aires nach Manhattan ziehen, um dort an einer Übersetzung des Shakespeare-Stoffs zu arbeiten. Allerdings nicht gemeinsam, sondern hintereinander. Sie kennen sich eigentlich nur deshalb, weil sie diese Aufgabe, eine zu übergebende Wohnung und sogar einige Bezugspersonen bis hin zu potentiellen Lovern teilen.

In den beiden Besprechungen aus den Pressematerialien lese ich, das Carmen (die Neue: Agustina Muñoz) und Camila (die Abreisende: María Villar) »friends« bzw. »pals« seien, aber das erinnere ich anders. Wenn überhaupt werden sie dies erst im Verlauf des Films. Aber vielleicht irre ich mich da auch, denn bevor wir als Zuschauer die beiden überhaupt richtig kennen, sind sie dann bereits schon getrennt, und durch die Postkarten von Danièle an Camila, die aber nun bei Carmen ankommen, wird die Verbindung zwischen den beiden quasi von außen noch gefestigt. Im Grunde ist dies auch eine von mehreren Dreiecksbeziehungen, die wichtigste, aber auch die lange Zeit »luftigste«.

Hermia & Helena (Matías Piñeiro)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Aber ich greife in meiner Erinnerung zu weit vor. Es beginnt noch etwas verwirrender, denn ich achte besonders auf die ersten Bilder eines Films besonders. Hier gibt es erst mal eine handschriftliche Widmung des Films, dann Frühlingsbilder in Überblendungen von manchmal (gefühlt) vier Bildern übereinander. Im Detail sehen wir eine Hand Postkarten verbrennen, ich dachte erst, es wäre eine Männerhand, aber inzwischen denke ich doch, es war eine Frau. Ich dachte dummerweise, die Identität der Person würde schnell aufgedeckt werden, aber es folgt nun eine sehr lange, durchaus komplexe Einstellung, in der wir dem über einen Park schweifenden Blick der Kamera folgen, während wir ein Telefonat hören. Mit der Zeit wird klar, dass ein im Bild zu sehender Mann einer der Gesprächspartner ist, der Kamerablick ähnelt einem subjektiven Eindruck der weiblichen anderen Gesprächspartnerin, die dann die Verbindung herstellt: »Are you wearing a blue jacket?« [...] »Look up, up, up!«

Kurz nach dem Filmtitel folgt nun auch einer von diversen Zwischentiteln, »Carmen & Camila«, und die beiden »Wohnungs-Cousinen« teilen sich in einem Gespräch über zu bedenkende Details aus (»be careful of Lukas« - »I don't like Americans«), die Inszenierung fokussiert sich jetzt ganz auf den Dialog, findet aber einfallsreiche hübsche Einstellungen für eine Standard-Situation mit talking heads. Das erwähne ich, weil mir der Film bereits sympathisch war, obwohl ich nicht wirklich einen Einblick hatte, worum es geht. Obwohl ich A Midsummer Night's Comedy zu meinen Lieblingsstücken von Shakespeare zähle, dachte ich auch beim Filmtitel nicht daran, weil es mir dabei mehr um Titania, Oberon und Puck geht, vielleicht auch noch um Bottom und seine Laienschauspielergruppe, aber die jungen Leute, die sich im Wald verlaufen und sich mal in den, mal in wen anderes verlieben, waren für mich immer einigermaßen austauschbar, dass insbesondere Hermia und Helena sich auch für eine lesbisch-feministische Deutung in den Vordergrund drängten, ging komplett vorbei an mir. Und wenn ich dann noch gewusst hätte, dass die drei Filme des Regisseurs zuvor jeweils Shakespeare-Stücke so umfunktionierten, dass nun eine weibliche Titelfigur ausgearbeitet wurde (Rosalinda, Viola, La Princesa de Francia), hätte ich das Ganze sicher anders aufgenommen, mich vielleicht zuvor noch mal mit Shakespeare befasst und stärker auf Parallelen geachtet, die sich dann aber doch deutlich abzeichneten.

Hermia & Helena (Matías Piñeiro)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Man könnte neben dem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, das hier auch die Wohnung einbezieht oder den sehr unterschiedlichen Spielorten (im Stück Athen und der magische Wald, im Film Manhattan und Buenos Aires) sicher vieles aus dem Film ziehen, wenn man wirklich firm im Stück steckt, aber wie gesagt, gerade die Szenen mit Hermia und Helena haben mich damals (mein Studium liegt auch schon fast zehn Jahre zurück) nie so interessiert. Im Film werden später konkrete Textstellen auch visuell eingebracht, aber weder die Matrize des Originalstoffs noch das Palimpsest des Films konnten mich hier wirklich in ihren Bann ziehen, weshalb mir viele Bezugspunkte verloren gingen.

Aber - im Gegensatz zu Malick und Schanelec - der Film hat mich trotzdem sehr fasziniert, denn hier läuft schon einiges nebenbei ab, was sehr interessant ist.

Sehr hübsch ist zum Beispiel eine Einstellung, in der man erst auf einem Schild »Columbus Park« stehen sieht, dann dreht sich die Kamera immer schneller und man schließt nach einem versteckten Schnitt mit einer Einstellung an, in der man sehen kann, dass man sich jetzt an der »Chambers Street Station« befindet. Wenn mir die beiden Orte irgendwas gesagt hätten, hätte die Szene natürlich noch viel besser funktioniert. Ich öffne hier absichtlich einige cans of worms, aus denen die Leser sich etwas rauspicken können.

Hermia & Helena (Matías Piñeiro)

Quelle: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Der zentrale narrative Kniff des Films besteht zum Beispiel darin, dass man, während die (minimalistische) Handlung in New York voranschreitet, immer wieder zum Tag der Abreise in Buenos Aires zurückkommt (»one month earlier«, »two months earlier«) und hier in kleineren Zeitabschnitten die Geschichte weitererzählt. Für mich hat das als jemanden, der in die verschiedenen Liebeleien des Films nie wirklich einstieg, zwar nicht so richtig funktioniert, aber zumindest war das immer noch interessanter als die ähnlichen Wahlverwandtschaften bei Malick. Zwischendurch geht es dann auch noch mal um Lady Chatterley's Lover (die Parallele ist weniger deutlich) und seltsamer Weise ist die universal als am spannendsten empfundene Szene des Films ein Frage-und-Antwort-Spiel (»Do you know who Hal Roach was?«) mit einer Figur, die erst sehr sehr spät ins Spiel kommt.

Piñeiro hat mich vor allem durch seine oft unerwarteten Regieideen verzaubert, wie die Überblendungen, die oft auch in camera entstehen, wenn bei Autofahrten (der Umzugs-Kleinlaster, zu dem man mehrfach zurückkehrt) einfach zum Himmel geschaut wird und man neben Brückenteilen Reflektionen sieht - übrigens ein Bild, das auch die Sache mit Shakespeare und dem filmischen Palimpsest hübsch illustriert.

Zwischendurch gibt es auch mal einen Kurzfilm in Schwarzweiß, den einer der künstlerisch veranlagten Stipendiaten gedreht hatte, vermutlich mit found footage Material wie bei Assayas (oder Guy Maddin). Hermia & Helena gab mir jedenfalls wieder Vertrauen in Filme, die man (oder genauer gesagt: ich) nicht einmal wirklich verstehen muss und sie trotzdem sehr genießen kann. Um mit einem Bild des Abspanns zu sprechen: Die Tür schloss sich zwar mehrfach, aber man hat eine gewisse Gewissheit, dass sie sich auch wieder öffnen wird und man einen weiteren Einblick erhaschen kann.