Anzeige:
Die Box




16. November 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Amerikanisches Idyll (Ewan McGregor)


Amerikanisches Idyll
(Ewan McGregor)

Originaltitel: American Pastoral, USA / Hong Kong 2016, Buch: John Romano, Lit. Vorlage: Philip Roth, Kamera: Martin Ruhe, Schnitt: Melissa Kent, Musik: Alexandre Lesplat, Kostüme: Lindsay McKay, Production Design: Daniel B. Clancy, Art Direction: Gregory A. Weimerskirch, Set Decoration: Julie Smith, mit Ewan McGregor (Seymour »The Swede« Levov), Jennifer Connelly (Dawn Levov), Dakota Fanning (Meredith »Merry« Levov), Peter Riegert (Lou Levov), Rupert Evans (Jerry Levov), David Strathairn (Nathan Zuckerman), Uzo Aduba (Vicky), Molly Parker (Sheila Smith), Valorie Curry (Rita Cohen), Hannah Nordberg (Merry mit 12), Ocean Nalu James (Merry mit 8), Julia Silverman (Sylvia Levov), Mark Hildreth (Agent Dolan), Samantha Mathis (Penny Hamlin), David Case (Russ Hamlin), MaxIvcic (Hamlin's Son), David Whalen (Bill Orcutt), Corrie Danieley (Jesse Orcutt), Jenny Vos (Sanatorium Nurse), 102 Min., Kinostart: 17. November 2016

Bei Literaturverfilmungen vergleiche ich gern mit der Buchvorlage, und von Philip Roths American Pastoral hatte ich schon Ende letzten Jahres die ersten 30 Seiten oder so angefangen. Dummerweise ist das Buch aber irgendwo in meiner Wohnung verlorengegangen und auch, wenn mich die Verfilmung dazu drängte, das Gesehene mit dem zu lesenden abzugleichen, fand ich weder das Buch rechtzeitig wieder noch wollte ich es mir ein zweites Mal anschaffen. Und so muss ich mich diesmal mehr auf Wikipedia-Wissen stützen.

Von den Zuckerman-Romanen (u.a. The Ghost Writer, The Human Stain und Exit Ghost) kenne ich aber genügende, um zu wissen, wie die ganz auf die Recherchen von Roths alter ego angelegten narrativen Rekonstruktionen so funktionieren. In diesem Fall soll es die vom Regisseur Ewan McGregor höchstpersönlich gespielte Hauptfigur Seymour Levov (inkl. Spitzname »The Swede«) tatsächlich gegeben haben, aber Roth nimmt dies nur als Anfangsinspiration (un McGregor konzentriert sich in seinem Film vermutlich eine Ecke deutlicher auf diese Figur und John Romanos Drehbuch unterschlägt dafür einige Punkte, die für die Entwicklung von Seymours Frau Dawn (Jennifer Connelly) sehr wichtig sind. Etwa, dass Seymour im Roman eine Affäre hat, die im Film fehlt - wodurch die Figur natürlich positiver wirkt. Ein Prozedere, das man oft im Zusammenhang mit prominenten Darstellern beobachten kann - was hier durch die Personalunion mit dem Regisseur für Ignoranten, die das Buch nicht gelesen haben, aber sich so ihre Vorstellung davon zusammenbasteln (hin und wieder muss man es ja so sagen, wie es ist), wie eine gewisses Makel wirkt.

Bis es zu den entsprechenden Stellen im Film kommt, ist die Geschichte aber schon fast zuende erzählt, und so kommen wir kurz auf die trotz der (bei normaler Spielfilmlänge notwendigen) Kürzungen sehr gelungenen ersten zwei Drittel des Films zu sprechen.

Amerikanisches Idyll (Ewan McGregor)

Bildmaterial: © Richard Foreman

Nach der typischen Rahmenhandlung mit Nathan Zuckerman (die hier in der an The Third Man erinnernden Schlussszene auch etwas zugespitzt wird) wird die vielversprechend beginnende Lebensgeschichte des für seine jüdische Religion ungewöhnlich wirkenden (seine Schulkameraden haben ihn bewundert) blonden College-Football-Spielers »The Swede« (McGregor) erzählt, der nicht nur eine »Schickse« heiratet, sondern gleich eine »Miss New Jersey«, deren Vater eine Handschuhfabrik leitet, die Seymour übernehmen wird.

Eine Erfolgsgeschichte, wie sie auch für den ein paar Jahrgänge jüngeren Zuckerman (David Strathairn) den »American Dream« der Nachkriegsjahre darstellte - noch dazu mit einem »von ihnen« in der Hauptrolle. »The Swede had done it!«

Dummerweise hat sich die Geschichte aber nichts so entwickeln, wie die Besucher eines Jahrgangstreffens, bei dem immer noch die Trophäen des ehemaligen Sport-Stars in den Vitrinen stehen, es sich gedacht hätten.

Denn die gemeinsame Tochter von Seymour und Dawn, Meredith aka »Merry«, leidet unter einem schweren Stottern, was zu einer Bilderbuchfamilie nicht so perfekt passt (erster großer Konfliktpunkt: Haben die Eltern auf so etwas hingearbeitet, und hat die Tochter das Recht, ihnen später diesen von ihr so aufgefassten Erwartungsdruck vorzuwerfen?).

Was wie ein winziges Detail beginnt, wuchert zu einem deutlichen Charaktermerkmal: Merry (Dakota Fanning) ist nicht nur alles andere als »merry«, sie rebelliert gegen ihre Establishment-Eltern - und das zum Ende der 1960er, als Rassenunruhen und deren polizeiliche Niederschlagung fast zu einem neuen Bürgerkrieg führen - und Merry steckt mittendrin, will ihren Beitrag leisten und wird schließlich sogar polizeilich gesucht.

Amerikanisches Idyll (Ewan McGregor)

Bildmaterial: © Richard Foreman

Natürlich leidet darunter auch die Ehe ihrer Eltern, im Film geht es aber größtenteils um ihren Vater, der die untergetauchte Tochter sucht und dabei teilweise fast wie in einem Agententhriller wirkt: suspekte Zirkel hier, eine Regierungsverschwörung dort - und nebenbei auch noch eine mysteriöse femme fatale namens Rita Cohen, die Seymour von seinen Recherchen ablenken zu versuchen scheint - aber gleichzeitig vielleicht seine beste Chance darstellt, die Tochter je wiederzusehen.

Sexualität ist bei Philip Roth immer ein wichtiges Thema. Im Film entdeckt man eine seltsame Spannung zwischen Tochter und Vater, die den Kern der ganzen Erzählung darstellen könnte, die aber nie konkret ausformuliert wird (und auch in der recht ausufernden Wikipedia-Inhaltsangabe keine Rolle spielt). Die folgende Szene weckte in mir den großen Wunsch, nachzulesen, ob es im Buch an diesem Moment ganz ähnlich verläuft - oder ob Drehbuchautor John Romano vielleicht ganz clever einen zusätzlichen Subtext mit eingearbeitet hat.

Amerikanisches Idyll (Ewan McGregor)

Bildmaterial: © Richard Foreman

Die 12jährige Merry (Hannah Nordberg) sitzt im Auto ihres Vaters und erkundet quasi, was sie in der Pubertät erwarten könnte. »Do I look like Audrey Hepburn?« - »Better, you look like Meredith!« antwortet der vorbildliche Vater (Moon River kann sie übrigens ohne Stottern singen). Als das Auto mal steht, soll er sie küssen. »Daddy? K-k-kiss me!« Der Vater erfüllt ihr den Wunsch, doch sie will mehr. »No, really kiss me. Like you kiss mother!«

Und dann sieht man des Vaters Blick auf den Schulterträger ihres Kleides und er weigert sich nicht nur (was man ja auch erwarten würde), sondern er beginnt dabei zu stottern. »N-n-n-n No! And fix your dress.« Diese Szene ist so deutlich in der Betonung dieses winzigen Details, dass man noch Jahre später in der Erzählung hier den Ursprung des Bruchs vermutet. Entweder aus der Sicht Merrys, die sich abwendet von ihrer Familie (schon die Wortwahl »mother« statt »Mum« oder ähnlichem wirkt für mich wichtig) - oder aus der Sicht Seymours, der noch Jahre später eine Schuld einzulösen versucht, die vielleicht nur in einem flüchtigen Gedanken bestand. Oder vielleicht auch in mehr.

Später, wenn es um politische Themen geht, fallen immer wieder Sätze, die zu dieser Kernszene passen: »Doesn't anybody have a conscience?«; »There's something happening here.«; »against decency« (die letzten beiden Zitate stehen in meinen Notizen direkt hintereinander, ich weiß aber nicht mehr, ob sie auch im Film in so einem konkreten Verhältnis zueinander stehen).

Amerikanisches Idyll (Ewan McGregor)

Bildmaterial: © Richard Foreman

Und wenn man erstmal den Blick geschärft hat auf diesen Subtext, dann taucht er überall auf, nicht zuletzt auch bei der »Freundin« von Merry, Rita Cohen (Valorie Curry), die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Handschuhfabrik einschleicht - und es wirkt fast so, als ginge es weniger darum, dass sie Merrys »Audrey-Hepburn-Scrapbook« abholen soll, oder dass sie Seymour verführen will (»This little person, younger than Merry«), sondern wie sie ein eigens für sie gefertigtes Paar Handschuhe anziehen soll: »Slowly. Always slowly the first time.«

Es ist durchaus möglich, dass viele Zuschauer diesen Themenkomplex nicht wahrnehmen oder ausblenden, aber für mich ist hier die interessanteste Frage: Finden sich all diese Elemente schon genau so im Roman? Oder womöglich noch weitere?

Man muss dabei natürlich auch immer die Erzählerinstanz Zuckerman im Hinterkopf behalten, denn rein logisch betrachtet ist es ja eher so, als hätte der sich all diese Handlungspunkte ausgedacht - Wer soll ihm davon erzählt haben? Von der Szene im Auto oder dem Handschuhmoment? Und da zeigt sich auch irgendwie, dass ich auch ohne das Buch gelesen zu haben, den Film irgendwie mit anderen Augen gesehen habe, denn im Kino hinterfragt man ja nicht automatisch jede Flashback-Sequenz - weil sie längst zum narrativen Instrumentarium geworden ist. Und es in diesem Film ja nicht vorrangig um einen unreliable narrator geht. Oder gar um zwei oder drei Ebenen von Erzählern: Was hat Seyour seinem Bruder erzählt? (und warum?). Was hat der Bruder Nathan erzählt? Und vor allem im Roman: Was hat Nathan als Autor daraus als Erzählung entwickelt? (Im Film geht es nicht wirklich darum, dass man einen Roman von Nathan Zuckerman liest.)

Aber mal losgelöst von den Unterschieden zwischen Buch und Film: Ewan McGregors Regiedebüt überzeugt mit Ausnahme des zum Schluss stiefmütterlich behandelten Themas von Seymours Ehe und dem Detail, dass die Figur Seymour hier und da zu positiv gezeichnet wirkt, durchaus. Natürlich ist längst nicht alles perfekt, die Story ist nicht durchgängig gleich packend - aber allein den Mut, sich an die Verfilmung eines solchen Brockens heranzuwagen, muss man loben.