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10. November 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Magnus - Der Mozart des Schachs (Benjamin Ree)


Magnus - Der Mozart des Schachs
(Benjamin Ree)

Originaltitel: Magnus, Norwegen 2015, Buch: Linn-Jeanethe Kyed, Benjamin Ree, Kamera: Magnus Flåto, Benjamin Ree, Øyvind Asbjørnsen, Schnitt: Perry Eriksen, Martin Stoltz, Musik: Uno Helmersson, Tongestaltung: Fredric Vogel, mit Magnus Carlsen, Henrik Carlsen, Sigrun Carlsen, Garri Kasparov, Viswanathan Anand, Vasily Ivanchuk, Vladimir Krannik, Mathias Müller Weber, Ingrid, Ellen & Signe Carlsen, 76 Min., Kinostart: 10. November 2016

Diese spannende Doku beginnt mit dem Presserummel bei der Schachweltmeisterschaft 2013 (der deutsche Starttermin wurde nahe des jährlichen Termins gewählt), eher man von dort mit der Frage an Henrik, den Vater von Magnus Carlsen beginnt: »How did it all start?«

Da die Familie den Film offensichtlich unterstützte, gibt es eine Menge altes Filmmaterial, das zeigt, wie der 1990 geborene Magnus aufwuchs. Oft scheint er in Gedanken verloren, es ist mitunter schwierig, ihn zu instruieren, wenn es um physische Handlungen geht. Aber er findet schnell zu seiner Begeisterung für's Schachspiel, wobei der Vater, selbst leidenschaftlicher Schachspieler, offensichtlich mitschuldig ist. Mit fünf bringt er ihm die Regeln bei, unterstützt aber die spielerische Weise, ans Spiel heranzugehen.

Magnus' Geheimwaffe ist die Intuition. »I sacrifice a lot of pawns for intuition.« Während er in der Schule Mobbing-Probleme hat (»It's hard to be cool when I play chess«), darf er mit 13, als zweitjüngster Träger des »Großmeister«-Titels, bereits gegen den früheren Weltmeister Garri Kasparov antreten. Die Nr. 786 der Welt gegen die Nr. 1, die Ausgangslage ist unbekümmert (»I don't have mutch to lose«). Magnus wirkt eher gelangweilt, sein Blick schweift umher, er setzt Kasparov unter Druck, geht dann mal wieder ein paar Schritte weg vom Brett, um augenblicklich auf den nächsten Zug zu reagieren. Kasparov schüttelt das Haupt, Magnus' Familie ist begeistert, in den frühen Runden kann der Knabe dem weltberühmten Schach-As ein Remis abringen.

Magnus - Der Mozart des Schachs (Benjamin Ree)

© Moskus Film

Man kann in einer Szene, wenn Magnus zur per Knopf zu betätigenden Uhr blickt und ein Zwischenschnitt folgt, zumindest erahnen, dass man sich hier nicht 100%ig auf die Regeln der reinen Dokumentation einlässt, aber ausnahmsweise war mir das auch egal, weil es jetzt auch keinen wirklichen Unterschied macht, ob man die Uhr später aufgenommen hat und sie eine falsche Zeit anzeigt. Es geht hier einfach um die Spannung, die man in der Montage aus dem dokumentarischen Material herausarbeitet. Ich habe hierbei aus irgendwelchen Gründen einen Bildhauer vor Augen, der sein Werk aus dem vorhandenen Material herausarbeitet, es »befreit«, auch, wenn der Vergleich natürlich hinkt, weil die kurze Einstellung von der Uhr quasi einem mit Holzleim angeklebten Zahnstocher entspricht. Aber solange der Effekt funktioniert und man keine boshafte Fälschung vermutet, lässt man es geschehen.

Was den Film ausmacht, ist die Kombination der cleveren »Spielfilm«-Inszenierung mit dem Herausarbeiten der dokumentarischen Botschaft. Das klappt hier fast eine Spur zu gut, so deutlich implizieren nur wenige Dokus eine »verborgene Wahrheit«. Man kommt aber Magnus und seiner ganzen Familie einigermaßen nahe, und nach einem Simultanmatch gegen zehn Experten an der Harvard-Universität. Magnus mit Augenbinde, er merkt sich alle Spiele einigermaßen einfach, weil er, wie er mal ausführt, in einem Teil seines Hirns so gut wie immer über irgendwelche Schachdinge nachdenkt. Bei diesem Schauspiel hört man fünfmal ganz deutlich das »Matt«, dass Magnus alle Spiele gewonnen hat, wird immerhin impliziert, letztlich wäre es hier aber auch nur von geringem Belang, wenn es 9:1 ausgegangen wäre und man dies quasi verschwiegen hätte.

Magnus - Der Mozart des Schachs (Benjamin Ree)

© Moskus Film

Der Höhepunkt des Films bahnt sich dann 2013 an, mit einem Qualifikationsturnier in London, dessen Gewinner den Schachweltmeister herausfordern darf. Da dies auch bereits sehr spannend ist, lasse ich mal außen vor, ob Magnus bereits im selben Jahr in Chennai gegen Viswanathan Anand antreten darf, der zu dem Zeitpunkt fünffacher Weltmeister war.

In London hat Magnus erfahren, dass man sich auf die Intuition nicht immer verlassen kann, in Chennai tritt er gegen einen Veteran an, der ein ganzes Team an Großmeistern hinter sich hat, das die Schwächen des Gegners auslotet, um dessen Strategien zu durchbrechen (natürlich zwischen den einzelnen Partien). Die größte Furcht des Team Carlsen ist, dass Magnus verlieren könnte, ohne dass Anand jemals für sich selbst denken müsste, sondern einfach sein »Programm« abspult.

Schon vorher hat man erlebt, wie emotional Magnus reagieren kann. Eine seiner Schwester fasst es zusammen: »He gets so angry at himself when he loses - and he expects so much from himself.« Schon der Empfang in Chennai ist psychologische Kriegsführung, bei der Anand sein Heimspiel voll auskostet. Und so geht es auch weiter. Bei einem frühen Spiel kommt der Weltmeister erst sehr kurz vor dem festen Starttermin - und lässt Magnus quasi »im eigenen Saft braten«. Etwas später sieht es so aus, als wolle Magnus diesen Trick umdrehen. Doch die Parallelmontage offenbart, dass er tatsächlich Probleme hat, rechtzeitig anzukommen - und wegen der »zero tolerance rule« verliert er das Spiel sogar. In jedem Spielfilm hätte man das als zu dick aufgesetzt kritisiert, aber das Leben ist stranger than fiction.

Magnus - Der Mozart des Schachs (Benjamin Ree)

© Moskus Film

Erst nach Spiel 4 reist die Carlsen-Familie nach und gibt Magnus den Rückhalt, den er dringend braucht, plötzlich wirkt er wieder entspannt, wo er zuvor seinen Stift fallen ließ und ein Satz fasst den Zwischenstand sehr passend zusammen: »It's man against man now, and that's bad news for Anand...«

Hier und da hätte Magnus noch eine Spur perfekter ausfallen können. Die versöhnliche Familienbotschaft wirkt wie aus einem Hollywood-Film, die Live-Kommentation des Weltmeisterspiels ist so akzentuiert, dass sie fast wie eine Parodie wirkt (natürlich hätte man daran nichts ändern können, aber die Frage bleibt, ob man das einspielen muss). Und ich war auch ein wenig verwirrt, weil ich eine Diskrepanz zwischen meinem Regelverständnis und einer Aussage des Films sah (vermutlich hatte man einfach ein oder zwei Spiele weggelassen, die der Dramaturgie nicht zuträglich waren), aber alles in allem ist Magnus eine der spannendsten Dokus seit langem - und trotz der Betonung der Spannungselemente funktioniert der Film als auch Vertreter seines Genres. Nicht perfekt, aber auf jeden Fall sehenswert.

(Und nebenbei habe ich etwas wichtiges über das Schachspiel auf hohem Niveau erfahren: Wer mit Schwarz spielt - Weiß beginnt bekanntlich - und dennoch ein Unentschieden erringen kann, hat tosenden Applaus verdient.)