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26. Oktober 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Doctor Strange 1: Der Preis der Magie (Jason Aaron & Chris Bachalo)


Doctor Strange 1: Der Preis der Magie
(Jason Aaron & Chris Bachalo)

Doctor Strange (2015) Heft 1-5, Autor: Jason Aaron, Penciller: Chris Bachalo (5 Seiten: Kevin Nowlan), Inker: Tim Townsend u.a., Übersetzung aus dem Amerikanischen: Marc-Oliver Frisch, Redaktionelle Betreuung: Christian Endres, 111 Comic-Seiten plus 5 Cover, 14,99 Euro, Panini Comics, erschien Anfang Oktober 2016

Während ich mir aus dem Hause DC von der ersten Night Force-Serie über Dr. Fate (drei Serien unterschiedlicher Lauflänge), The Spectre (den Run mit den vielen Leucht-Covers) bis hin zum Hellblazer und seiner ganzen Trenchcoat Brigade so einiges gekauft habe, was man zu den »mystischen« Serien zählen könnte (obwohl die Grenze zu den »übernatürlichen« Serien hier nicht immer scharf umrissen ist), habe ich von Doctor Strange fünf Hefte aus 1988 (#14-#18, »The Vampiric Verses«), weil eine christliche US-Sängerin nach #15 ein Gerichtsverfahren wegen der ungenehmigten Nutzung ihres Konterfeis auf dem Cover anstrebte (habe ich nicht mal zuende gelesen), das nur bedingt aussagekräftige »Amalgam«-Heft Doctor Strangefate (1996) und ein Special, das P. Craig Russell gezeichnet hat (What is it that disturbs you, Stephen? von 1997).

Das bei Panini herausgekommene erste Trade Paperback des soundsovielten Reboots (New Marvel, All-New Marvel, All-New, All-Different Marvel ... wer steigt da noch durch?) sprach mich auch vor allem durch den Zeichner an. Chris Bachalo hatte seinen ersten großen Comic-Auftritt in Neil Gaimans Sandman #12 (»Playing House«, Coverdate Januar 1990), ehe er langfristig Peter Milligans Version von Shade the Changing Man zu einem Ereignis machte und dann u.a. Gaimans Death-Miniserie ablieferte, ehe er bei Marvel und den New Mutants landete. Dann habe ich ihn irgendwann aus den Augen verloren. Ähnlich wie Mike Dringenberg hat Bachalo einen eher Comic-untypischen Look. Weich, kindlich-verspielt, mit einem Hang zu gefühlt 16-20jährigen Mädchen (und Jungen), die hier aber nicht aussehen wie Marvel-SuperheldInnen, sondern wie Nerds und Goth Girls (kein Wunder, das Neil Gaiman auf ihn abgefahren ist und Peter Milligan quasi das multidimensionale Gegenstück zu Betty & Veronica bzw. Terry Moores Strangers in Paradise mit ihm zusammen entwarf. Wenn Bachalo fünf bis zehn Jahre später zu den Comics gekommen wäre, hätten wir ihn womöglich an die Mangas verloren.

Auch bei seinem Doctor Strange fehlt nicht viel, und er würde als chibi (so eine niedlich kleinkindliche Manga-Version einer Figur, die auf deren emotionale Unreife hinweist) auftauchen. Aber Bachalo (und sein Autor Jason Aaron) kombinieren das mit einem dritten Auge auf der Stirn (»mit dem dritten sieht man besser!« [kein Comiczitat]), einem sich auch auf der Oberfläche zeigenden »Hirnmaden-Befall« oder schwarz blutenden Augen, und der manchmal recht putzig wirkende Stephen Strange wirkt dadurch vor allem verletzlich und nicht so arrogant wie sonst in seinem Ra's-Al-Ghul-Look mit leicht orientalischem Einschlag.

Auf dem Backcover des Trade-Paperbacks bekommt man als Leser einen gerne zur Notiz genommenen Hinweis, denn das Branchen-Fachblatt IGN wird zitiert: »Eine großartige Kombination aus Witz und übernatürlichem Drama.« Diese Genreeinordnung passt auch gut auf den Doctor-Strange-Film, der im bierernsten Tonfall vergangener Epochen vermutlich kaum funktionieren würde. Ich muss zugeben, dass es mir im Film leichter gelang, den ironischen Tonfall mit dem martialischen Weltenrettungsszenario zu verbinden - aber da hatte ich ja auch schon den Comic als Einstimmung gelesen...

  Doctor Strange (Scott Derrickson)


Doctor Strange
(Scott Derrickson)

USA 2016, Buch: Scott Derrickson, Robert Cargill, Jon Spaihts, Figuren: Steve Ditko, Stan Lee, Kamera: Ben Davis, Schnitt: Sabrina Plisco, Wyatt Smith, Musik: Michael Giacchino, Music Supervisor: Dave Jordan, Kostüme: Alexandra Byrne, Production Design: Charles Wood, Special Effects Supervisor: Paul Corbould, Visual Effects Supervisor: Stephane Ceretti, mit Benedict Cumberbatch (Stephen Strange), Chiwetel Ejiofor (Mordo), Tilda Swinton (The Ancient One), Benedict Wong (Meister Wong), Rachel McAdams (Dr. Christine Palmer), Mads Mikkelsen (Kaecilius), Michael Stuhlbarg (Dr. Nic West), Benjamin Bratt (Jonathan Pangborn), Scott Adkins (Lucian), Chris Hemsworth (Thor), Stan Lee (Bus-Passagier), 115 Min., Kinostart: 27. Oktober 2016

Nicht nur beim Humor ähneln sich Comic und Film, ein kleines »Zusatzkapitel«, das Kevin Nowlan für Heft 1 gestaltete und das einem gleich einen Einblick in die der Welt drohende Gefahr gibt, wird im Film sehr ähnlich umgesetzt. Andere Killertruppe mit anderen Zielen, anderes Opfer, aber irgendwie doch sehr ähnlich. Im Film setzt man diesen Moment dramaturgisch noch vor der origin story, die man im Comic - in deutlicher Kenntnis, dass die Figur bereits ein halbes Jahrhundert Comic-Vorleben durchgemacht hat - ziemlich clever auf eine Einstiegsseite aus den alten Comic reduziert und konzentriert, über die der Titelheld in den captions quasi drüberlabert.

Im Film undenkbar, da wird die Entwicklung vom überheblichen Chirurgen zum »sorcerer supreme« natürlich ausführlich erzählt, inklusive der Beziehung zur Arztkollegin Dr. Christine Palmer (Rachel McAdams), die im ersten Film noch eine Bedeutung hat, während man davon ausgehen kann, dass sie später wie Natalie Portman, Liv Tyler oder Gwyneth Paltrow (die spielten die Gschmusis von Thor, Hulk und Iron Man) in den Hintergrund treten wird, weil individuelle Love-Stories in Teambemühungen zu viel Erzählzeit verschwenden.

Doctor Strange (Scott Derrickson)

Photo Credit: Jay Maidment ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Zurück zur Origin: Dr. Stephen Strange (überzeugend dargebracht von Benedict Cumberbatch) offenbart in kurzer Folge seine Expertise als Chirurg, hat dann einen Autounfall, während er in seinem Sportwagen auf einem extra eingebauten Monitor prestigewürdige Röntgenaufnahmen aus-checkt - und muss sich dann die übelst zugerichteten Finger von einem suboptimalen (also nicht er selbst) Arzt retten lassen. Als er um jeden Preis seine alten Fähigkeiten zurück will, entzweit er sich auch mit Christine, die ihn in seiner Rekonvaleszenz-Zeit sogar rasierte (»But this isn't medicine anymore - this is mania!«).

Durch einen unglaublichen Fall, bei dem eine schwere Rückenverletzung überwunden wurde, findet er zum Himalaja (Plakat eines Reisebüros: »Himalaya Tours - Find peace! Find yourself!«) und das tumbe vor-einer-Wand-stehen, während neben ihm sozusagen der Schlüsselmeister steht, findet man ebenfalls auch im ersten Heft des Comics (nur dass dort Strange selbst den metaphorischen Schlüssel hat und sein möglicher späterer love interest Zelma Stanton - der verjüngte Ersatz für Christine? - eingelassen werden will.

Dr. Strange

Im Film folgt hier das Zusammentreffen mit Mordo, gespielt von Chiwetel Ejiofor, der sich trotz des suspekten Rollennamens wie ein weiser Freund Stranges einbringt (»You're looking for Kamar-Taj... I once stood in your place and I too was disrespectful - so listen to my advice!«)

Der Kern der Filmhandlung ist die »Ausbildung« zum Magier. Hier fällt es einem als Filmkenner sehr leicht, zahlreiche Anknüpfungspunkte in der Filmgeschichte auszumachen (Star Wars, The Matrix, Harry Potter), aber bevor man die Lehrmeister von Dr. Strange mit Obi Wan Kenobi, Morpheus oder Dumbledore und Konsorten vergleicht, sollte man im Auge behalten, dass die ersten Abenteuer von Dr. Strange, damals von Steve Ditko und etwas Unterstützung von Stan Lee, zwar auch schon diverse Vorbilder aus der Pulp-Geschichte hatte, sich aber die Konstellationen weiser Lehrmeister und ungestümer Azubis quasi in jedem Jahrzehnt mehrfach neu durchspielen ließen - bei Ninja Turtles und Kill Bill sind die orientalischen Wurzeln besonders deutlich, aber wenn man die Geschichte der »weißen Magier« mit ins Feld führt, sind die Variationen schnell Legion.

Doctor Strange (Scott Derrickson)

Photo Credit: Jay Maidment ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Und natürlich spielt man mit dieser reichen Tradition im Film, am oberflächlichsten, wenn der auf die Heilmethode für seine Chirurgenhände hoffende Strange seinem Lehrmeister, »The Ancient One«, gegenübertreten soll, und man mit den Erwartungen spielt (wobei man ein prominentes Darstellergesicht natürlich verbergen muss, damit der Gag funktioniert).

Als ich den Comic las, stolperte ich übrigens hier und da über einige Formulierungen (»Ei der Daus!«), bei denen ich mich fragte, wie dieser oder jener Satz im Original lauten mochte. Wenn hier in einem Flashback »der Uralte« ins Spiel gebracht wurde, kam ich mit etwas Überlegung sogar selbst darauf, dass er im Original vermutlich »The Ancient One« heißen wird. Den Film habe ich glücklicherweise im Original gesehen, aber aus der Figur, die Tilda Swinton hier spielt, wird wohl in der Synchronfassung »Die Älteste« werden (steht so im Presseheft). Viel simpler kann man kein Argument für das Original entwickeln. »The Ancient One« ist erhaben und geschlechtslos, »der Uralte« und »die Älteste« wirken vor allem alt, zusätzliche Charakteristika müssen sich die Figuren erst noch erarbeiten. Aus einer präzisen Formulierung wird ein schlecht passender Ersatzbegriff, man muss vermutlich ganz schön tricksen, damit die oben beschriebene Szene in der Synchro halbwegs funktioniert.

Doctor Strange (Jason Aaron & Chris Bachalo)

©2016 Marvel.

Der Film hätte sich jetzt gut eine Stunde im beliebten Umfeld »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« bewegen können, und das wäre vermutlich sogar unterhaltsam gewesen - aber man zieht das Tempo deutlich an und eine Umfrage unter Kinozuschauern, wie lange Stranges Einführung in die Magie gedauert hat, würde vermutlich sehr unterschiedliche Einschätzungen zum Vorschein bringen. Wie Harry Potter recht früh auf Lord Voldemort trifft, muss auch Strange einen Solokampf gegen den Ober-Bösewicht Kaecilius (Mads Mikkelsen) überleben, der im Verlauf des Films immer mal wieder einige Schergen an seiner Seite stehen hat, die er im laufenden Wechsel austauscht und die weder vernünftige Dialogzeilen noch einprägsame Namen erhalten. Im Abspann heißen die dann »Brunette Zealot«, »Tall Zealot«, »Blonde Zealot« oder »Strong Zealot / Lucian«. Schon ein bisschen lieblos, wenn man statt der reichen Marvel-Historie lieber die Level-Logik eines Videospiels bemüht - aber Doctor Strange setzt sich teilweise auch positiv ab vom superfetten MCU-Wulst, wo man als neuer Zuschauer eigentlich kaum mal einsteigen kann. Obwohl der Film eigentlich wie Ant-Man und demnächst Spider-Man und Black Panther vorrangig dazu da ist, um das Personal für die nächste größere Materialschlacht aufzustocken, gibt es hier nahezu keinerlei Hinweise auf andere Marvel-Filme. Zwei oder drei mal sieht man den Avengers-Wolkenkratzer in der New Yorker Skyline und in einer der Abspann-Szenen kommt dann die obligatorische Rekrutierung, die schon bei The Incredible Hulk, also zu Zeiten, als das MCU eher noch eine fixe Idee war, dazugehörte - aber das war's eigentlich. Stan Lee hat seinen Auftritt, aber keine Erwähnungen späterer Bösewichte, keine Cameo-Auftritte im »Hauptfilm« - und nicht einmal irgendwelche Gespräche darüber, welche Steine noch im »Infinity Gauntlet« fehlen oder was Thanos oder der Collector gerade aushecken. Wie gesagt, ich werte das durchaus positiv, und den Umstand, dass man sich nicht vorrangig bei den Comic-Nerds anbiedert, zollt man auch durch ein veränderteten »Marvel-Studios«-Filmchen Tribut, in dem diesmal nicht Comic-Panels »geblättert« werden, sondern man ganz deutlich auf die inzwischen auch schon recht umfassende Marvel-Film-Geschichte hinweist. Nach dem Motto: Ein Szenenbild mit Scarlett Johannsen können 100 mal mehr Kinogänger zuordnen als eine klassische Comicszene von Steve Ditko.

Doctor Strange (Scott Derrickson)

Photo Credit: Jay Maidment ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Bei den zahlreichen »Dimensionen«, die Dr. Strange so bereist (vorerst vorrangig eine »dunkle« und eine »Spiegel«-Dimension), hat man sich laut Presseheft zwar von den Comics inspirieren lassen, aber abgesehen von einem knallbunten halluzinogen Trip, der selbst Kubrick mau dastehen lässt, wirkt erstaunlich vieles wie eine leicht ausgeweitete Mischung aus den frei beweglichen Treppen bei Harry Potter und das »wir rollen die Megacity auf wie einen Badezimmerläufer« aus Inception. Das soll jetzt nicht besonders negativ dargestellt werden, aber da war durchaus noch mehr drin. Insbesondere die Escher-Szene (ich glaube in London) wirkte für mich wie auf Sparflamme. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil des visuellen Teams dieses Films miteinander vertraut und eingespielt ist (die Hauptverantwortlichen für Kamera, Kostüme, Production Design und Special Effects, aber auch der Music Supervisor saßen alle bereits bei Guardians of the Galaxy und Avengers: Age of Ultron im Boot), wirkt es so, als wenn man sich Mühe gibt, nicht zu viele Popcorn-Bilder rauszuhauen, die man dann ein Jahr später wieder »überbieten« muss. Da hält man sich bei den X-Men-Filmen, die hier und da auch mal erkennbare Budgetgrenzen haben, weitaus weniger zurück. Da möchte man dem Filmteam ein abgewandeltes Filmzitat entgegen werfen: »Create like your job depends on it - because one day it may!«

Doctor Strange (Scott Derrickson)

Bildmaterial: ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Dr. Strange

Doctor Strange funktioniert nicht dort am besten, wo man mit großkotzigen Konzepten wie dem »mirror universe« oder der »un-time« um sich wirft, sondern da, wo die spirituelle Welt (oft auf komische Weise) mit dem Alltag kollidiert. Eine heruntergefallene Nierenschale oder der »Jackpot« bei der Vending-Maschine haben mich jedenfalls mehr überzeugt als eine ausgewalzte Spielerei mit den Gesetzen der Zeit, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man nur jene Konsequenzen zulässt, die den aktuell gewünschten emotionalen Effekt haben - übrigens auch ein Probleme bei den Materialschlachten der »Team«-Filme.

Im Comic funktioniert der von IGN so gelobte Witz nicht durchgehend, mich persönlich störten auch die gefühlt sehr häufig stattfindenden mythisch aufgeladenen Ausrufe der Verblüffung, die bevorzugt unten rechts auf der rechten Seite (also direkt vorm Umblättern) stattfanden (»Oh, bei allen Höllen...«, »Gütiger Agamoto.«).

Beim Film funktioniert die Mischung ganz gut, das Unterhaltungsniveau ist auch fast gleichbleibend, aber ich vermisse diesmal so etwas wie ein Thema, einen Subtext - damit konnte man in den letzten Marvel-Filmen eigentlich immer punkten.

Das gemeinsame Fazit lautet also: Nette Unterhaltung, aber es wäre mehr drin gewesen.